Wenn Literatur die Stadt verwandelt: Ein Rückblick auf das 17. Bad Homburger Poesie- & Literaturfestival

Ein besonderer Festivalmoment: Kurdirektor Holger Reuter, Schauspieler Christoph Maria Herbst und Festivalleiter Bernd Hoffmann nach der Lesung von Oscar Wildes „Das Gespenst von Canterville“

Foto: A.C.T. Artist Agency

Bad Homburg (eh) – Manchmal reicht ein einziger Satz, um die Stimmung nach einem Festival auf den Punkt zu bringen. „Sie sehen einen durchaus glücklichen künstlerischen Leiter vor sich“, sagt Bernd Hoffmann, der das Bad Homburger Poesie- & Literaturfestival künstlerisch verantwortet. Und tatsächlich darf er nach der 17. Ausgabe dieser besonderen Kulturreihe zufrieden zurückblicken: auf ausverkaufte oder stark nachgefragte Abende, auf prominente Stimmen, berührende Stoffe, intensive Begegnungen mit dem Publikum – und auf eine Kurstadt, die während der Festivaltage einmal mehr zeigte, wie gut ihr Literatur, Musik und Schauspielkunst stehen.

Dabei begann das Festival 2026 keineswegs entspannt. Im Gegenteil: Kurz vor dem Auftakt gab es eine jener Schrecksekunden, die hinter den Kulissen eines Festivals alles ins Wanken bringen können. „Auch wenn es diesmal mit einer echten Schrecksekunde begann, als wir 24 Stunden vor Festivalbeginn erfuhren, dass die Klimaanlage des Kurtheaters kurzfristig vollständig ausgefallen war und nicht reparierbar schien“, berichtet Hoffmann. Für die ersten beiden Festivaltage hätte diese Nachricht weitreichende Folgen haben können. Eine Absage stand im Raum. Doch es kam anders. Hoffmann lobt ausdrücklich das Technikteam des Kurtheaters sowie die gesamte Kur- und Kongress-Mannschaft. Ihnen sei es gelungen, „tatsächlich über Nacht eine schicke Replik des Kurtheaters im dann wunderbar klimatisierten Landgraf-Friedrich-Saal nebenan zu errichten“. Ohne diesen Kraftakt, so Hoffmann, „hätten wir womöglich die ersten beiden Festival-Tage absagen müssen“. Dass das Publikum davon am Ende kaum etwas spürte, spricht für die Professionalität aller Beteiligten – und für jene besondere Mischung aus Improvisation, Leidenschaft und Präzision, ohne die Kulturveranstaltungen dieser Größenordnung kaum denkbar wären.

Nach den Festivaltagen blickt Hoffmann „mit sehr gutem Gefühl“ zurück. Dass das Poesie- & Literaturfestival auch im 17. Jahr mit inszenierten Lesungen das Publikum erreiche, sei keineswegs selbstverständlich. Gerade „mit Blick auf die vielen Verwerfungen um uns alle herum“ sei es ein großes Geschenk, dass Literaturabende dieser Art eine solche Resonanz hervorriefen. Die Stadt, ihre Förderer, Partner und nicht zuletzt das Publikum machten eine Reihe möglich, „die es so in Deutschland nicht gibt“.

Literatur als Erlebnis

Besonders hebt Hoffmann die Atmosphäre beim Poesie- & Literaturfestival hervor. Das Bad Homburger Publikum sei für die Künstlerinnen und Künstler immer wieder bemerkenswert. „Unsere lesenden Stars kommen immer wieder auf die außergewöhnlich zugeneigte und konzentrierte Stimmung der Zuhörer zu sprechen“, sagt er. Wer schon einmal einen solchen Abend erlebt hat, kann nachvollziehen, was damit gemeint ist: Diese Veranstaltungen leben nicht allein von den Namen auf der Bühne, sondern ebenso von der stillen Aufmerksamkeit im Raum, von der Bereitschaft des Publikums, sich auf Sprache, Stimme, Musik und Atmosphäre einzulassen.

Genau darin liegt die besondere Stärke des Festivals. Literatur wird nicht als Pflichtprogramm präsentiert, sondern als Erlebnis. Große Texte werden von bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern interpretiert, musikalisch gerahmt, szenisch verdichtet und an Orten aufgeführt, die selbst eine eigene Geschichte erzählen. So entsteht aus einer Lesung ein Abend, der weit über das bloße Vorlesen hinausgeht.

Literatur und Oper als großes Kino

Zu den besonders eindrucksvollen Abenden des diesjährigen Festivals zählte die Lesung aus Alexandre Dumas’ „Die Kameliendame“ mit Bettina Zimmermann und Pasquale Aleardi. Der berühmte Stoff, der auch Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ zugrunde liegt, wurde in Bad Homburg nicht nur gelesen, sondern in Verbindung mit Opernarien auf besondere Weise zum Klingen gebracht.

