Hisamoto und Tölke begeistern mit Werken von Walter Wachsmuth

Mit großer Hingabe und beinahe mit seinem Instrument verschmolzen: Burghard Tölke lässt seine vom Großonkel geerbte Violine erzählen, singen und in den dramatischen Passagen kraftvoll aufleuchten.

Bad Homburg (hw) – Manchmal genügt ein einziger Geigenton, um die Tür zu einer beinahe vergessenen musikalischen Welt zu öffnen. In der Christuskirche waren es an diesem Wochenende viele solcher Töne: zart und sehnsuchtsvoll, kraftvoll und dramatisch, verspielt und von spätromantischer Wärme erfüllt. Die japanische Pianistin Yuko Hisamoto und der Violinist Burghard Tölke widmeten zwei außergewöhnliche Konzerte dem Komponisten Walter Wachsmuth – und ließen dessen lange kaum beachtete Musik in Bad Homburg eindrucksvoll wieder lebendig werden.

Schon das Bild im Kirchenraum passte zu diesem besonderen Abend. Hisamotos farbenprächtiges Kleid harmonierte auf wunderbare Weise mit dem Formenspiel und den leuchtenden Farben der Kirchenfenster. Daneben Burghard Tölke mit seiner Violine, konzentriert, präsent und seinem Instrument mit jeder Bewegung verbunden. Zwei Musiker standen vor dem Publikum – doch immer wieder entstand der Eindruck, als erfülle ein ganzes Orchester die Christuskirche.

Matthias Schäfer, der die beiden Konzerte federführend organisiert hatte, begrüßte die Gäste. Mozart, mit dessen Werk beide Künstler eng verbunden sind, stand diesmal nicht auf dem Programm. Der Abend gehörte ganz Walter Wachsmuth und damit einem Musiker, dessen Kompositionen zwischen Spätromantik, Salonmusik und den ersten Einflüssen der Moderne angesiedelt sind.

Ein Hauch von Wien in der Kirche

Vom ersten Stück an lag ein Hauch von Wien in der Bad Homburger Christuskirche. In Wachsmuths Musik waren Anklänge an Kaffeehaus und Salon zu hören, elegante Melodien im Dreivierteltakt, aber auch überraschende Wendungen und dramatische Passagen. Immer wieder wechselten sich romantische Wärme, dunklere Klangfarben und kraftvolle Akzente ab.

Den Auftakt bildete „Glückliche Stunden“. Das Stück trug seinen Titel mit Recht: Leichtfüßige Melodien, schwungvolle Passagen und ein beinahe tänzerischer Charakter brachten das Publikum unmittelbar in Wachsmuths Klangwelt hinein. Der herzliche Applaus nach dem ersten Werk zeigte, wie schnell die Musik den Weg zu den Zuhörern gefunden hatte.

In „Galantes Spiel“ verbanden sich elegante Salonklänge mit moderneren Einflüssen. Zarte, beinahe schwebende Momente gingen in flotte und dramatische Passagen über, bevor die Musik wieder zu ihrem romantischen Ausgangspunkt zurückfand. Gerade diese Wechsel waren charakteristisch für den gesamten Abend: Wachsmuth ließ seine Melodien nie einfach nur dahinfließen. Immer wieder setzte er neue Akzente, veränderte Tempo und Stimmung und hielt die Aufmerksamkeit des Publikums wach.

Das dritte Werk, „Illusion“, hatte Wachsmuth Weihnachten 1955 komponiert. Hisamoto und Tölke ließen das Stück zunächst zart und melodisch erklingen, bevor es sich zu einer festen, spannungsvollen Klangfolge entwickelte, die stellenweise fast an moderne Filmmusik erinnerte. Tölke spielte mit großer Hingabe, ließ seine Violine singen und erzählen. Sein Instrument besitzt für ihn auch persönlich eine besondere Bedeutung: Er erbte es von seinem Großonkel, der bei den Berliner Philharmonikern spielte. In Tölkes Händen entfaltete die Violine an diesem Abend einen warmen, vollen und zugleich außerordentlich differenzierten Klang.

Besonders komplex und ausdrucksstark präsentierte sich die „Elegie für die G-Saite“, die Wachsmuth dem bedeutenden Geiger Georg Kulenkampff gewidmet hatte. Sehnsuchtsvoll und von einer feinen Traurigkeit getragen, verlangte das Werk dem Violinisten technisch und musikalisch viel ab. Doch von dieser Schwierigkeit war für das Publikum kaum etwas zu spüren. Tölke ließ die anspruchsvollen Passagen selbstverständlich und leicht wirken, während Hisamoto am Klavier ein präzises, kraftvolles Fundament schuf.

