Bad Soden (Sc) – Selbst Dr. Christiane Schalles, Stadtarchivarin der Stadt Bad Soden, zeigte sich einigermaßen überrascht über den großen Zuspruch zur Führung „Rund um das Hundertwasserhaus“ am vergangenen Samstag.
Im Rahmen der erfolgreichen Ausstellung „Friedensreich Hundertwasser – Friedensvertrag mit der Natur“ im Stadtmuseum Hofheim bietet die Stadt Bad Soden zwei Führungen rund um das Hundertwasserhaus am Quellenpark an. Nicht weniger als ca. 150 Personen hatten an diesem sonnigen Nachmittag den Weg auf den Franzensbadener Platz gefunden, um an einer dieser interessanten und lehrreichen Führungen teilzunehmen.
Damit auch jeder gleichermaßen informiert blieb, verlegte die Stadtarchivarin ihren Ort für die Einführungserläuterungen kurzerhand vor die Trinkhalle. Hier gab es Schatten und genügend Platz für alle, die ihren interessanten Ausführungen lauschen wollten.
„Friedensvertrag mit der Natur“
Als Friedrich Stowasser im Jahr 1928 geboren, interessierte sich Friedensreich Hundertwasser bereits in den 50er Jahren für Umwelt- und Naturthemen, engagierte sich aktiv in diesem Themenfeld und initiierte Aktionen zum Thema Umwelt- und Naturschutz – u.a. initiierte er die Pflanzung von 100.000 Bäumen in Neuseeland, eine Aktion, die zum damaligen Zeitpunkt nicht selbstverständlich war.
Er legte seine Matura in Wien ab und schrieb sich an der Kunsthochschule ein. Allerdings sagte ihm die „Kunstlehre“ nicht wirklich zu, weshalb er die Hochschule bereits nach drei Monaten wieder verließ und Zeit seines Lebens ein künstlerischer Autodidakt blieb. Spiralen übten eine besondere Faszination auf ihn aus, und seine Überzeugung, dass „Linien der Untergang“ seien, prägten sein künstlerisches Wirken. Er begann, sich mit Architektur zu beschäftigen und entwickelte Theorien wie das „Fensterrecht“ oder Begriffe wie „Baummieter“, die die Gestaltung der von ihm in späteren Jahren konzipierten Bauwerke nachhaltig beeinflussten.
Im Jahr 1983 wurde das erste Hundertwasserhaus in Wien fertiggestellt – Hundertwasser sah sich dabei selbst immer in der Rolle eines Künstlers, nicht in der eines Architekten.
Hundertwasserhaus Bad Soden
Das Bad Sodener Hundertwassserhaus ist eigentlich ein ganzer Komplex, der aus einem bereits vorher bestehenden, umgebauten Gebäude und einem Neubauteil besteht. Das bereits vorher bestehende Gebäude, das in das Gesamtensemble integriert wurde, war der frühere „Frankfurter Saal“. Es handelt sich um den Teil des Gebäudes, der durchaus – und das ist eher untypisch für Hundertwasser – geraden Linien folgt. Das Haus wurde 1722 als Kur- und Logierhaus gebaut, bevor es im Jahr 1813 umgebaut wurde. Das Gebäude stand unter Denkmalschutz und wurde im Rahmen der Gesamtbaumaßnahme des Hundertwasserhauses erst später fertiggestellt.
Für das Hundertwasserhaus selbst – also jenen Ensembleteil (Haupthaus), der den fließenden „Linien“ des Künstlers Hundertwasser folgt – wurde im Jahr 1989 die Baugenehmigung erteilt, die Fertigstellung folgte im Jahr 1993. Das Hundertwasserhaus Bad Soden wurde von Hundertwasser künstlerisch entworfen, während Peter Pelikan die Entwürfe in konkrete Baupläne überführt und die architektonische Umsetzung übernommen hat.
Beim Bau des Hundertwasserhauses Bad Soden gab es eine ganze Reihe typischer Schwierigkeiten, die vor allem aus dem ungewöhnlichen Stil von Friedensreich Hundertwasser resultierten.
