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(S)TÜRMisches

Alle Jahre wieder schlendern die Frankfurter Anzugträger begleitet von Kollegen, Freunden und Gattinnen mit einem Glas Wein in der Hand durch das Bahnhofsviertel. Und nicht nur die: 500.000 Menschen finden es offenbar kurzweilig und spannend, einen Blick in die Laufhäuser zu wagen in denen Freier für 25 Euro die halbe Stunde bedient werden. Dieses Jahr waren zum ersten Mal auch weibliche „Spanner“ in den Bordellen erlaubt. In seiner neuen Tourismus-Broschüre hebt Oberbürgermeister Feldmann das Rotlichtviertel und seine Etablissements als besonders akttraktiv hervor. Wie er später zugab, ein grober Fehler! Es stört das Partyvolk wenig, dass es an drogensüchtigen Menschen vorbei flaniert, die betäubt auf dem Bürgersteig liegen, sich einen Schuss setzen oder vor den Drückerräumen Schlange stehen. Das Fest bietet schließlich eine Menge Fressbuden und Live-Musik – und eben dieses verruchte Etwas. Ich frage mich, in welchem fatal falschen Film sich Menschen befinden, die mitten im Elend des Drogenmilieus und der Prostitution noch Spaß an ihrem Rundgang haben. Das ist dekadent und voyeuristisch. Man bewegt sich als Gaffer in der anonymen Masse und entsetzt sich mit leisem Gruseln über das Milieu? Das kommt mir vor, wie die Freier mit Kindersitzen im Auto, die in der Mittagspause auch nur mal schauen – oder spielen – wollen. Süchtige tun mir leid, die im Bahnhofsviertel im wahrsten Sinne des Wortes in der Gosse gelandet sind. Prostituierte haben sich ihren Job auch nicht ausgesucht, weil ihre Freier so attraktiv, charmant und freigebig sind. Ein Tourismus, der, unterstützt von oberster Stelle, die satten, gelangweilten Spießer auf der Suche nach immer neuen Kicks auf die armen Teufel loslässt, ist heuchlerisch und verlogen. Lasst die in Ruhe, die keine Wahl und sich verloren haben! Die moderne Geisterbahn durch Elbestraße, Moselstraße und Kaiserstraße ist nichts anderes als Ausdruck von Ennui. Man kokettiert mit den menschlichen Abgründen. Wer sich mal so richtig in diesem Viertel amüsieren will, Herren an die Front, der zahle einen anständigen Preis! Nur mal gucken und sich ekeln ist zu billig. Kaum zu toppen ist die Geschmacklosigkeit eines Herrenabends, der kürzlich in einem bekannten Frankfurter Restaurant stattfand: Ein fünfzigster Geburtstag. Die schriftliche Einladung bestand nicht nur aus der Menükarte und einer illustren Gästeliste, sondern war umrahmt von schmutzigen Witzen. Sogar der Restaurantbesitzer, ein Frankfurter Urgestein, war geschockt, als um 1 Uhr nachts professionnelle Stripperinnen und Prostituierte sozusagen als Überraschungsdessert an der Tür klingelten. Bodyguards waren postiert, um sie hereinzulassen, eventuell randalierende Gattinnen aber abzuweisen. Der Gastgeber schien sich seiner Sache so sicher zu sein, dass sogar seine beiden Söhne dabei waren. Der Abend wäre ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse gewesen, aber alle hielten – als Komplizen – dicht. Handys wurden vorsichtshalber schon vorher alle konfisziert. Ob die Gattinnen in ihren weißen Villen jemals von den geschmacklosen Vorlieben ihrer Männer erfahren – ich weiß nicht, was ich ihnen wünschen soll! Auf jeden Fall klingen diese Feste weder nach Frohsinn oder Kameraderie noch nach Weinseligkeit, sondern nach vulgären Ausschweifungen, die wahren Herren schlecht zu Gesicht stehen. Da lob ich mir den Herbstmarkt in Kronberg, der unbeschwerte Stunden für Groß und Klein bietet, kulinarische Genüsse und nette Plaudereien – auch am Handy – inklusive.

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