Umschwärmte Diva und weltberühmte Künstlerin

Im zweiten Teil des fast dreistündigen Konzerts präsentiert sich die Künstlerin mehr als Ute denn als Marlene. Foto: Staffel

Bad Homburg (ks). Das Lied „Sag mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben? ...“ mit seinen vielen Strophen ist verklungen. Ein letztes Mal steht die Frage im Raum: „Wann wird man je versteh’n?“ – und es bleibt still im ausverkauften Kurtheater; als sei es den Besuchern bewusst, dass dieses Antikriegslied noch immer erschreckend aktuell ist.

Applaus hätte nach diesem nachdenklichen, eindrucksvollen „Entree“ von Ute Lemper nicht gepasst. Er wird im Lauf ihres fast dreistündigen Auftritts umso intensiver und ausdauernder nachgeholt. In einem fiktiven Interview zeichnete die inzwischen weltberühmte Künstlerin zum Auftakt des 10. Literatur- und Poesiefestivals ein Telefonat mit Marlene Dietrich nach, das sie 1988 mit der Diva führen durfte. Diese lebte bereits zurückgezogen in Paris, zeigte sich nicht mehr in der Öffentlichkeit und empfing auch niemanden mehr. Ute Lemper, 23 Jahre alt und selbst am Beginn einer großen Karriere, hatte der 1901 geborenen Diva einen so „respektvollen Brief“ geschrieben, dass sich diese bei ihr bedankte und zu einem Telefonat bereit war. Zwei Frauen, zwei Generationen, die Ältere hineingeworfen in eine turbulente Zeit, die die in Berlin geborene Künstlerin unter den Nazis nicht miterleben wollte. Sie ging nach Amerika, sang später in den Baracken für amerikanische Soldaten das Lied von Lili Marleen und musste sich dafür als „Vaterlandsverräterin“ beschimpfen lassen.

Leicht war ihr der Abschied von Deutschland nicht gefallen, sie habe manche Träne vergossen, berichtete Ute Lemper in der im Unterschied zur eigenen Stimme etwas verhalten-akzentuierten Ausdrucksweise der Dietrich und intoniert „ich hab noch einen Koffer in Berlin...“. Dorthin ist Marlene Dietrich nach ihrem Tod zurückgekehrt. Sie wurde neben ihrer Mutter begraben.

Aus dieser Collage aus Text und deutschen, englischen und französischen Chansons kristallisierte sich das Bild einer von Männern umschwärmten Diva heraus, die wohl nie richtig glücklich war; die sich in immer neue Liebesabenteuer stürzte, Männer und Frauen liebte und die vielleicht die eine große Liebe nie gefunden hat. Es sind viele berühmte Künstler unter ihren Lovern, zu denen auch Hemingway gehört hat. Die französischen Männer, darunter Gabin und Chagall, „habe ich nicht verstanden, und sie haben mich nicht verstanden“, soll sie gesagt haben.

Ute Lemper hat eine große Stimme, die ihr auch manche Kapriole erlaubt, und sie hat ein mit Klavier, Geige, Bass, Xylophon und Percussion hervorragendes Orchester an ihrer Seite, das sie dezent und einfühlsam begleitete. Ihr Beine, die sie fast bis zu Taille aus dem schwarzen Abendkleid in die Luft streckt, sind noch immer perfekt und ihre Tanzbewegungen zum Rhythmus der Musik sparsam und unaufdringlich. Die inzwischen auch als Musical-Star berühmte Künstlerin muss nicht imitieren. Sie interpretiert auch ein Chanson wie „Ich bin die fesche Lola“ aus dem berühmten Film „Der Blaue Engel“ auf ihre Weise und dennoch sehr authentisch.

Fulminante Vorschau

Die Pose, im Profil sitzend, die Beine verführerisch übereinander geschlagen, einen schwarzen Hut auf dem Kopf und die Zigarette lässig in der Hand, beschwor eindringlich die Erinnerung an Marlene Dietrich, die in diesem Film tatsächlich einmal das „männermordende Biest“ sein durfte, das nicht nur den armen Professor „Unrat“ ins Verderben stürzt. Das Lied „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt...“ passt wohl wirklich zu dieser „Ikone“ und ihrem bewegten Leben zwischen den Meeren und Kontinenten. Es stand am Ende eines langen Abends, den Ute Lemper mit Text und Stimme großartig gestaltet und damit für eine fulminante Vorschau auf das Jubiläumsfestival gesorgt hat, das vom 5. bis 30. Juni zelebriert wird.

Mit dem Schauspieler Sebastian Koch wird das Literaturfest außer den bewährten Förderern erstmals auch von einem prominenten Schirmherrn unterstützt. Der Beifall für Ute Lemper war zu später Stunde laut, herzlich und anhaltend.

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