Bad Soden (Sc) – Die aktuelle Ausstellung des Künstlers Il-Jin Atem Choi in der Stadtgalerie trägt einen ungewöhnlichen Namen: „Sukzessive Approximation“ beschreibt ein Verfahren, bei dem man sich einem gewünschten Ziel nicht auf einmal, sondern in kleinen Schritten nähert. Jeder Schritt ist eine Verbesserung oder Korrektur gegenüber dem vorherigen, sodass man sich allmählich dem exakten oder optimalen Ergebnis annähert. Wer die Kunstwerke Atem Chois betrachtet, versteht relativ schnell, dass es genau dieses Verfahren ist, das seinen Kunstwerken die Wirkung und Tiefe gibt, die seine Kunst so bemerkenswert und einzigartig macht.
Geboren 1981 in Moers, lebt und arbeitet Il-Jin Atem Choi aktuell in Frankfurt am Main. An den Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums an der Universität Maastricht schloss sich ein Kunststudium in Frankfurt an. Er war Meisterschüler im Studium Freie bildende Kunst bei Professor Rehberger an der Städelschule und erhielt zahlreiche Stipendien und Förderungen namhafter Institutionen. Es folgten Ausstellungen in u.a. Berlin, Straßburg, Düsseldorf, Paju (Südkorea) und München. Im Jahr 2024 widmete er sich darüber hinaus dem Projekt „Gestaltung der S-Bahn-Station Rodgau Nieder-Roden“ mit großformatigen Wandgemälden.
In seiner aktuellen Ausstellung in der Stadtgalerie im Badehaus Bad Soden zeigt Il-Jin Atem Choi unterschiedliche Kunstwerke, die eines gemeinsam haben – das jeweilige Sujet folgt den Linien! Sowohl die Bilder als auch die dreidimensionalen grafischen Kunstwerke haben als verbindendes Element eine Linienführung, die sich anpasst, verändert, den Fluss scheinbar verlässt – nur um am Schluss das Gesamtkunstwerk zu vollenden.
Dreidimensionales aus zwei Dimensionen
„Alles beginnt mit einer einzigen, feinen geraden Linie am unteren Rand des Bildes“, so Atem Choi auf die Frage, wie seine Kunstwerke eigentlich entstehen. Diese besagte Linie wird in den folgenden Linien, aus denen sich das Bild letztendlich ergibt, fortgeführt – linear, aber nicht unbedingt parallel. Aus vielen, aufeinanderfolgenden Linien – die sich wandeln, die Richtung fast unmerklich ändern, bis sie zum Schluss rechtwinklig werden – ergibt sich zum Schluss ein grafisches Gesamtbild, das fast dreidimensional wirkt. Das Spiel mit den Linien und den Abständen, die sich ebenfalls fast unmerklich verändern, sind die Essenz dessen, womit sich Atem Choi in seinen Werken auseinandersetzt. „Wir können Linien zum Schreiben oder eben zum Zeichnen nutzen – beim Zeichnen geht es in meinen Werken um die Linie selbst und die Frage, was im weiteren Verlauf des kreativen Prozesses mit ihr passiert!“
„Graffiti-Bilder“ zum Mitdenken
„Schon als Jugendlicher habe ich mich für die Graffitikunst begeistert – Graffiti war für mich der Einstieg in die Kunst“, merkt Il-Jin Atem Choi im Hinblick auf seine „Graffiti-Bilder“ an, die er ebenfalls mit nach Bad Soden gebracht hat. Graffiti ist aus dem sogenannten „Writing“ entstanden, also dem Schreiben von Namen (Tags). In der Graffitikunst wird Sprache zur visuellen Kunst: Wörter sind im Graffiti nicht nur Träger von Bedeutung, sondern werden selbst zum Bild, wobei die Form der Buchstaben oft wichtiger ist als das, was sie bedeuten. Manche „Pieces“ sind so komplex, dass Außenstehende das Wort kaum noch entziffern können – für Insider ist aber genau das ein Beweis vom „Skill“ des Künstlers, den Atem Choi mit seinen Graffitibildern deutlich beweist. Die „Graffiti-Wort-Bilder“ zu entziffern, braucht einige Zeit und erfordert oft ein „out of the box“-Denken des Betrachters. Ein reizvolles Spiel mit dem Intellekt, das neugierig macht und kaum jemanden nicht in seinen Bann schlägt!
Das Spiel mit der optischen Täuschung
Acht mal acht Kästchen, das ist die erste Wahrnehmung bei der Betrachtung jener Bilder, bei denen der Eindruck entsteht, man blicke auf ein Schachbrett. Insgesamt 64 Kästchen – entstanden, aus Linien, die in einer besonderen Systematik angeordnet werden und deren visuelles Schachbrettmuster eigentlich nur deshalb entsteht, weil mittels heller Kontrastlinien (Highlights) weiße „Lichteffekte“ im Bild gesetzt werden, die ein Muster optisch real werden lassen, das im Bild – bei genauerer Betrachtung – eigentlich gar nicht vorhanden ist. Ein faszinierender visueller Effekt, der sprachlos macht. Ein bisschen erinnern diese Kunstwerke an optische Täuschungen, obwohl es sich um einen rein visuellen Effekt handelt!
Dreidimensionale Linien im Raum
Was passiert, wenn Il-Jin Atem Choi ein paar große farbige Schablonen-Papierbögen, die als Unterlagen für andere Kunstwerke dienten, „übrig“ hat und darüber nachdenkt, was daraus entstehen könnte, kann in Form von dreidimensionalen Kunstwerken bewundert werden, die ebenfalls in der Stadtgalerie zu sehen sind. Die schwarzen Bögen – bedeckt mit Sprayfarben – wurden vom Künstler mit weiteren farbigen Mustern versehen und anschließend in Streifen geschnitten. Als Grundlage der Kunstwerke dient darüber hinaus ein kleinerer Holzrahmen (ca. 40x100), auf dem die Papierbögen befestigt werden. Da die Bögen größer als der Rahmen sind, müssen die farbigen Streifen neu geordnet, drapiert und aufgefaltet werden, um ihren Platz im Kunstwerk neu zu finden. „Raus aus der Fläche und in den Raum hinein“ – lautet das Credo für diese besondere Form des Kunstwerkes. Ergänzt um helle, farbliche „Lichteffekte“ wirken die Kunstwerke wie lebendig gewordene Graffitis – sie sind ein echter „Eyecatcher“ und faszinieren mit ihrer Komplexität die Besucher.
Il-Jin Atem Choi eröffnet mit seiner Ausstellung einen einzigartigen Einblick in die moderne Form der grafischen Kunst. Linien sind seine Leidenschaft und sein Spiel mit Farben, Licht und Schatten macht seine Kunst für die Betrachter zu einem visuellen Erlebnis der ganz besonderen Art, das es nicht zu versäumen gilt!
Die Ausstellung in der Stadtgalerie im Kulturzentrum Badehaus ist immer mittwochs, samstags und sonntags geöffnet und kann von 15 bis 18 Uhr besucht werden. Der Eintritt ist frei.



