Aus einem Land im Krieg nach Bad Soden – das Malen ist für Yulia Lesina eine Therapie

Yulia Lesina und Bürgermeister Frank Blasch im KunstKabinett des Kulturzentrums Badehaus in Bad Soden. Dort sind wichtige Werke der ukrainischen Künstlerin noch bis zum 19. Juli zu sehen.Fotos: Esther Schaller

Bad Soden (es) – Wenn einem im Leben ein Schicksal trifft, kann man in die Ausweglosigkeit versinken oder sich auf den Weg machen. Yulia Lesina wurde jäh aus ihrer künstlerischen und familiären Lebenswelt gerissen, als der Krieg in ihrem Heimatland ausbrach. Bis dahin war sie dort auf vielfältige Weise künstlerisch tätig gewesen. Als Geigerin im Kammerorchester der Regionalen Philharmonie Sumy im Nordosten der Ukraine, als Kinderbuchautorin, als Dozentin für Kunstgeschichte, als Journalistin, als Komponistin von rund 50 Liedern und vielem mehr.

Die Entscheidung, ihr Land zu verlassen, war der Unmöglichkeit geschuldet, dort weiterhin künstlerisch frei zu sein. Eines ihrer Werke lautet „ Der Engel von Bad Soden“, zu sehen im Paulinenschlösschen, das sie der Stadt, in der sie Aufnahme gefunden hat, schenkte.

Sie ist auch musikalisch aktiv

Hier in Bad Soden konnte sie Fuß fassen. Die deutsche Sprache zu lernen ging einher mit dem Wunsch, wieder künstlerisch tätig zu sein. So gründete sie schon sehr bald das Ensemble „Kalyna. Bad Soden“, mit dem sie etliche Benefizkonzerte zur Unterstützung der Ukraine durchführte. Die drei Ensemblemitglieder an diesem Nachmittag spielten zu Beginn der Vernissage einige ukrainische Weisen. Zu hören war, gespielt von Zarina Konovalenko, das Instrument Doumbek, das auch Dum genannt wird, da der tiefe satte Basston der Bechertrommel wie ein „Dum“ erklingt. Dazu erklangen Kastagnetten, gespielt von Olesia Myronenko, und an der Gitarre war Yulia Lesina zu hören.

Auch wenn die Künstlerin sich in Bad Soden angenommen fühlen konnte, so fand sie doch keine innere Ruhe über dem Leid, das der Krieg in ihrem Land hervorgerufen hat. Schuldgefühle plagten sie als Überlebende, Schlaflosigkeit und Unruhe belasteten sie. Als Künstlerin lag es nahe, nicht eine Gesprächstherapie zur Heilung ihrer Wunden in Anspruch zu nehmen, sondern sie sah die Chance dazu im kunsttherapeutischen Ausdruck.

Das erweiterte ihre künstlerische Ausdruckskraft. Im Malen fand sie eine heilende kreative Kunstform, um Zugang zu ihren Gefühlen, Gedanken und inneren Konflikten zu bekommen. Traumatische Erfahrungen können in der Kunsttherapie bearbeitet, Emotionen erkannt, Ängste und Stress reduziert werden. Persönliche Ressourcen finden sich wieder und neue Lebensperspektiven tun sich auf.

Yulia Lesina möchte die Betrachter ihrer Bilder mit hineinnehmen in diesen besonderen Heilungsprozess, den sie gegangen ist, aber auch dazu ermuntern, diesen Weg für sich selbst in Anspruch zu nehmen. In der Darstellung hält sie mit ihrem Erleben nicht hinter dem Berg. Offen zeigt sie, was sie quälte, welche Ängste sich zeigten, welche Not sich in ihr angesammelt hatte.

Und trotzdem soll der zumeist schwarze Untergrund auf der Leinwand nicht ein Ausdruck von Düsternis sein. „Die Farbe Schwarz ist laut Psychologen unter anderem die Farbe des Reichtums, der Autorität und des Geheimnisses“, so die Künstlerin. Vielleicht hätte sie trotzdem diese Farbe nicht als Hintergrund gewählt, hätte sie nicht aus der Not eine Tugend machen müssen. Mit wenig Geld war es ihr nicht möglich, teure Leinwand zu kaufen. So entdeckte sie eines Tages Leinwände an einer Hausmauer, für den Sperrmüll gedacht. Um alle Unsauberkeiten zu beseitigen, trug sie dick schwarze Farbe auf und blieb dabei.

„Der Wind, den ich male“

Musik und Schreiben ist Bewegung. Und so dient ihr auch das Malen dazu, in der Bewegung ihre Empfindungen auszudrücken. „Der Wind, den ich male“, so der Titel der Ausstellung, bringt somit alles zum Ausdruck, was auf ihrer Seele liegt. Wind kann alles sein. Er entwickelt sich zum Sturm, ist unberechenbar in seiner Richtung, wühlt auf, zerstört und kommt zur Ruhe, streichelt sanft, kühlt und wärmt, wird zum Ausdruck eines jeden Seins. Dies alles findet sich in den Linien und Strichen, die zumeist mit grauer, blauer, gelber und weißer Acrylfarbe in allen Schattierungen auf die Leinwand aufgetragen werden. Die Titel der Werke lauten: „Der Wind in der Nacht“, „Heißer Südwind“, „August, Gewitter“, „Schmetterling“, „Der Engel“, um nur einige zu nennen. Die Linien und Farben geben den inneren Prozess wieder, nehmen den Betrachter mit hinein in das Geschehen in ihrer Gefühlswelt.

Ihre Werke sind abstrakt, nur schemenhaft erscheinen Gestalten. Eine Ausnahme sind die Bilder, die den Blick auf die Frankfurter Skyline lenken. Aber auch da zeigen sich ein Vorhang, ein Gewitter – oder sind es Weihnachtslichter, die der Wind davorschiebt? Es wirkt wie eine Neuverortung in dem Land des Exils. Jedoch scheint auch das bedroht von Urgewalten und perspektivisch unklar. Das Werk „Die Schaffung eines neuen Universums“ lässt Lesinas Musikalität in der Unendlichkeit erahnen. Ein Bild, das sich zu bewegen scheint. Ein Strudel des Lebens?

Ein Gewinn für die Stadt

Bürgermeister Frank Blasch würdigte Yulia Lesina in seiner Begrüßungsrede als einen Gewinn für die Stadt Bad Soden. Ihre künstlerische Kreativität habe ihren Platz gefunden im Stadtgeschehen. Er sprach ihr dafür seinen Dank aus.

Frau Lesina hat sich aus dem Kriegsgebiet auf den Weg gemacht in eine ungewisse Zukunft. Sie hat ihren Platz im Main-Taunus-Kreis eingenommen. Dafür wird ihr Anerkennung gezollt. Das wurde auch durch die Anwesenheit des Kreisbeigeordneten Olaf Jahnke deutlich. Anwesend waren auch die Stadtverordneten Isabell Reuter, Anna Merkert und Martina Helmerich.

Die sehenswerte Ausstellung ist noch bis zum 19. Juli im KunstKabinett des Badehauses im Alten Kurpark zu sehen, jeweils samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr. Einige Bilder stehen auch zum Verkauf. Der Eintritt ist frei.

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