Spannende Stimmungswechsel prägten auch das Intermezzo „Dein Bildnis“, das Wachsmuth 1943 in Wien komponiert hatte. Düster und geheimnisvoll begann das Werk, dann öffnete sich die Musik und wurde romantischer, heller und fast fröhlich verspielt. Die beiden Künstler reagierten auf feinste Impulse des jeweils anderen. Mal führte die Violine, mal gab das Klavier die Richtung vor, dann verschmolzen beide Stimmen zu einem gemeinsamen Klang.

Tölke führte charmant und unterhaltsam durch das Programm. Er berichtete, dass Wachsmuth in seinen Noten sehr genau festgehalten habe, mit welchem Fingersatz und auf welcher Saite einzelne Passagen gespielt werden sollten. Darin seien die Einflüsse der Schule Joseph Joachims deutlich zu erkennen. Joachim, einer der bedeutendsten Geiger seiner Zeit, hatte Wachsmuth während dessen Ausbildung am Berliner Stern’schen Konservatorium geprägt.

Die Serenade „Die Verliebten“ beschloss den ersten Teil des Konzerts. Wachsmuth hatte das Stück für verschiedene Besetzungen vorgesehen – vom großen Orchester über das Salonorchester bis hin zu Violine und Klavier. In Bad Homburg begann es verspielt und leicht. Glückliche Momente blitzten auf, bevor sich wieder Sehnsucht in die Melodie mischte. Eine Zuhörerin brachte das Zusammenspiel treffend auf den Punkt: „Klavier und Geige sind sehr präzise aufeinander abgestimmt und entwickeln zusammen eine ganz besondere Strahlkraft.“

Zwei Musiker – ein großer Klang

Nach der Pause kehrten Hisamoto und Tölke mit satten, verträumten und sehnsuchtsvollen Klängen zurück. Ihr Spiel wirkte nun noch geschlossener und kraftvoller. Beide beherrschten ihre Instrumente mit vollkommener Sicherheit, doch nie wurde die Virtuosität zum Selbstzweck. Im Mittelpunkt blieb stets die Musik.

Die Nocturne „Kleopatra“ entfaltete eine geheimnisvolle, beinahe schillernde Atmosphäre. Darauf folgte „Am Abend“, ein Stimmungsbild aus dem Jahr 1952. Eine ruhige Melodie schwang sich allmählich empor, als ließe sie den Trubel und die Ereignisse eines langen Tages noch einmal Revue passieren. Hisamoto spielte elegant und präzise, Tölke hingebungsvoll und beinahe mit seiner Violine verschmolzen.

Charakteristisch für Wachsmuths Kompositionen waren wiederkehrende Akkorde und Motive. Beim Zuhören stellte sich mitunter das Gefühl ein, etwas Vertrautes wiederzuerkennen. Doch die Musik blieb stets abwechslungsreich, denn Tempowechsel, überraschende harmonische Wendungen und dramatische Elemente eröffneten immer neue Perspektiven.

In „Meine Welt“ konnte das Duo seine ganze gemeinsame Stärke entfalten. Das kraftvolle Werk lebte vom engen musikalischen Dialog zwischen Klavier und Violine. Tölke hatte Hisamoto erstmals bei einem Mozart-Konzert in Tokio gehört. Schon damals entstand bei ihm der Wunsch, eines Tages mit ihr gemeinsam zu musizieren. „Ich bin dankbar, dass ich mit ihr zusammenspielen darf“, sagte er über seine Kollegin am Klavier. Wie sehr beide musikalisch miteinander verbunden sind, war während des gesamten Konzerts zu erleben.

Yuko Hisamoto, Professorin am Tokyo College of Music, konzertierte bereits mit namhaften Orchestern wie dem Radio-Symphonieorchester Wien und der New Japan Philharmonic. Sie besitzt mehrere historische Flügel, darunter Instrumente von Bösendorfer, Pleyel, Érard und Broadwood und beschäftigt sich intensiv mit der originalgetreuen Interpretation der Werke großer Komponisten. Ihre bisher 16 veröffentlichten CDs genießen international hohe Anerkennung.

Auch Tölke bringt eine beeindruckende künstlerische Laufbahn mit. Seine Studien führten ihn über Weimar, Detmold und New York nach Wien. Musikalische Impulse erhielt er unter anderem von Norbert Brainin, Vladimir Malinin, Isaac Stern und Zakhar Bron. Er war Leiter der Staatsbad Philharmonie Kissingen, Professor für Violine und Viola am Richard-Wagner-Konservatorium in Wien und ist heute am Peter-Cornelius-Konservatorium der Stadt Mainz tätig.

