Klassiknacht in Weiß: Ein Sommermärchen mit spanischem Temperament

Ein Hauch von königlicher Gartenparty im Kurpark: Mit weißen Kleidern, stilvollen Hüten und eleganten Fascinators machten die eleganten Besucherinnen und Besucher die „Klassiknacht in Weiß“ auch optisch zu einem besonderen Erlebnis.Fotos: Elke Hartmann

Bad Homburg (eh) – Weiß, wohin das Auge blickte: weiße Sommerkleider und Spitzenblusen, helle Hüte und elegante Fascinators, festlich gedeckte Tische und liebevoll arrangierte Picknicktafeln. Dazwischen goldene Weinkelche, weiße Lilien, Etageren voller kleiner Köstlichkeiten und Gläser, in denen die Bowle in der Abendsonne funkelte. Für einige Stunden schien es, als sei mitten im Bad Homburger Kurpark eine königliche Gartenparty eröffnet worden. Doch spätestens, als die ersten spanischen Rhythmen über die Wiesen vor dem Kaiser-Wilhelms-Bad zogen, wurde deutlich: An diesem Abend führte die musikalische Reise nicht nach England, sondern unter dem verheißungsvollen Motto „Viva España“ in den Süden Europas.

Die „Klassiknacht in Weiß“ gehörte auch in diesem Jahr zu den Höhepunkten des Bad Homburger Sommers. Seit 2010 begeistert das besondere Konzerterlebnis sein Publikum und hat sich längst zu einer lieb gewonnenen Tradition entwickelt.

Schon lange vor Konzertbeginn rollten die ersten Bollerwagen durch den Kurpark. In ihnen wurden Campingstühle, Decken, Klapptische, Körbe und allerlei kulinarische Schätze herangezogen. Nach und nach bedeckte ein Meer aus Picknickdecken die Rasenflächen vor der Sommerbühne der Taunus Sparkasse. Unter den mächtigen alten Bäumen entstanden kleine, ganz persönliche Festinseln. Manche waren schlicht und gemütlich, andere mit erstaunlicher Liebe zum Detail gestaltet.

Petits Fours, Pastetchen, Nudelsalat und Kuchen standen bereit, Sektkorken knallten, Gläser klirrten und fröhliches Lachen schallte über die Wiese. Eine Gruppe hatte gleich ein ganzes Kuchenbüfett aufgebaut, zu dem jeder etwas beigesteuert hatte. Während die Erwachsenen miteinander anstießen und sich angeregt unterhielten, saßen Kinder auf bunten Decken und spielten Karten. Die Klassiknacht war damit nicht nur ein Konzert, sondern auch ein großes sommerliches Wiedersehen.

„Freunde und Bekannte an einem so schönen Sommerabend zu treffen, ist einfach wunderbar“, freute sich eine elegant gekleidete Besucherin, die einen Fascinator im Haar trug. Viele Gäste kommen seit Jahren zur Klassiknacht. Familienmitglieder waren von nah und fern angereist, Freunde aus Frankfurt und den umliegenden Taunusstädten hatten sich auf den Weg in den Kurpark gemacht.

Besonders eindrucksvoll präsentierte sich die Picknicktafel des Partnerschaftsvereins Oberursel. Die Gäste aus der Nachbarstadt hatten nicht nur ein stilvolles Bowlengefäß und weiße Lilien mitgebracht, sondern auch einen stattlichen weißen Pferdekopf als originellen Blickfang. So wurde aus dem Konzertbesuch zugleich ein freundschaftlicher Ausflug über die Stadtgrenze hinweg.

Über all dem erhob sich die prächtige Fassade des Kaiser-Wilhelms-Bads. Der blaue Sommerhimmel, die altehrwürdige Architektur, das Grün des Kurparks und die vielen weiß gekleideten Menschen fügten sich zu einem Bild, das beinahe aus einer anderen Zeit zu stammen schien. Kaiser Wilhelm I., an den das große Denkmal im Kurpark erinnert, hätte diese festliche Szenerie vermutlich mit Wohlgefallen betrachtet.