Hoffmann beschreibt diesen Abend als außergewöhnliches Crossover: „Das Crossover von Lesung – souverän und stimmungsvoll im Duett vorgetragen von Pasquale Aleardi und Bettina Zimmermann – und großer Oper, also den passenden, zugehörigen Arien aus G. Verdis ‚La Traviata‘, der weltbekannten Oper, die ja auf demselben Literaturstoff beruht, das ist großartig gewesen und wird mir für immer in Erinnerung bleiben.“ Die Stimmen von Zimmermann und Aleardi führten durch die tragische Geschichte von Liebe, gesellschaftlichen Zwängen und Verzicht. Ergänzt wurde diese literarische Ebene durch die musikalische Kraft der Oper. Hoffmann gerät noch im Rückblick ins Schwärmen: „Wie der strahlende italienische Tenor Matteo Roma und die berührende Mezzosopranistin Nika Goric den Vokalpart in der Begleitung von Felice Venanzoni am Konzertflügel rüberbrachten, das war schon großes Kino.“

Dass dieser Abend einen besonderen Platz im Festivalgedächtnis einnehmen dürfte, zeigen auch die Reaktionen aus dem Publikum. Hoffmann berichtet: „Manche, so höre ich jedenfalls, halten diesen geglückten Abend für die beste Festivalveranstaltung ever.“ Ob man eine solche Rangliste tatsächlich führen möchte oder nicht – deutlich wird daran, wie intensiv dieser Abend nachwirkte. Wenn Literatur, Musik und Interpretation so ineinandergreifen, entsteht jener Zauber, für den das Poesie- & Literaturfestival steht.

Hans Sigl auf Tauchfahrt mit Nemo

Ein weiteres Festival-Highlight war Hans Sigls Lesung aus Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“. Der Schauspieler ist dem Bad Homburger Publikum längst vertraut und gehört zu jenen Künstlern, die immer wieder eindrucksvoll zeigen, dass eine Lesung auf der Bühne weit mehr sein kann als eine schöne Stimme am Pult. „Hans Sigl ist nicht nur ein toller, sympathischer Star, auf der Bühne wächst er als Leser regelmäßig über sich hinaus“, sagt Hoffmann. Für den Abend mit Jules Verne kam eine besondere visuelle und musikalische Dimension hinzu. Die Lesung wurde von Bühnenbildern gerahmt, die mit Unterstützung künstlicher Intelligenz entwickelt wurden und eine dramatisch-cineastische Atmosphäre erzeugten. So wurde das Publikum nicht nur inhaltlich, sondern auch visuell in die Tiefen des Meeres und in die Welt des Kapitän Nemo hineingezogen. Die Musik übernahm Claire Huangci, die junge Pianistin, die inzwischen in Bad Homburg lebt und nach Hoffmanns Einschätzung „selbst auf dem Wege zum internationalen Star ist“. Das Zusammenspiel aus Sigls Interpretation, den Bühnenbildern und der virtuosen Musikbegleitung machte den Abend für Hoffmann zu etwas Besonderem: Es sei „ein ganz, ganz, ganz besonderer Abend“ gelungen. Am Ende erhob sich das Publikum zu Standing Ovations. „Auch ich stand nach Schluss gerne und begeistert in der Standing-Ovations-Welle des Publikums“, berichtet Hoffmann. Sein Fazit fällt entsprechend eindeutig aus: „Ein definitives Festival-Highlight. Und ein unsterblicher Roman, auf den ich mich schnell mit Sigl einigen konnte.“

Auch Christoph Maria Herbst sorgte in diesem Festivaljahr für einen besonderen Moment. Mit Oscar Wildes „Das Gespenst von Canterville“ feierte er sein Debüt beim Bad Homburger Poesie- & Literaturfestival. Lange habe man davon geträumt, ihn nach Bad Homburg zu holen, sagt Hoffmann. Schließlich gehört Herbst zu den gefragtesten und meistbeschäftigten deutschen Schauspielern der Gegenwart. „Wir hatten schon lange davon geträumt, den vielleicht zurzeit erfolgreichsten deutschen Schauspieler nach Bad Homburg zu lotsen“, berichtet Hoffmann. „Endlich hatte er einen Sonntags-Termin frei.“

Die Lesung fand in der besonderen Atmosphäre der Spielbank statt – einem Ort, der innerhalb des Festivals immer wieder eine intime Nähe zwischen Künstlern und Publikum ermöglicht. Hoffmann erinnert daran, dass solche Debüts in Bad Homburg schon häufiger zu langjährigen Festivalbeziehungen geführt hätten. Als Beispiele nennt er Sebastian Koch und Hans Sigl. Auch bei Christoph Maria Herbst hofft man nun auf eine Fortsetzung.

