AG Stolpersteine: Wider des Vergessens „Feuersprüche – Vorboten des Holocaust“ Auszug aus „Heimat“von Kurt Tucholsky

Im Gedenken an die Novemberprogrome referierte Dr. Rüdiger Brause (Sprecher AG Stolpersteine) am Montagabend im Kulturzentrum Badehaus zum Thema „Feuersprüche – Vorboten des Holocaust“. Fotos: Scholl

Bad Soden (bs) – Jedes Jahr findet in Bad Soden am 10. November (Reichskristallnacht 1938) eine Veranstaltung zum Gedenken an den Nazi-Terror statt. In diesem Jahr hatte die AG Stolpersteine diese denkwürdige Veranstaltung unter das Motto „Die Feuersprüche – Vorboten des Holocaust“ gestellt.

Dr. Rüdiger Brause, Sprecher der AG Stolpersteine, hatte es übernommen, über die Ereignisse und Bücherverbrennungen im Jahr 1933 zu referieren. Musikalisch begleitet wurde der Vortrag von dem Saxophon-Duo Miriam Brause und Ursula Zengerle mit Klezmer-Musik.

Vorläufer des Terrors

Der Terror gegen die jüdischen Bürgerinnen und Bürger hatte, so Dr. Brause, Vorläufer. Bereits im Mai 1933 begann ein „Kulturkampf“ gegen unerwünschtes Gedankengut, indem Bücher und Schriften nicht nur verbannt, sondern auch verbrannt wurden. Für zahlreiche Autoren und Literaten wie z.B. Thomas Mann, Carl von Ossietzky, Erich Kästner oder Kurt Tucholsky bedeutete dies das Ende ihres literarischen Wirkens – es folgten Selbstzensur, Exil oder gar der Selbstmord. Ernüchternd, wie auch erschreckend die Parallele, die Rüdiger Brause an dieser Stelle zu den aktuellen Entwicklungen in den USA – einer der ältesten Demokratien der Welt – zog. Dort zeige sich, wie „Fake-News“ und ein rechtskonservativer Kulturkampf nicht nur die Meinungsfreiheit, sondern die Demokratie selbst bedrohe. Die aktive Verbannung von Büchern (z.B. die Buchreihe „The Hunger Games/Die Tribute von Panem“, in der der Sturz eines totalitären Regimes beschrieben wird) aus den amerikanischen Bibliotheken sei ein Zeichen, das bedenklich stimme.

„Antisemitismus war nie gänzlich verschwunden“

Bürgermeister Dr. Frank Blasch nahm ebenfalls an der Gedenkveranstaltung teil und richtete gewichtige Worte an die Anwesenden. Die Veranstaltung habe in Bad Soden Tradition – sie sei heute wichtiger denn je zuvor. Erst vor Kurzem, so führte er aus, hat das Ehepaar Elisabeth und Sven Hammerbeck den Etelca und Dr. Peter Götz – Preis für herausragendes gesellschaftliches Engagement erhalten – ihr Engagement gilt in besonderem Maße der Erforschung jüdischen Lebens in Bad Soden. Dadurch, dass das Ehepaar Hammerbeck auch in der AG Stolpersteine mitwirke, gelte die Auszeichnung in übertragener Weise auch der Arbeitsgemeinschaft.

Der Antisemitismus sei, so Dr. Blasch in Deutschland leider nie ganz verschwunden gewesen, seit zwei Jahren werde er jedoch wieder offener geäußert, was die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger verängstige. Schulkinder werden auf ihrem Schulweg „bewacht“, Juden fühlen sich in Deutschland nicht mehr sicher. Dies, so der Bürgermeister, sei beschämend für unser Land. Offener Antisemitismus verberge sich häufig hinter einer Kritik an der israelischen Regierung – berechtigte Kritik könne und müsse auch geäußert werden, dürfe jedoch kein Vorwand für Judenhass sein. Die Erinnerung an die Ereignisse der Jahre 1933 bis 1945 – Pogrome gab es auch in Bad Soden - müssen aus diesem Grund wachgehalten werden, wozui der traditionelle Gedenktag am 10. November erheblich beitrage.

