Charlotte von Feyerabend mit ihrer multimedialen Lesung zu Gast im Badehaus

Begleitet von musikalischer Untermalung, Illustrationen und Originalzitaten erzählt Charlotte von Feyerabend eine spannende Geschichte von Verrat, Intrigen und der weiblichen Rebellion gegen „männliche Macht“.Fotos: Scholl

Bad Soden (Sc) – Eine Lesung der ganz besonderen Art fand am vergangenen Freitag im Foyer des Kulturzentrums Badehaus statt. Zu Gast war Charlotte von Feyerabend, die mit ihrem Roman „Die Liga der sagenhaften Frauenzimmer – Der Auftakt“ das Publikum begeisterte.

Normalerweise bedeutet eine Lesung, dass die Autorin, oder der Autor, ausgesuchte Passagen aus einem Roman vorliest, die gelesenen Textstellen in einen Kontext setzt und anschließend mit den Gästen über den Roman und seine Entstehungsgeschichte diskutiert. Bei Charlotte von Feyerabend war eine „multimediale Lesung“ angekündigt, was die Gäste natürlich bereits im Vorfeld neugierig machte. Mit Musik, historischen Bildprojektionen und einer „szenischen“ Lesung bot die Autorin ihren Gästen an dem Abend ein ganz besonderes literarisches Erlebnis.

Starke Frauen

Die Lesung begann mit der Erzählung von einer geheimnisvollen, mit Dokumenten gefüllten Kiste, welche die Autorin nach eigenem Bekunden vor ihrer Haustür gefunden hat. Ein nachvollziehbarer Absender sei nicht zu ermitteln gewesen – die Absenderin selbst habe sich als die „Chronistin“ bezeichnet. Die Autorin hat, so ihre Erzählung, die Unterlagen gesichtet und habe darin Aufzeichnungen, Romanfragmente und Märchenerzählungen verschiedener Autorinnen gefunden. Ihre multimediale Lesung begann Charlotte von Feyerabend mit der berechtigten Frage: „Sind die Unterlagen überhaupt echt?“ und „Wem sind sie zuzuordnen?“. Die Dokumente, so stellte sich lt. von Feyerabend heraus, betrafen die Mitglieder einer geheimen Liga – eben genau jener „Liga der sagenhaften Frauenzimmer“, um die es in ihrem Roman letztendlich auch geht. Zu den Protagonistinnen, die laut Autorin zur Liga gehörten, gehörten berühmte Namen wie z.B. Lotte Grimm, Annette von Droste-Hülshoff, Sara von Grotthuis und Charlotte von Ahlefeld. Sie alle waren „starke“ Frauen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegen das gängige Frauenbild in der Gesellschaft aufbegehrten und letztendlich Wegbereiterinnen für den modernen Feminismus waren.

Die Frauen, aus deren Leben die Dokumente in der geheimnisvollen Kiste berichteten, waren selbstbewusste Frauen, die die ihnen von der Gesellschaft zugedachte Rolle als Mutter und „Hüterin des Haushalts“ in Frage stellten und die sich auch bereits für politische Themen interessierten. Szenenhaft beschreibt Charlotte von Feyerabend das Leben eben dieser Frauen, die Themen mit denen sie konfrontiert waren und die Vorurteile, mit denen sie zu kämpfen hatten. Begleitet wurde die „Szenische Lesung“ von Musik und historischem Bildmaterial. Diese besondere und außergewöhnliche Form der Buchvorstellung begeisterte die Gäste und eröffnete einen lebendigen Einblick in eine Zeit, als Frauen noch keine freien Entscheidungen treffen und nicht frei leben konnten. Sie berichtet in ihrer Lesung vom Kampf der Frauen und deren Wunsch nach „gesellschaftlicher Befreiung“ – ganz nebenbei erzählt sie dabei von Gesprächen auf Kutschfahrten genauso, wie von Moselwein und westfälischem Graubrot – aber auch von der Äußerung des Vaters von Annette von Droste Hülshof, der die Meinung vertrat, dass Politik nichts für Frauen sei, denn deren Aufgabe sei es, Haus und Familie zu bewahren. „Politik liegt nicht im Wesen der Frau“ ist eine Aussage, die Anfang des 19. Jahrhunderts durchaus weit verbreitet war!

