Die Demut vor Hölderlins Handschriften

Bad Homburg (a.ber). „Wir sind sprachlos und überwältigt. Das ist schon das höhere Einmaleins der Hölderlinforschung!“ So kommentierte die städtische Kulturamtsleiterin Dr. Bettina Gentzcke die wissenschaftliche Kür, mit der Hölderlin-Experte und Sprachwissenschaftler Dr. Hans Gerhard Steimer und der Naturwissenschaftler Professor Dr. Oliver Hahn von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) Berlin in die Gedichte des Spätwerks von Friedrich Hölderlin eingetaucht sind.

Sie brachten nun zutage: Der bedeutende deutsche Dichter hat in Bad Homburg in den Jahren 1804 bis 1806 noch an Handschriften seines Spätwerks gearbeitet. An berühmten Gedichten wie „Patmos“, „Heimkunft“ und „Hälfte des Lebens“ schrieb Hölderlin tatsächlich in dem sogenannten „Homburger Folioheft“ bei seinem zweiten Aufenthalt in der Taunusstadt. Prominenteste Köpfe der Hölderlin-Forschung Deutschlands waren in der Villa Wertheimber zusammengekommen, um das bahnbrechende Ergebnis des interdisziplinären Forschungsprojektes zur Entstehung und Datierung der Handschriften von Gedichten des Spätwerks Hölderlins vorzustellen.

Mit einem Datum versehen hat der Dichter seine Manuskripte nie. Bewunderern von Hölderlins Gedichten und Literaturwissenschaftlern ließ es lange keine Ruhe: Wann hat Friedrich Hölderlin seine späten Gedichte, die zu den kostbarsten Zeugnissen deutscher Literatur zählen, verfasst und in ihre endgültige Form gebracht? War es noch in den letzten beiden Jahren, bevor er wegen schwerer psychischer Erkrankung am 11. September 1806 von Homburg in eine Tübinger Klinik gebracht wurde und dann lange Lebensjahre im Tübinger Turm verbringen musste? Denn nach Aufenthalten in Paris, Bordeaux und bei seiner Mutter in Nürtingen hatte der Dichter vom Juni 1804 bis September 1806 noch einmal seine Zuflucht in Homburg gefunden, damals schon psychisch angegriffen. „Es ist ein besonderer Anlass, diese neuen Erkenntnisse an einem Ort vorzustellen, an dem der Dichter selbst zentrale Lebens- und Arbeitsstationen durchlief“, sagte Bad Homburgs Oberbürgermeister Alexander Hetjes bei der Begrüßung vieler Wissenschaftler und interessierter Bürger in der Villa Wertheimber. Und dann tauchten die Anwesenden atemlos staunend ein in die Welt der Sprach- und Materialforschung, die eine nahezu genaue Datierung der späten Gedichte nun möglich macht.

Gummi Arabicum, Galläpfel, verschiedene Sorten verunreinigter Eisengallustinte, Sulfate, Kupfer, Zink und Mangan – Professor Dr. Oliver Hahn erläuterte die hohe Kunst der Materialforschung anhand der Untersuchung verschiedener Tintensorten, die Friedrich Hölderlin bei Aufenthalten in Nürtingen, Bordeaux und Homburg benutzte. Mehr als 90 ausgewählte Manuskript-Stellen hatte Professor Hahn in enger Absprache mit dem renommiertesten Hölderlin-Sprachforscher und Mitherausgeber der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe, Dr. Steimer, analysiert. Der Schlüssel zum Geheimnis: Erstmals wurde die Röntgenfluoreszenzanalyse (RFA), ein naturwissenschaftliches Verfahren, systematisch auf Hölderlin-Handschriften angewendet. Anderthalb Jahre Forschung, so an einzelnen Wörtern wie „alten“ oder „es“ aus der fünften Strophe von „Heimkunft“; mit höchster Präzision wurden Messdaten gesammelt und ausgewertet. „Ich tauche die Feder in ein Tintenfass ein, die Tinte wird beim Schreiben immer dünner bei jedem Buchstaben – aber ist es immer dieselbe Tinte?“, schilderte der Materialforscher Hahn die detektivische Detailarbeit. Vier Tintentypen fanden die Forscher unter anderem im „Homburger Folioheft“. Der Tintenwechsel habe auf die Ortswechsel des Dichters in den Jahren 1801 bis 1806 hingedeutet, so Steimer. „Und wir haben sie dann mit eindeutig datierten Schriftstücken wie Briefen und Gehaltsquittungen aus seiner Zeit als Hofbibliothekar in Homburg oder seiner Widmung des „Patmos“-Gedichts für den Homburger Landgrafen abgeglichen.“ Diese Widmung ist übrigens die einzige Handschrift des Spätwerks, die exakt datiert ist: 13. Januar 1803.