Herbst las Oscar Wildes berühmte Erzählung mit großer Spielfreude. Hoffmann beschreibt ihn als bestens vorbereitet und sichtbar begeistert von der literarischen Vorlage. „C. M. Herbst las Oscar Wildes Geschichte mit offensichtlichem Genuss und schlüpfte, bestens vorbereitet, in die Rollen und Dialekte der amerikanischen und britischen Protagonisten, die ‚Das Gespenst von Canterville‘ so köstlich aufeinanderprallen lässt.“ Genau dieser Gegensatz zwischen amerikanischem Pragmatismus und britischer Gespenstertradition macht Wildes Geschichte bis heute so charmant. Herbst brachte diesen Humor, die feine Ironie und die unterschiedlichen Figuren mit großer Präzision auf die Bühne.

Für Hoffmann war das Ergebnis eindeutig: „Literatur pur: super!“ Und auch die Perspektive für die kommenden Jahre klingt vielversprechend: „Wir hoffen sehr, C. M. Herbst im nächstjährigen Festivalrahmen wieder präsentieren zu dürfen.“

Warum Live-Literatur berührt

Das Festival zeigt Jahr für Jahr, wie sehr sich die Wirkung eines Textes verändert, wenn er nicht allein gelesen, sondern von großen Stimmen interpretiert wird. Dann treten Rhythmus, Klang, Atem und Haltung hinzu. Figuren erhalten Kontur. Szenen werden sichtbar. Ein Roman, eine Novelle oder ein Gedicht öffnen sich auf neue Weise.

In Bad Homburg kommt hinzu, dass die Lesenden nicht einfach prominente Zugpferde sind. Sie werden für einen Abend zu Vermittlern zwischen Werk und Publikum. Sie verkörpern die Figuren, schaffen emotionale Nähe und holen literarische Stoffe aus dem privaten Leseraum in die Gegenwart einer gemeinsamen Erfahrung. Gerade darin liegt die Stärke des Festivals: Es macht Literatur gesellschaftlich, sinnlich und unmittelbar.

Hoffmann beschreibt das Publikum als Mischung aus klassischem Literaturpublikum und Menschen, die über bekannte Künstlerinnen und Künstler den Weg zu den Texten finden. „Es ist ein Mix aus allen Elementen“, sagt er. Neben dem Stammpublikum kämen immer mehr Besucherinnen und Besucher, „die gehört haben, dass Literatur bei uns oft im Mix mit anderen Kunstformen innovativ und lebendig dargeboten wird“. Hinzu komme, dass bekannte Gesichter aus Fernsehen und Film „sozusagen die Hauptrollen im jeweiligen Lesungsstoff verkörpern“ und live nur wenige Meter entfernt sitzen. Das schafft Nähe – und weckt Neugier auf Literatur.

Bad Homburg als Bühne

Zum Erfolg des Festivals tragen auch die besonderen Spielorte bei. Kurtheater, Landgraf-Friedrich-Saal, Schloss, Steigenberger Hotel, Spielbank, Kinopolis und weitere Orte geben den Abenden jeweils eine eigene Atmosphäre. Die Räume sind nicht bloß Kulisse, sondern Teil der Inszenierung. Ein literarischer Stoff wirkt anders in der festlichen Eleganz eines historischen Saals, anders in der intimen Atmosphäre der Spielbank und wieder anders in einem modernen Kinosaal.

Für den künstlerischen Leiter spielt die Stadt Bad Homburg selbst dabei eine zentrale Rolle. „Bad Homburg ist für mich wie neu erwacht“, sagt er. Er verweist auf das Bad Homburg Open, den Bad Homburger Sommer, den neuen Kinopolis-Filmpalast und viele weitere Entwicklungen, die dazu beitrügen, dass ein neuer Geist in der Stadt spürbar werde. Dieser neue Spirit könne helfen, „an große alte Zeiten anzuschließen“.

Hoffmann denkt dabei durchaus groß – und mit Blick über Bad Homburg hinaus. „Warum sollte uns nicht gelingen, was das Montreux Jazz Festival oder das Rheingau Musik Festival mit Esprit und Hartnäckigkeit vorgemacht haben?“, fragt er. Der Satz zeigt, dass das Poesie- & Literaturfestival nicht nur als jährliche Veranstaltungsreihe verstanden wird, sondern als kulturelles Profilprojekt für die Stadt. „Wir bleiben dran“, sagt Hoffmann.