Technische Herausforderungen
Hundertwasser lehnte gerade Linien, standardisierte Fenster und ebene Böden ab. Das führte zu unterschiedlich großen Fenstern („Fensterrecht“), die unregelmäßigen Böden und Wände waren statisch und bautechnisch aufwendig, und viele Details mussten individuell gefertigt werden – denn nichts war „von der Stange“.
Begrünung und Dachgärten
Ein zentrales Element waren bepflanzte Dächer und Fassaden. Dadurch gab es Probleme mit der Abdichtung und dem Wasserablauf sowie zusätzliche statische Belastungen durch Erde und Bäume.
Kosten und Budgetüberschreitungen
Durch die vielen Sonderanfertigungen wurde der Bau deutlich teurer als ein konventionelles Wohnhaus. Der Quadratmeterpreis beim Verkauf der Wohnungen lag bei damals enormen 7.500 bis 9.500 DM.
Abstimmung zwischen Künstler und Architekt
Die Zusammenarbeit zwischen Hundertwasser und dem ausführenden Architekten Peter Pelikan war nicht immer einfach, denn die künstlerische Vision stand oft gegen die baurechtliche und technische Realität, weshalb häufig Kompromisse gefunden werden mussten.
Viele Probleme entstanden damals genau aus dem, was das Gebäude heute so besonders macht – die bewusste Abkehr von der klassischen Architektur hin zu organischen, „lebendigen“ Formen.
Trotz aller Widrigkeiten – unter anderem gab es auch Probleme mit der in direkter Nachbarschaft befindlichen Sodenia-Quelle – wurde das Hundertwasserhaus fertiggestellt und verfügt heute über 17 Wohneinheiten, Gewerbeflächen und ein teilweise öffentlich zugängliches Parkhaus.
Rundgang durch das Hundertwasserhaus
Die Führung versprach auch einen Rundgang „Rund um das Hundertwasserhaus“, denn man kann nicht nur außen herumgehen, sondern das Gebäudeensemble verfügt über einen (Privat-)Weg, der zwischen den Gebäuden selbst hindurchführt und einen einmaligen Blick auf das „Innenleben“ dieses wunderbaren und außergewöhnlichen Hauses freigibt. So machten sich die ca. 150 Teilnehmenden auf den Weg – eine kleine geschwungene Treppe empor und durch ein Törchen, um einen Blick in zauberhafte kleine Gärten und Innenhöfe zu werfen. Wer einmal diesem kleinen Weg folgen durfte, den erwarteten farbenfrohe Mauerwerke, fließende blaue Mosaike, die an Wasser erinnern, und zauberhaft gestaltete Säulen, die „Baumstämme“ visualisieren sollen. Es ist ein bisschen, als würde man auf einem „märchenhaften“ Pfad wandern, denn überall gibt es etwas zu entdecken und hinter jeder noch so kleinen Wegwende wartet ein neuer Blick auf ein Gebäude, das durch seine „organische“ Bauweise – ohne Ecken und Kanten – ein wohliges Gefühl vermittelt. Im Ganzen betrachtet – die Leserinnen und Leser mögen diesen Vergleich verzeihen – fühlt man sich ein wenig wie im „Auenland“ (für all jene, die den „Herrn der Ringe“ gesehen haben). Ein verwunschener Ort, der Sehnsüchte weckt und eine „Heimeligkeit“ in sich birgt, die wohl von jedermann an diesem Nachmittag wahrgenommen wurde.
Die Führung unter der Leitung von Dr. Christiane Schalles war nicht nur lehrreich, sondern auch unglaublich informativ. Die Bad Sodener Stadtarchivarin stellte den Teilnehmenden ihr umfangreiches Wissen gerne zur Verfügung und beantwortete zahlreiche Fragen der interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer, von denen viele aus dem Main-Taunus-Kreis gekommen waren. Eine weitere Führung findet am Samstag, dem 6. Juni, um 15 Uhr an gleicher Stelle statt.
Angesprochen auf die große Resonanz zum Thema Hundertwasserhaus ließ Frau Dr. Schalles durchblicken, dass sie sich für die Zukunft durchaus häufiger Führungen zu diesem Thema vorstellen könne – dann allerdings mit vorheriger Anmeldung!




