Meisterwerke für Cello Solo in Glashütten

Er brachte die Zuhörer im Bürgerhaus zum Schwärmen: Johannes Przygoda.Foto:privat

Königstein (kw) – Ein junger Cellist hat das Publikum im Glashüttener Bürgerhaus zum Schwärmen gebracht. Johannes Przygodda, in Berlin aufgewachsen und schon seit dem Grundschulalter dem Violoncello verfallen, kam am 21. Februar extra von seinem aktuellen Wohnort Paris angereist, um im Taunus zwei der anspruchsvollsten Solo-Werke zu präsentieren, die je für sein Instrument geschrieben wurden: Johann Sebastian Bachs Suite für Violoncello Nr. 1 und Zoltán Kodálys Sonate in h-Moll opus 8. Dazwischen spielte er ein Stück, das die spanisch-amerikanische Cellistin und Komponistin Andrea Cassarrubios 2021 geschrieben und unter dem Namen „Seven“ (also „Sieben“) veröffentlicht hat.

Zu Beginn natürlich Bach: Seine Suiten waren die ersten und lange die einzigen Werke, die für das Cello als unbegleitetes Soloinstrument geschrieben wurden. Pablo Casals nannte sie gar „die Quintessenz von Bachs Schaffen und Bach selbst die Quintessenz aller Musik“. Eine autographe Handschrift ist im Gegensatz zu den sechs Sonaten und Partiten für Violine Solo (dem „Schwesterwerk“?) nicht erhalten, und auch über den Kompositionsanlass ist nichts bekannt. Vielleicht wurden die Cellosuiten sogar auf einem kleineren Instrument gespielt, das wie eine Laute quer über die Knie gelegt wurde? Fragen, die auch der junge Solist des Abends in seiner kurzweiligen und souveränen Moderation in den Raum stellte.

Jedenfalls wurden die Cellosuiten bis ins 20. Jahrhundert so gut wie nie konzertant aufgeführt – erst Casals begann damit in den späten 1920er Jahren. Inzwischen sind einige Sätze allerdings ziemlich bekannt, wenn nicht gar populär geworden, und das Preludium der 1. Suite fand sogar in der Autowerbung Verwendung. Johannes Przygodda brachte die unterschiedlichen Charaktere der dem Prelude folgenden fünf Sätze mit großer Leichtigkeit und Musikalität zur Geltung und ließ die bewegteren „Tänze“ wunderbar mit der melancholisch-elegischen Sarabande in deren Mitte kontrastieren, die er zuvor als seinen persönlichen Lieblingssatz bezeichnet hatte. Sein schlanker, eher an einem historischen als am romantischen Ideal orientierter Celloklang passte hervorragend zur sehr direkten, trockenen Raumakustik des Saales.

Das einsätzige Stück „Seven“ entstand 2021 mitten in der Covid-Pandemie und nimmt Bezug auf die damals nicht nur in New York übliche Praxis, zu einem bestimmten Zeitpunkt (eben um 7 Uhr abends) gleichzeitig auf die Balkone zu gehen und den am Limit arbeitenden Krankenpflegern und Ärztinnen Beifall zu klatschen. Andrea Cassarubios stellte es damals selbst in der Carnegie Hall vor, und es wurde seitdem weltweit dutzendfach aufgeführt. Es beginnt und endet mit einer Art Klagegesang, rhythmisch durch einen gleichmäßigen Puls gegliedert, der einen bewegten, unruhig vibrierenden, fast fieberhaften Mittelteil einrahmt. Ungewohnte Klangeffekte durch eine herabgestimmte tiefste Saite und spezielle Spieltechniken wie zum Beispiel Pizzicato mit der linken, der Greifhand, ließen die Zuhörerschaft aufmerken und bei vielen wohl auch traurige Erinnerungen an die Entstehungszeit des Werkes aufkommen.

Nach der beim Publikum in Glashütten besonders beliebten Pause folgte mit Kodálys Cellosonate aus dem Jahr 1915 ein wahrer Brocken der Celloliteratur – ein Werk, das nur selten im Konzert zu hören ist, weil es höchste technische und künstlerische Ansprüche an die Interpreten stellt und auch vom Auditorium hohe Konzentration und Aufnahmebereitschaft erfordert. „Dabei hat Kodály darin auch Elemente der ungarischen Volksmusik verarbeitet, ähnlich wie sein Zeitgenosse und Kollege Belá Bártok“, erklärte Przygodda. Andeutungsweise dienten Bachs Cellosuiten dem Komponisten als Vorbild (allerdings schrieb Kodály keine Suite, sondern eine klassische Sonate), während die Klangfarben an impressionistische Musik wie die von Claude Debussy erinnern. Auch für dieses Werk musste der Solist sein Instrument umstimmen, was zu einem dunkleren Klangbild führte.

Die überlegene Technik des Solisten ließ die technischen Klippen völlig vergessen, das zwei- und mehrstimmige Spiel kam einem ganz selbstverständlich vor, gezupfte Akkorde und gestrichene Begleitfiguren fügten sich organisch in den musikalischen Fluss ein, und im halsbrecherischen Allegro molto vivace steigerte sich die Musik mehrmals in eine Art Wirbeltanz hinein. Das Stück endet mit einem stark auf der tiefsten Saite gestrichenen Grundton, einem regelrechten Schlusspunkt – und der kräftig darauf folgende Applaus löste ganz offensichtlich auch die Anspannung des Publikums. Dass aus schier physischen Gründen keine Zugabe folgte, empfand wohl niemand als Mangel – alle hatten noch mit dem soeben Gehörten zu tun, wie hätte ein „Encore“ das noch „verbessern“ können? Glashütten hatte wieder einen Künstler zu Gast, von dem noch viel in größeren Sälen zu hören sein wird – einen wahren Botschafter des Cellos! Vielleicht gibt es ein Wiedersehen im Taunus? Es wäre zu hoffen.



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