Von Ingo Baumgartl
Bad Homburg. Abschied für Kerber, Wildcard für Williams, Generalprobe für Wimbledon, gute Laune für alle: Am Freitag gab es schon die inoffizielle Aufwärm-Partie „Kerber vs. Hetjes“ auf dem Platz vor dem KongressCenter, am Samstag dann der offizielle Turnierstart, Kerbers Abschiedsmatch und Boris Beckers Besuch inklusive.
So schnell war der Centre Court der Bad Homburg Open wohl noch nie ausverkauft, rund 4.000 Eintrittskarten gingen innerhalb von ein paar Tagen weg, Tennisfans aus allen Himmelsrichtungen wollten dabei sein, wenn die beste deutsche Tennisspielerin seit Steffi Graf zum „Final Serve“ (so der offizielle Titel ihrer Abschiedspartie) aufschlug. Als Gegnerin hatte sich Kerber ihre beste Tour-Freundin Ana Ivanovic ausgesucht. Obwohl beim Tennis eigentlich vorrangig „Einzelkämpferinnen“ unterwegs sind, gibt es hier und da doch tatsächlich auch echte Freundschaften.
Graf und Becker gratulierten
„Wir wissen das in Deutschland manchmal gar nicht zu schätzen, was für ein Weltstar Angelique Kerber ist.“ Boris Becker war extra aus Mailand eingeflogen, um bei der offiziellen Abschiedsvorstellung von Angelique Kerber dabei zu sein – nicht weil er gefragt wurde, sondern weil er wollte. Zunächst wurde er im Vorfeld des Spiels von Moderatoren-Legende Matthias Stach in der Loge interviewt, als das Match vorbei war, kam er dann auf den Rasen, um Kerber noch einmal persönlich zu gratulieren.
Auch Roger Federer, Rafael Nadal oder Andre Agassi hatten Kerber per Video auf der großen Leinwand für den nächsten Lebensabschnitt alles Gute gewünscht – und sogar Stefanie Graf, die „Grande Dame“ des deutschen Tennis, die man sonst nur unter Androhung von Waffengewalt vor ein Mikrofon bekommt, hatte extra für Kerber eine Grußbotschaft aufgenommen.
The Final Serve
Nach über 20 Jahren im Profizirkus, nach der Geburt zweier Kinder und nach einem unsteten Leben „aus dem Koffer“ hing Kerber ihr Tennis-Rackett eigentlich schon 2024 nach dem Viertelfinal-Aus bei den Olympischen Spielen an den Nagel. Aber einen gebührenden Abschied hatte sie bis dato noch nicht so richtig bekommen.
Bei der Erstauflage des Bad Homburger Turniers hatte sie 2021 gewonnen, an selber Stelle folgte nun passenderweise der offizielle Abschied. Mit 6:3 und 7:5 gewann Kerber, das Ergebnis war allerdings zweitrangig, in erster Linie ging es um Partystimmung auf dem Rasen und auf den Rängen und darum, die sechste Auflage des Turniers schon mit einem Höhepunkt zu beginnen.
Zwischen Spaß und Ernst
Auf den beiden Nebenplätzen, den Helvetia Match Courts 1 und 2 (dort ist der Eintritt das gesamte Turnier über frei), wurde ebenfalls gespielt, dort ging es allerdings nicht um den Spaß an der Freude, sondern um die Qualifikation für das Hauptfeld – die aus deutscher Sicht leider nicht gut verlief. Ella Seidel, Mariella Thamm und Tamara Korpatsch mussten allesamt die Segel streichen und konnten sich nicht für die Hauptrunde im Einzel qualifizieren.
Korpatsch konnte sich allerdings einen Tag später im Doppel durchsetzen, mit ihrer britischen Partnerin Emily Webley-Smith gewann sie gegen Krawczyk und Kitschenok (mit 3:6, 7:5 und 10:8) und steht jetzt im Viertelfinale, das voraussichtlich am Donnerstag, 25. Juni, ausgespielt wird.
Nachdem die Qualifikantinnen fertig waren und Kerber ihren Abschied gebührend gefeiert hatte und gefeiert wurde, ging es im angrenzenden „Helvetia Park Village“ nahtlos weiter. Die Bühne war schon aufgebaut, die Musiker der Cover-Band „Pfund“ (mit Gesang vom „heimspiel!“-Moderator Markus Philipp) hatten ihren Soundcheck erfolgreich absolviert, da bat Moderatoren-Legende Stach Oberbürgermeister Alexander Hetjes und Kurdirektor Holger Reuter noch einmal zum Gespräch.
