Wikinger und Märchenstunde: Kirdorf feiert seine Narren

Profis am Werk: Als furchtlose Wikinger bieten die bereits bei den hessischen Meisterschaften erfolgreichen „Traumbuben“ dem närrischen Publikum eine beeindruckende Performance.

Bad Homburg (hw). Ein Homburger Mädchen, von der Mutter zum Beeren-Sammeln geschickt, verirrt sich im düsteren Wald, trifft auf die grüne Hexe Cordula, verliert in der Dunkelheit schließlich die Orientierung und lehnt sich an den Trost spendenden Baum. Bis der zuvor auf einem Feste in Seulberg weilende Prinz dahergeritten kommt, das Fräulein vorfindet, sich ihrer annimmt, und mit einer Prinzessin an seiner Seite zurückkehrt, denn: Rote Lippen soll man bekanntlich küssen. Klingt wie im Märchen? Genau das ist es auch – und zwar das „Kirdorfer Märchen“, uraufgeführt von den Ton-Tauben auf den Kappensitzungen der Kolpingfamilie St. Johannes.

Das Zusammentreffen der Narren hat in Kirdorf Tradition. Seit vielen Jahrzehenten veranstaltet, erntete der Kappenabend bald so viel Zuspruch, dass die Kolpingfamilie seit 1996 gar eine zweite Sitzung am Rosenmontag anbietet. Die Fortführung des Brauchtums ist für die Gemeinschaft eine Herzensangelegenheit – es zu erhalten, zu pflegen und an die nächste Generation weiterzugeben, wie Sitzungspräsident Volker Göbel in seinem Grußwort schreibt. Und so bereiteten über 150 Aktive mit Tänzen, Gesängen und launigen Büttenreden dem närrischen Publikum im Bürgerhaus Kirdorf auch zum diesjährigen Fastnachtssonntag und Rosenmontag eine Kappensitzung, wie sie im Buche steht.

Eröffnet pünktlich zur närrischen Uhrzeit um 19.19 Uhr von Sitzungspräsident Göbel, erinnerte der zunächst an den kürzlich verstorbenen Ehrenvorsitzenden der Kolpingfamilie, Günter Ochs. Über 50 Jahre hatte sich Ochs im Verein engagiert und war stets aktiver Bestandteil der Fastnachtssitzungen gewesen. Dass eine stimmungsvolle Fortsetzung 2019 ganz in seinem Sinne gewesen wäre, daran lassen seine an Göbel hinterlassenen Zeilen, die dieser auf der Bühne verliest, keinen Zweifel. Und stimmungsvoll sind sie, die in den verschiedensten Kostümen erschienenen Narren, die den Saal im Bürgerhaus einnehmen, um ein vielfältiges wie schmissiges Programm geboten zu bekommen. Unter die Gäste hat sich auch die lokale Prominenz aus Politik und Kirche gemischt, begrüßt werden unter anderem Oberbürgermeister Alexander Hetjes, Bürgermeister Meinhard Matern, Stadträtin Lucia Lewalter-Schoor, die Landtagsabgeordnete Elke Barth, der ehemalige Oberbürgermeister Michael Korwisi und Diakon Joachim Pauli.

Eine Liebeserklärung an das heimische Kirdorf liefert zum Auftakt die A-cappella-Gesangsgruppe „Kolpingcapella“ – stilgerecht treten die neun Herren mit „I love Kirdorf“-T-Shirts auf. Vor den Augen des mit Klatschen empfangenen Elferrats zeigen sogleich auch die Kleinsten, die Stöpsel und der Kinderchor, ihr Können auf der Bühne. Das Vorgetragene gerät dabei zu einem gesanglichen Duell der Geschlechter, verbunden mit der Frage, wer denn nun die Vorherrschaft unter den Kids innehat: Die Mädchen, die „nun mal viel cooler als Jungs“sind, oder doch die „Powerboys“? Mit großer Begeisterung empfangen wird das diesjährige Prinzen-Zwillingspaar, Jasmin I. und Jan I. vom Carnevalverein Heiterkeit.