Für das spanische Temperament sorgten die Musiker der Frankfurter Sinfoniker unter der musikalischen Leitung von Markus Elsner. Charmant, gut gelaunt und mit viel Hintergrundwissen führte der Dirigent durch das Programm. Er beschränkte sich nicht darauf, die einzelnen Werke anzukündigen, sondern versah sie mit kleinen Geschichten, musikalischen Erläuterungen und humorvollen Beobachtungen. Mit ihren ausdrucksstarken Stimmen verliehen Mezzosopranistin Cornelia Lanz und der mexikanische Tenor Óscar de la Torre dem Klassikabend eine besondere Strahlkraft.

Das Programm schlug einen weiten Bogen von bekannten, temperamentvollen Melodien bis zu ruhigeren, weniger vertrauten und beinahe meditativen Werken. Dabei zeigte sich, wie unterschiedlich Komponisten Spanien musikalisch beschrieben haben. Das berühmteste Beispiel ist Georges Bizet. Seine Oper „Carmen“ spielt zwar in Sevilla und gilt mit ihren leidenschaftlichen Melodien, Tänzen und Rhythmen als Inbegriff spanischen Kolorits, doch der französische Komponist selbst war nie in Spanien. Wie Markus Elsner augenzwinkernd erläuterte, zeichnete Bizet vielmehr ein ausgesprochen wirkungsvolles „französisches Klischee von Spanien“.

Auch Kompositionen jenseits des allerbekanntesten Repertoires erhielten ihren Platz. Werke spanischer Komponisten wie Enrique Granados öffneten weitere musikalische Fenster in den Süden. Eine reizvolle Entdeckung des Abends war die Zarzuela. „Was den Wienern die Operette ist, ist den Spaniern die Zarzuela“, erklärte Dirigent Markus Elsner. Diese typisch spanische Form des Musiktheaters mit volkstümlichen Elementen besitzt die Leichtigkeit und den Unterhaltungswert der Operette, trägt dabei jedoch einen unverwechselbar spanischen Charakter. Mit Komponisten wie José Serrano, einem der bedeutenden Vertreter dieses Genres, führte die Reise mitten hinein in die musikalische Alltagskultur Spaniens.

Nach der Pause, in der sich die Gäste an den gastronomischen Ständen versorgten oder die mitgebrachten Köstlichkeiten teilten, zog „Carmen“ das Publikum mit dem „Zigeunerlied“ erneut in ihren Bann. Und natürlich durfte auch Maurice Ravels „Boléro“ auf dieser Reise nicht fehlen.

Während auf der Bühne die Musik immer neue Bilder Spaniens entstehen ließ, legte sich langsam die Dämmerung über den Kurpark. Der Himmel verlor sein tiefes Blau, zwischen den alten Baumkronen wurden die ersten Lichter sichtbar, und vor der hell erleuchteten Fassade des Kaiser-Wilhelms-Bads flackerten auf den Picknicktafeln Kerzen und kleine Lampen. Die Gläser hoben sich noch einmal zum gemeinsamen Anstoßen, ehe die letzten Klänge des Orchesters in der lauen Sommernacht verklangen. Wer seine Decke schließlich wieder zusammenrollte und den Picknickkorb schloss, nahm weit mehr mit nach Hause als nur leere Gläser und Teller: nämlich das Gefühl, einen dieser seltenen Sommerabende erlebt zu haben, die noch lange nachklingen.

Spanisches Temperament vor historischer Kulisse: Unter der Leitung von Markus Elsner nahmen die Frankfurter Sinfoniker sowie Mezzosopranistin Cornelia Lanz und Tenor Óscar de la Torre das Publikum mit auf eine klangvolle Reise in den Süden.

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