Bad Soden (wto) – Die Sepsis, umgangssprachlich als „Blutvergiftung“ bezeichnet, ist die schwerste Verlaufsform einer Infektion. Unbehandelt verläuft sie meist tödlich. Sie entsteht, wenn die überschießende Immunabwehr des Körpers zur Schädigung der eigenen Organe führt. Die meisten Infektionen können zu einer Sepsis führen.
Sterblichkeit in Deutschland zu hoch
Bei den Todesursachen nimmt die Sepsis einen Spitzenplatz ein. In Deutschland, das sich seines guten Gesundheitssystems rühmt, ist die Sterblichkeit aufgrund von Sepsis erschreckend hoch – und das, obwohl eine Sepsis, wenn sie rechtzeitig erkannt wird, gut behandelt werden kann. „Deutschlandweit versterben im Jahr rund 140.000 – das sind 30 Prozent – von den 500.000 von Sepsis betroffenen Menschen. Das sind zu viele. Und 75 Prozent der Überlebenden leiden ihr ganzes Leben lang an den Folgen einer Sepsis“, berichtet der Mediziner Professor Konrad Reinhart. „Die Sterblichkeit ist deutlich höher als in den USA, in Schweden oder in Australien.“
Die Situation in Deutschland muss besser werden, „das kann und darf so nicht bleiben“, unterstreicht Reinhart, der sich als Vorsitzender der Deutschen Sepsis Stiftung seit Langem für eine bessere Sepsis-Aufklärung und -Behandlung einsetzt.
Nun gibt es einen wichtigen Impuls, um das wichtige Gesundheitsthema Sepsis aus seinem immer noch zu festen Dornröschenschlaf aufzuwecken: Eine „Modellregion Sepsis“ ist ins Leben gerufen worden. Und diese deutschlandweite Modellregion ist der Main-Taunus-Kreis (MTK). Der Kreis soll zwei Jahre lang eine Vorreiterregion für ganz Deutschland werden, wenn es darum geht, medizinisches und pflegerisches Fachpersonal, aber auch die breite Öffentlichkeit für die Symptome zu sensibilisieren. Schirmherr ist der Landrat des Main-Taunus-Kreises, Michael Cyriax.
Die medizinische Leitung hat Professor Michael Booke übernommen, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie der Varisano-Kliniken im Main-Taunus-Kreis; Booke verfügt als Notfall- und Intensivmediziner und als anerkannter Sepsisforscher über eine besondere Expertise zum Thema. Bei einer Kick-off-Veranstaltung, die jetzt im Varisano-Krankenhaus in Bad Soden stattgefunden hat, nannte Booke die Ziele, die mit der Etablierung der Modellregion verbunden sind. Dazu gehört, die Sepsis wie den Schlaganfall und den Herzinfarkt fest in der Notfallmedizin zu verankern. „Wir wollen die Sterblichkeit auf unter 30 Prozent senken und die Lebensqualität für die Betroffenen verbessern.“
Es muss schnell gehandelt werden
Dazu bedürfe es einer ganzer Reihe von Maßnahmen, angefangen vom Agieren der Rettungsdienste und der Kliniken bis zum Ziel, „das notwendige Sepsis-Wissen in der Bevölkerung zu verankern“. Klar müsse für alle Beteiligten sein: „Sepsis ist ein Notfall wie Schlaganfall und Herzinfarkt, bei dem schnell gehandelt werden muss.“ Häufig werden die Symptome nicht oder zu spät erkannt, da sie denen einer starken Erkältung oder einer Grippe ähneln.
Angestrebt wird die Ausstattung von Rettungswagen mit den entsprechenden Laborgeräten. Bei der Kick-off-Veranstaltung mit von der Partie war auch Lars Mackel, Sachgebietsleiter Rettungsdienst im Main-Taunus-Kreis. Booke: „Ohne einen gut funktionierenden Rettungsdienst ist eine moderne Sepsis-Medizin nicht möglich.“
Neben medizinischen Aufgaben im engeren Sinne – dazu gehört etwa, ein Sepsis-Konsil im Krankenhaus zu verankern – soll in der Vorreiterregion besonderer Wert auf die Aufklärung gelegt werden. Geplant sind Seminare zum Notfallthema Sepsis an Schulen oder Schulungen in Betrieben. Es gibt auch eine eigene Homepage der Vorreiterregion MTK. Auf der Seite werden die Ziele der Modellregion wie folgt zusammengefasst:
• Vermeidbare Todesfälle und Langzeitfolgen im MTK verhindern
• Die Mehrheit der Menschen im MTK weiß, dass Impfungen schützen können und kennt die Frühsymptome und die Sepsis-Checkliste
• Die Verbesserung des Sepsiswissens im MTK wird wissenschaftlich belegt
• Der MTK wird deutschlandweiter Vorreiter.
Die Maßnahmen
Umgesetzt werden sollen die Ziele durch:
• Aufklärung über Früherkennung und Vermeidung einer Sepsis für die 235.000 Einwohner im MTK
• Schulung der Ärzteschaft und des medizinischen Personals im ambulanten und stationären Bereich
• Aufklärung für Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler in den weiterführenden Schulen im MTK
• Unterstützung und Beratung der Pflegestützpunkte, pflegenden Angehörigen, Gesundheitsbehörden, unter anderem des Öffentlichen Gesundheitsdiensts.
Der „Sepsis-Papst“ Konrad Reinhart drückt es so aus: „Sepsis ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Alle brauchen Sepsis-Wissen – von der Erzieherin in der Kindertagesstätte bis zum pflegenden Angehörigen.“
Der Einsatz von Marion Pfeiffer
Dass die Modellregion eingerichtet wurde, ist auch dem Wirken Marion Pfeiffers zu verdanken, der Ehefrau eines Sepsis-Betroffenen aus Eppstein. Seine Sepsis-Erkrankung überlebte er nur knapp, er leidet bis heute an den Folgen der zu spät erkannten Sepsis und ist pflegebedürftig. Darüber berichtete Pfeiffer bei der Veranstaltung im Bad Sodener Krankenhaus. Als Betroffenenvertreterin hat sie sich beharrlich dafür eingesetzt, dass Sepsis als Gesundheitsthema eine stärkere Beachtung findet – und dass sich bei anderen nicht wiederholt, was ihrem Mann widerfahren ist.
Mehr Infos: sepsis-mtk.de
