Friedrichsdorf (bin). Im Unterrichtsfach „Digitale Welt“ erlernen junge Schüler Grundkenntnisse am Computer sowie den verantwortungsvollen Umgang mit sozialen Medien, unter anderem im Hinblick auf Fakenews und Cybermobbing. Trotz erfolgreicher Erfahrungen und positiver Auswertungen aus den vergangenen vier Jahren steht die Zukunft dieses Fachs nun in Frage. Aufgrund von Sparmaßnahmen des Landes Hessen könnte dieses wichtige Angebot künftig stark eingeschränkt werden.
Die Schulleiterin der Philipp-Reis-Schule (PRS), Frauke Piorreck, ist über den kürzlichen Beschluss des Landes Hessen geschockt. Seit dem Jahr 2022 unterrichtet die PRS als eine von zwölf Pilotschulen das Fach „Digitale Welt“ in der Unterstufe. Die Auswahl vor vier Jahren war eine große Ehre für die Schule, brachte jedoch auch einige Herausforderungen mit sich. „Da damals kaum Material für das neue Fach zur Verfügung gestellt wurde, mussten unsere Informatiklehrer dieses zunächst selbst erarbeiten“, berichtete Piorreck. „Darüber hinaus war das Fach ursprünglich nur für Gymnasialklassen gedacht. Wir wollten dieses tolle Angebot aber auch für die Förderstufe anbieten und haben dies auch umgesetzt.“ Um „Digitale Welt“ in allen Unterstufenklassen zweistündig pro Woche zu unterrichten, wurden eineinhalb zusätzliche Lehrerstellen geschaffen und mehrere PoWi-Lehrer weitergebildet.
In den vergangenen Jahren erweiterte sich die Zahl der Pilotschulen in Hessen auf 80. In einer Informationsveranstaltung im Februar präsentierte das Land den hessischen Schulleitern die positiven Auswertungen und die Entwicklung des Pilotprojekts und kündigte eine Einführung des Schulfachs an allen hessischen Schulen an. „Doch unsere Freude währte nur bis kurz vor den Osterferien“, erzählte Piorreck. „Das Fach soll künftig im Rahmen des Ganztags, etwa als freiwillige Arbeitsgemeinschaft, angeboten werden.“ Aufgrund der großen Konkurrenz an Nachmittagsangeboten an der PRS zweifelt die Schulleiterin an einer hohen freiwilligen Beteiligung der Schüler. Zusätzlich werde Kindern mit Beeinträchtigung der Zugang dieses Angebots verwehrt, da Teilhabeassistenten nur im Kernunterricht anwesend seien.
Mit so einem großen Rückschritt in der Bildung in unserem digitalen Zeitalter, das von gesellschaftlichen Problemen durch übermäßige Nutzung digitaler Endgeräte geprägt ist, habe Piorreck niemals gerechnet. Für die Schule sei unklar, ob sie das Fach unter diesen Einschränkungen im kommenden Schuljahr überhaupt noch anbieten könne. Als Angebot im Ganztag entfalle die finanzielle Beteiligung des Landes und die Schule müsste es aus ihrem eigenen Budget fortführen. Als AG sei das Fach dann für die Lehrkräfte eine schlecht bezahlte Überstunde.
Piorreck habe bereits finanzielle Mittel beim Land beantragt. Ob und in welcher Höhe diese bewilligt werden, sei jedoch offen und könnte über die Zukunft dieses wichtigen Fachs an der PRS entscheiden.
„Ich finde es toll, zu beobachten, wie in dem Fach versteckte Talente von Schülern zum Vorschein kommen“, berichtete der Informatiklehrer Tobias Brünner, der seit der ersten Stunde am Pilotprojekt an der PRS mitwirkt.„Das Fach bietet zudem Raum für die Teilnahme an Informatikwettbewerben wie dem Informatik-Biber und dem Jugendwettbewerb Informatik und ermöglicht fächerverbindende, schulinterne Projekte.“ „So konnten wir die Haltungsform der Hühner durch die Codierung auf den Eiern herausfinden“, erzählte der Biologielehrer Martin Sennlaub.
Auch bei den Schülern kommt das Fach sehr gut an. „Wir haben schon einen Computer auseinandergebaut und uns die Hardware gemeinsam angeschaut“, berichtete Anna aus der 5F2. Mittlerweile fühle sich die Zehnjährige auch sicherer im Internet, da im Unterricht die Risiken und der richtige Umgang damit thematisiert worden seien.
Genau wie ihre Mitschüler hofft sie auf eine Weiterführung des Fachs in der 6. Klasse bei Lehrerin Milena Ritter. „Anfang des Schuljahres wussten die Kinder noch nicht, wie man einen Computer anschaltet“, erzählte Ritter. „Mittlerweile können sie mit vielen Programmen umgehen und die Dateien selbständig abspeichern. Vor allem der Umgang mit dem Schreibprogramm Word ist wichtig, da sie dieses in ihrem Schulleben sowie später im Berufsleben häufig brauchen.“ Ihr werde immer wieder von Schülern gesagt, dass „Digitale Welt“ ihr Lieblingsfach sei, lächelte die Informatiklehrerin.
Die Fünftklässler Julia (11), Ben (11) und Anna (10) (v. l.) lernen den Umgang mit dem Schreibprogramm Word. Die Informatiklehrerin Milena Ritter hilft bei Fragen.
Informatiklehrerin Milena Ritter bringt der 5F2 im Unterrichtsfach „Digitale Welt“ Grundkenntnisse am Computer bei. Vor allem der verantwortungsvolle Umgang mit sozialen Medien ist in unserem digitalen Zeitalter sehr wichtig.Fotos: bin