Eine Quelle beginnt zu fließen

Als Tölke das letzte Stück des Abends ankündigte, lag bereits ein wenig Bedauern in der Luft. Zu schnell war diese außergewöhnliche musikalische Reise vergangen. Mit dem spätromantischen Walzeridyll „Am Quell“ setzte das Duo jedoch noch einmal einen besonderen Höhepunkt. Zunächst schien die Musik ganz leise hervorzutreten – wie Wasser, das sich seinen Weg aus der Erde sucht. Dann begann sie zu fließen, wurde lebendiger, bewegter und schwungvoller. Fast meinte man, ein Plätschern und Strömen zu hören. Wachsmuth verband darin die geschmeidige Bewegung des Walzers mit einer poetischen Naturstimmung. Tölke und Hisamoto verliehen dem Werk außergewöhnliche Kraft und zugleich eine erstaunliche Leichtigkeit. Die Musik schimmerte, kreiste und wuchs zu einem großen Klangbild an, bevor sie wieder in sich zur Ruhe fand.

Lang anhaltender Applaus holte die Künstler zurück auf die Bühne. Als Zugabe erklang „Drei Sterne“, auch unter dem französischen Titel „Nuit solennelle“ – „Feierliche Nacht“ – bekannt. Die drei Sterne stehen in dem zugrunde liegenden Gedicht von Theodor Körner symbolisch für Lied, Liebe und Wein. Mit glitzernden Tönen und rasanten Akkorden schenkten Hisamoto und Tölke dem Publikum eine ebenso festliche wie lebensbejahende Zugabe.

Doch damit wollte sich das begeisterte Publikum noch nicht zufriedengeben. Erneuter, nicht enden wollender Applaus forderte eine zweite Zugabe. Mit einem Largo von Georg Friedrich Händel wechselten die beiden Musiker noch einmal die musikalische Welt. Nach spätromantischer Klangfülle, Salonmusik und tänzerischer Leichtigkeit entfalteten sie nun die Ruhe, Würde und feinen Klangfarben des Barock. Dabei wurde deutlich, dass Hisamoto und Tölke nicht nur Wachsmuths vielschichtige Tonsprache vollkommen beherrschen, sondern ebenso sicher die besondere Stimmung barocker Musik erfassen. Getragen, klar und innig erfüllte Händels Largo die Christuskirche und setzte einen feierlichen Schlusspunkt.

Musikalisches Menü

Matthias Schäfer dankte den Künstlern für den außergewöhnlichen Abend und fand dafür ein treffendes kulinarisches Bild: „Die beiden Künstler haben uns heute nicht nur ein Filetstück, sondern ein wunderbares Menü geliefert.“ Passend zu diesem „Menü“ überreichte er Blumen und zwei besondere Weine aus Rheinhessen: einen Weißwein mit dem Namen „Pudelwohl“, denn nach diesem Konzert könne man sich nur pudelwohl fühlen, und eine Rotweincuvée namens „Gänsehaut pur“. Auch dieser Name hätte kaum besser gewählt sein können, denn der Abend hatte dem Publikum zahlreiche Gänsehautmomente der schönen Art beschert.

Schäfers Dank galt ebenso der evangelischen Christuskirchengemeinde und Pfarrerin Annika Marte. „Wir kommen gerne wieder“, versprach er – eine Ankündigung, die im Publikum auf große Zustimmung stieß.

Unter den Zuhörern befand sich auch der Bad Homburger Pianist Rolf Kohlrausch, Präsident der Oberurseler Chopin-Gesellschaft. Er lobte die Präzision der Pianistin und das hervorragende Zusammenspiel mit dem Geiger. Wachsmuths hochromantische Kompositionen seien zugleich von bemerkenswerter Qualität und Komplexität.

Unmittelbar nach dem Bad Homburger Konzertwochenende reisen Hisamoto und Tölke nach Wien. Vom 3. bis 7. August nehmen sie im Tonstudio „Tonzauber“, einem Partner der Wiener Symphoniker, weitere Werke Walter Wachsmuths auf. Damit tragen sie dazu bei, die Musik eines Komponisten wieder hörbar zu machen, der zu Lebzeiten das Braunschweiger Musikleben entscheidend mitprägte, nach seinem Tod jedoch weitgehend in Vergessenheit geriet.

Wie sehr der Abend das Publikum berührt hatte, zeigten schließlich zwei Besucherinnen beim Verlassen der Christuskirche. „Das hätte ich mir nicht so geträumt!“, sagte die eine noch ganz erfüllt von dem Gehörten. „Ja, sehr schön war’s“, stimmte ihre Begleiterin zu. Schlichter und zugleich treffender hätte sich dieser außergewöhnliche Konzertabend kaum zusammenfassen lassen.

Wer die beiden Konzerte verpasst hat oder mehr von der japanischen Pianistin Yuko Hisamoto und dem Violinist Burghard Tölke hören möchte, hat demnächst wieder Gelegenheit dazu: Zwei weitere Konzerte sind in der Schlosskirche Bad Homburg geplant. Wer rechtzeitig über die Termine und das Programm informiert werden möchte, kann sich per E-Mail an concerto[at]freenetmail[dot]de in den Konzertverteiler aufnehmen lassen.

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