Sportlich geht es in der ersten Hälfte der Kappensitzung gleich mehrfach zu. Dem Fußball widmen sich Kaja Simons und Anastasia Seipp, zum vierten Mal in Folge in der Bütt und somit trotz ihres jungen Alters schon zwei „alte Hasen“. Eine gewisse Routine ist ihnen anzumerken, als sie in schwarz-weiß-gestreiftem DJK-Trikot über ihre Erfahrungen im Spiel mit dem runden Ball berichten, besserwisserische Väter zurechtweisen und erzählen, worauf sich die Blicke männlicher Beobachter des Frauenfußballs eigentlich konzentrieren – das sportliche Geschehen soll es scheinbar nicht sein. Selbst aktiv werden die jungen Tänzer des TV Dornholzhausen, ebenso wie die „Kolping Chicks“, welche als Hausfrauen-Putzfeen schwungvolle Tänze darbieten. Am Ende fliegt sogar Konfetti.

Ein Höhepunkt der ersten Hälfte ist die Aufführung des eingangs erwähnten „Kirdorfer Märchens“. Abgerundet wird sie durch die Büttenreden von Waldemar Wehrheim, der intime und überraschende Einblicke in den Alltag eines Masseurs gewährt, und Esther Rupp, die ein Klagelied über die Leiden als Frau in den Wechseljahren anstimmt. Höchstpersönlich greift der Sitzungspräsident nach der zwei Mal elfminütigen Pause zur Eröffnung des zweiten Teils zum Mikrofon, um der in den Ruhestand zurückgezogenen Gesangsgruppe mit deren Erfolgslied „Pizza“ zu würdigen. Anlass genug, um auch der Hauskapelle in Person von Partymusiker Boris Schwürz ausgiebig für ihren Einsatz zu danken.

Das närrische Publikum, ob der bis dahin gesehenen Darbietungen ohnehin bester Laune, hält es beim folgenden Auftritt der „Kolping Böbbcher“ nicht mehr auf den Bänken, und so klatschen sie im Stehen begeistert mit, als die Frauengruppe der Kolpingfamilie mit männlicher Unterstützung zu Mambo No. 5 und J. Lo im wahrsten Sinne des Wortes die Puppen tanzen lässt – dank der eigens kunstvoll angefertigten Kollegen mit Anzug und Hut, die auf der Bühne als Tanzpartner herhalten. Für rege Erheiterung sorgt auch der Vortrag zweier bellender Vierbeiner, gespielt von Oliver Ernst und Florian Eppers, die sich über ihre in Rente befindlichen und deshalb nun nur aufs Faulenzen und Trinken bedachte Herrchen echauffieren. Was ein Hund nicht so alles mitmachen muss.

Lebendig und voller Energie ist der Auftritt der Tanzformation „The Next Generation“ unter der Leitung von Bernd Bachmann, sogar Sitzungspräsident Göbel wird zum Mitmachen animiert. Eine ganz eigene Interpretation der beliebten Fernsehsendung „Bauer sucht Frau“ hat das Männerballett einstudiert, während Thomas Paul bei seiner Premiere in der Kolpinger Bütt von seinen Erlebnissen als Großvater berichtet und Anja Pflüger mit Lara Göbel das Für und Wider von Payback-Punkten, Coupons und der „Kirdorf-Card“ diskutiert – deren Wirkung, da sind sie sich sicher, wäre „bombastisch“. Ein letzter Höhepunkt steht mit dem Auftritt der „Traumbuben“ an. Die 20 männlichen Tänzer, trainiert von Martin Toussaint, nehmen regelmäßig an verschiedenen Wettbewerben teil und wurden 2017 Vierter bei den Deutschen Meisterschaften. Anlässlich der Kappensitzung haben sie sich dem Wikingerleben verschrieben und erzählen das Leben der kriegerischen Seefahrer auf tänzerische Weise.

Gut vier Stunden bester Unterhaltung liegen hinter den Narren, als Volker Göbel selbst noch einmal zum Gesang anstimmt. Zum Abschluss stehen alle Aktiven des Abends zusammen auf der Bühne, bis schließlich der gemeinsame Abgang erfolgt. „Wiederseh’n, schade, dass wir auseinander geh’n“, klingt es – doch ist ein Wiedersehen für 2020 im Bürgerhaus Kirdorf für die allermeisten Narren wohl fest eingeplant.

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