40 000 Objekte auf Wanderschaft

Blick in den Eingangsbereich des Horex-Museums mit dem Treppenaufgang in die obere Etage. Oben blitzt die Industriegeschichte auf, darunter wird jeder Quadratzentimeter der hohen Wände für Bilder genutzt, präsentiert in der berühmten Petersburger Salonhängung. Foto: js

Bad Homburg. Das „Schatzkästchen“ füllt sich von Tag zu Tag mehr. Und die Aufregung steigt, vor allem bei Ursula Grzechca-Mohr, der Kuratorin einer ganz besonderen Ausstellung. Denn ihr Museum Gotisches Haus zieht um, mit ungefähr 40 000 Exponaten ins Horex-Museum. Wo zuletzt acht Jahre Industriegeschichte gezeigt wurde, entsteht gerade ein Schaudepot, in dem museale Kunst mal ganz anders in Szene gesetzt wird. Bis Ende des Jahres soll die Schau stehen, der 3. Januar wird als Eröffnungstermin angepeilt.

Ursula Grzechca-Mohr empfängt mit Maske und Samthandschuhen. Mit den kostbaren Bildern, Kleidern, Hüten, kunstvollen Gläsern, mit Grafiken und Plänen, Puppenstuben und zig anderen Sachen mehr, die sie Tag für Tag auspackt und arrangiert, ist zarter Umgang angesagt. Macht sie doch ein „Schatzkästchen“ auf, wie sie es selbst nennt. Weil auch Kunstgegenstände ans Licht kommen, die sonst in dunklen Kammern in Depots lagern. Der Raum für Kunst ist in der eigentlichen Heimstätte, im Gotischen Haus in Dornholzhausen, begrenzt. Jetzt erst recht, denn es ist aufgrund von Sanierungsarbeiten geschlossen. Alle Kunst muss raus, in Depots eingelagert oder an Ausstellungsorte verliehen werden. Die 40 000 ausgewählten Stücke aus dem großen Schatzkästchen werden ins Licht des Horex-Museums gerückt, das Ursula Grzechca-Mohr als perfekten Ort dafür sieht.
Die Glanzstücke der Industriegeschichte bleiben im Blickfeld. Direkt neben dem Lastkran, mit dem schon viele historische Motorräder in die Höhe geliftet wurden, die berühmte Horex S 35 und natürlich die „Regina“, die Königin der Motorradgeschichte und vieler Geschichten. Im Horex-Museum am Bahnhof wächst gerade etwas Wunderbares zusammen, was eigentlich aus der Not geboren wurde. Weil Ursula Grzechca-Mohr nicht „für zwei Jahre ganz verschwinden wollte“, wurde die Idee vom Schaudepot geboren, in dem sich museale Konzeptionen verbinden. Im Aufgang zum ersten Stock direkt nach dem lichten Eingang mit großer Glasfassade ist die Industriegeschichte noch präsent. Mit Georg Möckel beginnt sie 1806, mit einem Mann, der eine der ersten Dampfmaschinen entwickelte, die später auch bei der Kreation des legendären „Homburg“-Huts eine Rolle spielte. Rex und PIV und Horex, Industriegeschichte als Dach über einer Bildergalerie, die sich bis um die Kurve Richtung Obergeschoss zieht.
Die promovierte Kunsthistorikerin Grezechca-Mohr kennt sie alle, kann zu jedem Bild eine Geschichte erzählen. Zu den Porträts von Prinzessin Marianne und Königin Louise, zu all den Adligen, natürlich auch zu den örtlichen Größen, die oft durch Schenkungen mit spannenden dahinter stehenden Geschichten ins Museum Gotisches Haus gelangt waren. Wie präsentieren wir uns in den nächsten Jahren? Wegpacken oder was machen? Für die Leiterin beider Museen war das keine schwere Entscheidung. Im Licht bleiben, die im Dunklen sieht man nicht. Es gehört zur Idee des Schaudepots, dass viele der Geschichten hinter den einzelnen Kunstwerken erzählt werden. „Dafür ist es da“, sagt Ursula Grzechca-Mohr, für ganz spezielle Führungen etwa. Auf Wunsch des Publikums auch zu ganz speziellen Themen, „alles ist erwünscht, alles, was man sonst nicht kann“. Schulklassen, Kindergärten sind gern gesehene Gäste, da werden auch mal Kleider ausgepackt, damit Besucherinnen die Mode des 19. Jahrhunderts hautnah spüren können. Angefasst natürlich nur mit Samthandschuhen.
Auf dem Weg nach oben, in kleinen Zwischenräumen der Bildergalerie, sind Gartenzaun-Gitter zu erkennen. Von Petersburger Hängung spricht dabei die Kunstwelt oder von Salonhängung. Die Bezeichnung geht auf die üppig behängten Wände der Sankt Petersburger Eremitage zurück. Dicht an dicht auch hier einmalige Werke der Kunsthistorie, jedes Stückchen Wand wird genutzt, man will möglichst vieles präsentieren im Schaudepot. Ist man oben, blickt man zurück auf ein Stück unverhülltes Gitter. Auch das bewusst, es bietet neue Blickwinkel auf die Kunst, etwa Einblick in das Kunst-Handwerk der Rahmengestaltung. Ursula Grzechca-Mohr kann sich auch kleine Workshops vorstellen, mit Infos und Tipps zur persönlichen Rahmung eigener Werke. Oder die Chance, Restauratoren bei der Arbeit über die Schulter zu blicken.
Zu zwei Drittel etwa sind die als Schau-Werke vorgesehenen Exponate inzwischen umgezogen. Grafikschränke, Kleiderkisten, Spezialbehälter für die vielen Hüte aus dem Hutmuseum. Und täglich werden es mehr. Experten für Kunsttransport erledigen die Arbeit, ein „Transporteur, der seit vielen Jahren für uns arbeitet“, sagt Ursula Grzechca-Mohr. Da will man nichts riskieren, „das ist eine Vertrauenssache“. Allein die Sammlung der wunderbaren bunten Gläser, die jetzt in Vitrinen verschlossen aufgereiht sind. Ein Drama, wenn da eine Ladung auf dem Weg von Dornholzhausen in die Horex-Straße zu Bruch gehen würde. Sind sie einmal drin im Museum und mit Samthandschuhen aufgebaut, wird Ursula Grzechca-Mohr ruhiger. Moderne Sicherheitsstandards sorgen für dieses beruhigende Gefühl. Im noch jungen, 2012 eröffneten Museum für Industriegeschichte, ist ihr „Schatzkästchen“ sicher geborgen.

 

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