Festival mit wachsender Strahlkraft

Dass das Bad Homburger Poesie- & Literaturfestival inzwischen auch überregional wahrgenommen wird, zeigen Begegnungen am Rande der Veranstaltungen. Hoffmann berichtet etwa von drei Damen aus Landau in der Pfalz, die für ein langes Wochenende nach Bad Homburg gekommen waren. Sie besuchten drei Festivalveranstaltungen und verbanden den Kulturaufenthalt mit einem Erholungstag in Spa und Therme. Bei der „Kameliendame“ kam Hoffmann außerdem mit einem Paar ins Gespräch, das aus Berlin angereist war, um den neuartigen Mix aus Lesung und Oper zu erleben.

„Also wow: Wir bemerken als Poesiefestival mit Freude so langsam einen Tourismus-Faktor“, sagt Hoffmann. Diese Entwicklung ist für Bad Homburg durchaus bedeutsam. Ein Festival, das Gäste aus anderen Regionen anzieht, wirkt nicht nur kulturell, sondern auch touristisch und wirtschaftlich. Es verbindet Veranstaltungsbesuch, Übernachtung, Gastronomie, Stadtbummel, Kurpark, Therme und kulturelle Identität. Für eine Stadt wie Bad Homburg, die Tradition, Kurgeschichte, Eleganz und moderne Veranstaltungsformate miteinander verbinden kann, liegt darin ein großes Potenzial. Das gilt nach seiner Einschätzung auch für die jährliche weihnachtliche Sonderveranstaltung in der großen Erlöserkirche. In diesem Jahr steht am Samstag, 5. Dezember, Axel Milberg mit „Northern Lights/Scandinavian Christmas“ auf dem Programm. Hoffmann spricht von einem „stellaren Ereignis“ und empfiehlt schon jetzt: „Tickets sichern!“

Ein Jahr Vorbereitung

Was auf der Bühne leicht, elegant und selbstverständlich wirkt, ist hinter den Kulissen das Ergebnis langer Vorbereitung. „Wir brauchen in der Regel etwa ein Jahr an Vorbereitungen aller Art“, sagt Hoffmann. Kaum ist ein Festival beendet, beginnt bereits die Planung der nächsten Ausgabe. Oder, wie Hoffmann es formuliert: „Nach dem Festival ist auch jetzt schon wieder vor dem Festival.“

Die Arbeit ist komplex. Künstlerinnen und Künstler müssen angefragt, Termine koordiniert, Werke ausgewählt, Rechte geklärt, musikalische Begleitungen konzipiert, Räume gebucht, technische Anforderungen abgestimmt und dramaturgische Ideen entwickelt werden. Dass all dies am Ende wie aus einem Guss wirkt, ist Ergebnis professioneller Teamarbeit. Hoffmann nennt hier ausdrücklich das A.C.T./DEAG-Veranstalterteam. Es sei inzwischen erfahren darin, all diese Elemente zusammenzubringen, „geduldig in Dialoge und Abstimmungen mit allen Beteiligten zu gehen und auch komplexe Herausforderungen auf den Punkt zu bringen“.

Doch Routine allein reiche nicht aus. Ohne Begeisterung könne ein solches Festival nicht gelingen. „Das gelingt allerdings nur mit der berühmten Prise Enthusiasmus und Idealismus“, sagt Hoffmann. Denn die „unzähligen und arbeitsintensiven Fakten und Details“ müssten nicht nur verwaltet, sondern mit Leben gefüllt werden.

Ein Blick nach vorn

Nach der gelungenen 17. Ausgabe richtet sich der Blick bereits auf das kommende Jahr. Der Kernzeitraum für das 18. Bad Homburger Poesie- & Literaturfestival steht fest: Vom 26. Mai bis 14. Juni 2027 soll die nächste Festivalrunde stattfinden. Wer auf das neue Programm gespannt ist, sollte sich Dienstag, den 18. November, vormerken. Dann wird das Programm für 2027 vorgestellt und der Vorverkauf gestartet.

„Vorher wollen wir noch nichts verraten“, sagt Hoffmann. Ein wenig lässt er sich dann aber doch entlocken. Auf dem Weg zum 20. Jubiläum träume man davon, „mit internationalen Film-Stars eine weitere Bereicherung des Festivalrahmens zu realisieren“. Erste Gespräche liefen bereits. Was daraus wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch: Das Festival möchte sich weiterentwickeln, ohne seinen Kern zu verlieren. Dieser Kern besteht aus der Liebe zur Literatur, aus großen Stimmen, besonderen Räumen und dem Anspruch, Texte nicht nur vorzutragen, sondern erlebbar zu machen. Für einige Tage wird Bad Homburg zur Literaturstadt. Und wenn es nach Bernd Hoffmann geht, darf diese Geschichte noch lange weitergeschrieben werden.



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