Kantorin Karin Giel hat Herzen und Ohren geöffnet

Bad Homburg (a.ber). „Wenn Menschen zu singen beginnen, richten sie sich auf.“ Was der junge Organist Jona-Bennet Rübner in der Trialog-Predigt zu Ehren der aus dem Dienst scheidenden Kantorin und Organistin der Gedächtniskirche, Karin Giel, sagte, konnten die anwesenden Gemeindeglieder und Musizierenden im Gottesdienst am vergangenen Sonntag in der evangelischen Kirche Kirdorfs direkt nachvollziehen. Karin Giel hat in 31 Jahren ihres Wirkens als Kirchenmusikerin und Dekanatskantorin des Evangelischen Dekanats Hochtaunus viele Christen musikalisch begeistert, gefördert und aufgerichtet.

Die stellvertretende Dekanin Claudia Biester entließ Karin Giel feierlich aus ihrem Amt und lobte: „Sie sind mit Herz, Kopf, Leib und Seele und Ihrer Professionalität Kirchenmusikerin und Dekanatskantorin.“ Das Wort „gewesen“ komme ihr schwer über die Lippen nach drei Jahrzehnten Dienst: „Was für ein Pensum! Was für ein Resonanzraum!“ Vor Beginn des Abschiedsgottesdienstes hatte die 64-jährige gebürtige Rheinländerin Giel an diesem sehr warmen Sonntagmorgen allein schon den Kirchenraum mehrfach durchschritten, und einige Jahrhunderte Kirchenmusik ebenso. Auf die Orgelempore eilte sie, wo der Kirchenchor und Mitglieder des Kinder- und Jugendchors zum Einsingen auf ihre Dirigentin warteten; die Treppen hinunter zum Orgel-Positiv am Altarraum, wo die Solistinnen Antonia Jacob (Alt), Caroline Jacob (Sopran) und Petra Fuchs (Altblockflöte) mit ihr noch die Arie aus der Kantate BWV 117 von Johann Sebastian Bach anspielen wollten; zurück an ihre geliebte Kern-Orgel auf die Orgelbank. Inzwischen hatte der Kantorin jemand zum Abschied schon mal eine Tafel Schokolade in die Hand gedrückt; ein Chorsänger, den Karin Giel vom Knabensopran bis zur Bassstimme „großgezogen“ hat, fragte nach ihrer neuen Adresse – er wolle auf jeden Fall in Kontakt bleiben. Geduld, Konstanz, Spaß und Disziplin: so beschreiben die vielen Laienmusiker an der Gedächtniskirche und zahlreiche Orgelschüler die Eigenschaften ihrer Kantorin und Organistin im aktuellen Gemeindebrief liebevoll. Nun geht Karin Giel den Schritt in den wohlverdienten Ruhestand.

Sie sei von allen Hauptamtlichen der Gemeinde am längsten da gewesen, sagte Pfarrerin Annika Marte über die Kirchenmusikerin. Karin Giel hatte in Köln Kirchenmusik studiert, anschließend Musikwissenschaft, Philosophie und Germanistik, und dann im Jahr 1994 ihre Stelle in Bad Homburg angetreten. Eine Zweidrittel-Stelle als Kantorin und Organistin an der Gedächtniskirche und mit einem Drittel als Dekanatskantorin im Hochtaunus. Menschen für das Instrument Orgel begeistern zu können, war ihr ein Herzensanliegen. Orgelmatineen und Orgel-Nächte, Orgelunterricht für junge und erwachsene Orgelschülerinnen und -schüler, Kinderorgelkonzerte für die Kindergartenkinder und inspirierendes Fachsimpeln über die „Königin der Instrumente“ mit Konfirmanden, die auch schon mal selbst an die Tasten durften oder die von der Gedächtniskirchen-Stiftung angeschaffte transportable „Modell-Orgel“ unter fachmännischer Anleitung der Organistin zusammenbauen konnten, bleiben wohl vielen in Erinnerung. Ebenso das von ihr initiierte „Singen unterm Kirschbaum“ mit Volksliedern, Popsongs, Kanons und Gospels. Unzählige musikalische Stunden hat Karin Giel mit Menschen aller Altersstufen in dreißig Jahren erlebt. Im Chor, Jugendchor und Kinderchor und in den vielfältigen Instrumental- und Gesangs-Ensembles. Was ihr bleibe, sei „der Dank für das gemeinsame Singen und Musizieren, Lachen und die gute Gemeinschaft“, so drückt die Kirchenmusikerin es aus.

Kein Wunder, dass sich Karin Giel für ihren Abschiedsgottesdienst, in dem die Bedeutung von Liturgie und Gemeindegesang in vielfältiger Weise deutlich wurde, eine besondere Verkündigung gewünscht hatte: eine Trialog-Predigt. Gemeinsam Gott loben – gemeinsam Gott verkündigen. Während die Geehrte zwischen Pfarrer Jörg Marwitz, Pfarrerin Annika Marte und Pfarrer Christoph Gerdes in der ersten Bank saß, predigten die Gemeindeglieder Jörg Bollmann, Dr. André Jacob und Jona-Bennet Rübner. Über den überschwänglichen Lobgesang der biblischen Psalmen, das Danken und Beten durch Musik und die Kraft von Musik und Gesang, die Leere im Menschen zu füllen und zu trösten. „Singet dem Herrn ein neues Lied“: dieser Aufforderung zur Verkündigung hätten Chöre und Ensembles an der Gedächtniskirche tausendfach in den Jahren des Wirkens von Karin Giel Folge geleistet, sagte Chorsänger Jörg Bollmann. „So hat sie uns geholfen, anderen die Ohren und Herzen zu öffnen“, so Prädikant André Jacob. Mit Klängen des Dekanats-Posaunenchors, der das Stück „Rückblick“ von Anne Weckeßer spielte, wurden alle, die sich von Karin Giel verabschieden wollten, zum Beisammensein in die Unterkirche geleitet. In Zukunft werden Ehrenamtliche der Gemeinde die Chorarbeit, Orgeldienst und musikalische Projekte übernehmen. Denn die Kirchenmusikerstelle wird vom Dekanat gestrichen. Für Karin Giel ein Grund, auf begeistertes Engagement der Ehrenamtlichen zu vertrauen: „Schaut mal, was eure Bedürfnisse sind – und Gott befohlen!“

Mit Freude und Disziplin Gott durch Gesang und Musik loben und Menschen dazu befähigen, so hat Kirchenmusikerin Karin Giel über mehr als 30 Jahre lang ihr Amt als Kantorin und Organistin der Gedächtniskirche und als Dekanatskantorin des Ev. Dekanats Hochtaunus ausgeübt.Foto: Bergner



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