Feuersprüche

Die von den Nationalsozialisten veranlassten Bücherverbrennungen, die im Mai 1933 in Berlin ihren Anfang nahmen, wurden regelrecht zelebriert. Dazu gehören auch sogenannte Feuersprüche – sie waren genormt und begleiteten die Bücherverbrennungen - zu deren Deklamation wurden die Werke von Philosophen, Wissenschaftlern, Lyrikern, Romanciers und politischen Autoren in die Flammen geworfen. Insgesamt sind neun „Feuersprüche“ überliefert – z.B. „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner“ oder „Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften der Tucholsky und Ossietzky“.

Bücherverbrennungen

Die Bücherverbrennungen in über 70 Universitätsstädten in Deutschland waren damals ein öffentlicher Triumph für die Politik der „Gleichschaltung“ und „Unterdrückung“ der freien Meinung mit mehr als 70 Tausend (!) Zuschauern alleine in Berlin und begleitender Radioübertragung. Gleichzeitig war sie der Höhepunkt der Kampagne „Wider den undeutschen Geist“, mit dem die Deutsche Studentenschaft ab 1933 begann, jüdische und politisch missliebige Schriftsteller zu verfolgen. Sie waren die Vorboten der späteren Pogrome der Jahre 1938 und ab 1941 des systematischen Mordes und der Verbrennung in den Vernichtungslagern. Im Rahmen der Veranstaltung präsentierten Mitglieder der AG Stolpersteine verschiedene verbotene Autoren und Literaten und berichteten kurz über deren Schicksal unter der Herrschaft der Nationalsozialisten bzw. ihren Weg ins Exil. Begleitet wurden die kurzen Vorträge von historischem Filmmaterial, in dem die Bücherverbrennungen filmisch festgehalten und dokumentiert wurden.

Parallelen zur Gegenwart?

Über die historische Dokumentation der Bücherverbrennung und ihrer Begleiterscheinungen hinaus zog Dr. Rüdiger Brause auch Parallelen zur Gegenwart – beklemmend und doch leider brandaktuell. Nicht nur der von Bürgermeister Dr. Frank Blasch bereits thematisierte aufkeimende „Judenhass“ aufgrund der politischen Entscheidungen in Israel war Thema, sondern auch einige Zitate, die von Politikern der rechten Parteien öffentlich gemacht wurden – im Hinblick auf „Ausländer“, Meinungsfreiheit und vermeintlich „gleichgeschaltete“ Medien. Begriffe wie „Gesinnungsterroristen“, „Parteifilz“ oder „Lügenpresse“ lassen aufhorchen und hören sich im Kontext der die Bücherverbrennungen begleitenden „Feuersprüche“ noch bedrohlicher an – bedienen sie sich doch Narrativen und einer Sprache, die schon Joseph Goebbels in seine fatalen Reden genutzt hatte. Auch 1933 wurden die verbotenen, kritischen Autoren als „Nestbeschmutzer“, „Volksfeinde“ und „Vaterlandsverräter“ beschimpft.

Nie wieder!

In einem Zitat aus einem Gespräch, das Joseph Goebbels in kleinem Kreis geführt haben soll, wird deutlich, welcher Gefahr auch das heutige Deutschland entgegensieht und es zeigt, warum dieses Land wehrhaft bleiben muss: „Bis jetzt ist es uns gelungen, den Gegner über die eigentlichen Ziele Deutschlands im Unklaren zu lassen, genau wie unsere innenpolitischen Gegner bis 1932 gar nicht gemerkt haben, wohin wir steuern, dass der Schwur auf die Legalität nur ein Kunstgriff war …“

Die Veranstaltung, gestaltet von den Mitgliedern der AG Stolpersteine Bad Soden, war in weiten Teilen ergreifend und stimmte sowohl nachdenklich, wie auch traurig. Die intensive Erinnerung an Begebenheiten, die in ihrer Grausamkeit und Menschenfeindlichkeit niemals vergessen werden dürfen, machte betroffen – es wäre schön, wenn man behaupten könnte, dass Deutschland dieses rechte Gedankengut gänzlich überwunden hätte!

„…es gibt ein Gefühl jenseits aller Politik, und aus diesem Gefühl heraus lieben wir dieses Land. Wir lieben es, weil die Luft so durch die Gassen fließt und nicht anders, der uns gewohnten Lichtwirkung wegen – aus tausend Gründen, die man nicht aufzählen kann, die uns nicht einmal bewusst sind und die doch tief im Blut sitzen - Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil davon sind wir. Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert – die stille Liebe zu unserer Heimat.“

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