„Als wir so vor sieben, acht Jahren angekündigt haben, dass wir hier in Bad Homburg ein WTA-Turnier stemmen wollen, dachten die meisten wahrscheinlich, dass wir uns im Rathaus sonst was in den Kaffee kippen“, meinte Hetjes etwas süffisant. „Dann die geplante Turnierpremiere mitten in die Hochzeit der Pandemie, da mussten wir das Ganze um ein Jahr verschieben, wirklich kein optimaler Start. Aber jetzt stehen wir wieder hier, das Turnier läuft erstklassig und hat sich mittlerweile etabliert!“
Ergänzend sagte Kurdirektor Holger Reuter das, was er schon auf der Pressekonferenz vor Turnierbeginn gesagt hatte: „Indian Wells ist ein kleines Örtchen mitten im Nirgendwo in Kalifornien, hat weniger als 5.000 Einwohner. Da gibt es eigentlich nichts. Aber jeder in der Tenniswelt kennt das dortige Turnier und fährt da gerne hin. Wir wollen dafür sorgen, dass die Leute gerne hierhin kommen.“
Das sollte nicht allzu schwierig sein, auf der Tour hat sich mittlerweile herumgesprochen, was Bad Homburg ausmacht: Statt eines Dutzends Paparazzi lauern den Spielerinnen vor dem Hotel maximal eine Handvoll Autogrammjäger auf. Und hat man die nach handgestoppten zwei Minuten zufriedengestellt, ist man nach einem kurzen Spaziergang durch den Kurpark auch schon da.
Zudem ist hinter den Kulissen gleich eine ganze Riege an Profis am Werk: Neben Sportdirektorin und Botschafterin Kerber vor allem Turnierdirektor Dr. Aljoscha Thron, der Ex-Tennisprofi und studierte Mediziner ist bereits seit der Erstauflage dabei. Heiko Frasch (von der Perfect Match GmbH) hat zwei Jahrzehnte Marketing-Erfahrung „auf dem Buckel“ und auch schon Events bei der Formel 1 und bei der DTM für DaimlerChrysler organisiert. Pressesprecherin Ulrike Weinrich, einstmals beim Sport-Informations-Dienst und immer noch Vorstandsmitglied im Verein Frankfurter Sportpresse, ist in Sachen Medien so gut vernetzt, wie man es nur sein kann. Und Oberbürgermeister Hetjes und Kurdirektor Reuter sind sowieso ein eingespieltes Team.
Wildcards und Rekorde
Naomi Osaka aus Japan, Venus Williams aus den USA, Alexandra Eala von den Philippinen und die Deutsche Eva Lys erhielten im Vorfeld Wildcards für das Hauptfeld – für drei von den vieren war das Turnier allerdings nach dem ersten Spiel auch schon wieder beendet. Williams verlor in drei Sätzen gegen Begu, Eala in zwei Sätzen gegen die Belgierin Mertens und Eva Lys ebenfalls in zwei Sätzen gegen Emma Navarro aus den USA, wobei Lys im ersten Satz drei Satzbälle vergab.
Einzig Naomi Osaka setze sich durch, gewann gegen die Polin Magdalena Frech und auch anschließend im Achtelfinale gegen Elise Mertens mit 6:3 und 6:3, steht nun im Viertelfinale.
Bemerkenswert die Partie zwischen der Britin Katie Boulter und der Kanadierin Leylah Fernandez: Nach drei Stunden und zwölf Minuten hatte Fernandez mit 6:7, 6:3 und 6:3 das Marathon-Match für sich entschieden, es war das längste in der Geschichte des Turniers.
Was die zweite Turnierhälfte bringt, bleibt abzuwarten, ebenso, wem die Heimfans dann die Daumen drücken: Keine Deutsche mehr im Turnier, Kerber in Tennis-Rente; es waren aber viele Polen-Fähnchen und rot-weiße T-Shirts auf dem Gelände zu sehen, die an eins gesetzte Wimbledon-Siegerin Iga Swiatek hat vermutlich die meisten Auswärtsfans mitgebracht – und kommt nachweislich auf Rasen bestens zurecht.