Dr. Hans Gerhard Steimer sprach von „Demut vor den Handschriften“. Die Zuhörer konnten sie auf einer Leinwand betrachten: Demut in Form „abenteuerlicher Konstruktionen bei originalen Hölderlin-Konvoluten von vielen Seiten, um diese vorsichtig offenzuhalten für die Untersuchungen“. Auch vom Dichter gebrauchte Papiersorten und ihre Wasserzeichen brachten die Forscher der Datierung des Spätwerks näher. Direktor Rupert Schaab von der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart (hier lagern die im Eigentum der Stadt Bad Homburg befindlichen Originalhandschriften Hölderlins) und Prof. Johann Kreuzer von der Hölderlin Gesellschaft Tübingen ließen sich wie alle Zuhörer im Saal anstecken von der wissenschaftlichen Begeisterung der Protagonisten dieser Forschungsarbeit. Die Stadt Bad Homburg als Eigentümerin vieler Handschriften hatte gut daran getan, der Röntgenfluoreszenzanalyse zuzustimmen; die Württembergische Landesbibliothek übernahm dafür die Haftungsgarantie. Finanziert wurde das Forschungsprojekt privat von dem während der Forschungszeit verstorbenen Hölderlinforscher Dr. Alfredo Guzzoni (1931-2024); dokumentiert wird es jetzt im Hölderlin-Jahrbuch 44, 2024-2025 unter dem Titel „Hölderlins Tinten“.

Es war ein Eintauchen in eine andere, sprachliche Welt mit faszinierenden Details über den Dichter. „Wer bei der Poesie bleibt, bleibt bei der Wahrheit“, schrieb einmal der Schriftsteller Michel Houellebecq. Poesie als letzte Bastion menschlicher Freiheit? Im Zeitalter der von KI generierten, mit Logik konstruierten Texte widersteht die Lyrik, zumal die des Friedrich Hölderlin, dieser digitalen Logik. Gedichte bringen Algorithmen durch ihre eigene Sprach- und Lebenswirklichkeit ins Schwimmen. Und sie tun dies für uns menschliche Menschen. Lyrik lässt Dinge und Gefühle unter der Oberfläche entstehen in einem Hohlraum an Bedeutungen: So beschrieb es jüngst der Journalist Jens Ulrich Eckhard im Feuilleton der Zeitung „Die Welt.“ Und er zitierte als Beispiel Hölderlins Ode „Heidelberg“.

Nur die Lyrik sei noch in der Lage, „uns zu erschüttern mit ihrer Fähigkeit, sämtliche Ketten des Kausalen zu brechen.“ So ist es wohl wichtig, dass Sprach- und Literaturwissenschaft sich gemeinsam mit Naturwissenschaften in den Dienst der Poesie und ihrer Bewahrung stellen – im Sinne menschlicher Sprache und Wahrheit. Der Abend in der Villa Wertheimber gab dafür ein Beispiel.

Die profiliertesten Köpfe der deutschen Hölderlin-Forschung bei ihrem Treffen in der Villa Wertheimber, bei dem Forschungsergebnisse zu Hölderlins Gedichten vorgestellt werden: Dr. Jörg Ennen (Leiter Hölderlin-Archiv der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart), Bad Homburgs Kulturamtsleiterin Dr. Bettina Gentzcke, Professor Dr. Johann Kreuzer (Hölderlin-Gesellschaft Tübingen), Professor Dr. Oliver Hahn (Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung Berlin), und Hölderlin-Experte Dr. Hans Gerhard Steimer (v. l.).Foto: a.ber

Demut vor den Handschriften: Mit abenteuerlichen Konstruktionen blätterten die Forscher die gebundenen Folianten mit Originalhandschriften Friedrich Hölderlins im Stuttgarter Hölderlin-Archiv zu Forschungszwecken auf.Foto: a.ber

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