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(S)TÜRMisches

Als ich Kind war, fragte ich meine Mutter alljährlich im Frühjahr: „Darf ich jetzt Kniestrümpfe anziehen?“ War das Thermometer noch höher geklettert, hieß die Frage: „Darf ich jetzt Söckchen anziehen?“ Von der Beantwortung dieser Fragen hing das Ansehen in der Klasse ab; wer früh nackte Beine zeigte, galt als cool, obwohl diese Vokabel noch nicht gebraucht wurde.

Als Erwachsene erlaubte ich mir dann selbst, was ich tun oder anziehen wollte.

Aber mit zunehmendem Alter mehren sich die Arztbesuche. Ich bin pünktlich zum vereinbartem Termin in der Praxis erschienen und die Arzthelferin erlaubt mir, nachdem sie meine Versicherungskarte eingelesen hat: „Sie dürfen im Wartezimmer Platz nehmen.“ Das freut mich sehr, denn nur ungern hätte ich stehend am Empfang gewartet. In einer anderen Praxis dasselbe Vokabular: „Es dauert noch einen Moment, Sie dürfen ins Wartezimmer gehen“, gestattet mir die Fachkraft. Wie schön, dort darf ich ältere Zeitschriften durchblättern, denn der „Moment“ dauert trotz Termin 55 Minuten. Auch beim Optiker, zu dem ich zum Messen der Sehstärke gekommen bin, wird mir genehmigt: „Sie dürfen schon mal ganz nach hinten durchgehen.“ Als ich telefonisch in der Zahnarztpraxis um einen Termin bitte, höre ich: „Im nächsten Monat hätte ich einen. Sie dürften am 28. kommen.“ Hätte? Dürfte? Das ist die Möglichkeitsform, aber ich schlage zu. „Den nehme ich“, antworte ich der freundlichen Dame, den dürften Sie eintragen.

Und noch eine kleine Betrachtung über einige Klassiker: „Darf ich bitten?“ lautete früher die Aufforderung zum Tanz. Ist sie heute noch gebräuchlich? Aber auf jeden Fall wird man in der Metzgerei noch gefragt: „Was darf’s denn sein?“ Und wenn die gewünschten 500 Gramm Hackfleisch auf der Waage liegen (es sind 530 Gramm), sagt die Fleischereifachverkäuferin mit Sicherheit: „Darf’s ein bisschen mehr sein?“ Und in der klassischen Literatur? Da fragt Dr. Faust das Gretchen: „Mein schönes Fräulein, darf ich‘s wagen, Arm und Geleit Ihnen anzutragen?“ Auch die vierjährige Susanne gebraucht das Verb dürfen bestimmungsgemäß. Als sie gefragt wird: „Was war denn das Schönste auf der Dippemess?“, antwortet sie: „Das, wo ich nicht reindurfte.“ (Es war die Geisterbahn).

Der Kronkauz freut sich, dass er niemanden um Erlaubnis fragen muss. Deshalb darf er jetzt auf Mäusejagd gehen.

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