Märchen

Was sich auch in der Kiste befunden habe, so die Autorin, seien Märchen gewesen. Nicht etwa diejenigen Fassungen, die wir heute aus den Märchenbüchern kennen, sondern jene „Urmärchen“, die um einiges grausamer und gesellschaftskritischer gewesen sind. Die Märchen – in diesem Fall jene der Gebrüder Grimm – sind in früheren Zeiten meistens von Frauen weitergegeben worden, bevor die Gebrüder Grimm sie aufschrieben und nicht selten beinhalteten sie durchaus feministische Botschaften. Als Teil der deutschen Kulturgeschichte waren die Urfassungen der Märchen wie „Hänsel und Gretel“, „Frau Holle“ oder auch der „Schinderhannes“ weitaus brutaler und düsterer als jene Fassungen, die später von den Gebrüdern Grimm überarbeitet und sprachlich „verschönert“ in der „Kinderfassung“ veröffentlicht wurden. Die Märchen erzählen Geschichten von Armut, Macht, Ungerechtigkeit, Freiheit - alles „Frauenthemen“, die ihren Weg in die Märchen und damit eine ganz besondere Form des erzählerischen Ausdrucks fanden.

Besondere Lesung

Mit ihrer multimedialen Lesung versteht es Charlotte von Feyerabend, die Zuhörerinnen und Zuhörer zu fesseln und für das Thema „Gesellschaft und Frauenrechte“ zu sensibilisieren. Ihre Fähigkeit, anhand der fiktiven „Liga der sagenhaften Frauenzimmer“ dieses wichtige Thema in einen historischen Kontext zu setzen, ist nicht nur spannend und kurzweilig, sondern auch durchaus informativ und lehrreich. Durch ihre lebhafte, aber auch gleichzeitig einfühlsame Vortragsweise gelingt es ihr, die Geschichten ihrer (realen) Protagonistinnen zu einer (fiktiven) Erzählung zusammenzufügen und die Spannung zu der Frage zu wecken:“ Was wird die Liga der sagenhaften Frauenzimmer“ wohl gesellschaftlich bewirken können? Die Autorin entführt ihre Leserinnen und Leser auch in die Zeit von Napoleon Bonaparte, die Zeit der großen Gartenfeste und Bälle und die Geburt des „Code Civil“, der den Frauen erstmals (theoretisch) die gleichen Bürgerrechte verlieh wie den Männern.

Am Ende aber noch ein „Paukenschlag“: die geheimnisvolle Kiste mit den Unterlagen und Märchen gab es nie wirklich – sie ist ein Stilmittel, das Charlotte von Feyerabend nutzt, um der „Chronistin“ aus ihrem Buch auch in der Lesung eine Stimme zu geben. Ein kluger literarischer Schachzug, der die Lesung umso spannender macht.

Für diejenigen, die sich gerne auf Online-Schatzsuche begeben, hat die Autorin ein kleines Säckchen mit Siegel und dem QU-Code zu begleitenden „Dokumenten“ und „Schriftstücken“ der Chronistin im Gepäck. Wer den Code nutzt, erhält Einblick in historische Briefe, deren Verfasserinnen Annette von Droste Hülshoff, Friederike Unger, Karoline von Günderrode und Bettina von Arnim auf ein Geheimnis im Hause Grimm hinweisen – mit Erläuterungen, Geschichten und begleitenden Informationen. Eine tolle Idee, die das Buch und sein zentrales Thema „Starke Frauen“ direkt vor den Augen der Leser wahrhaftig „lebendig“ werden lässt!

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