Glashütten (kw) – Ein wirklich besonderes Kammerkonzert mit Werken des 20. Jahrhunderts bekam das Publikum im Bürgerhaus Glashütten am Sonntag nach Pfingsten geboten: Der Kulturkreis hatte vier junge Leute eingeladen, die sich nach ihrem klassischen Instrumentalstudium intensiv mit zeitgenössischer Musik beschäftigt haben und auch weiterhin beschäftigen werden – nicht nur ausübend, sondern auch komponierend.
Alle vier haben 2024 bis 2025 die „Internationale Ensemble Modern Akademie“ in Frankfurt absolviert und gehören dem daraus hervorgegangenen „Chroma Kollektiv“ an, das bereits bei verschiedenen Festivals in Deutschland und im europäischen Ausland zu hören ist (https://chromakollektiv.com). Die Lust auf Neues, „Unerhörtes“ war den Musikern und der Musikerin an diesem Abend deutlich anzumerken – ihr Spiel strahlte große Frische und Spielfreude aus, was auch den etwas älteren, bekannteren, gleichwohl immer noch „modern“ klingenden Werken zugutekam.
Den Anfang machten der Geiger Leonard Melcher und die Pianistin Jiyoon Hyun mit der Sonate für Violine und Klavier von Claude Debussy, komponiert mitten im Ersten Weltkrieg und uraufgeführt im Mai 1917 mit Debussy selbst am Klavier. Es sollte sein letzter öffentlicher Auftritt sein, nur sechs Monate später erlag er seinem Krebsleiden. Das Werk ist aber keineswegs schwermütig, es enthält einige parodistische Zitate, Vogelrufe und vielleicht auch eine Panflöte, worauf Melcher in seiner kurzen Nachmoderation hinwies. Zupackend und zugleich sensibel wurde es dargeboten – ein schwungvoller Beginn.
Der Belgier Eugène Ysaÿe, selbst ein berühmter Violinist und Begründer einer ganzen Geigenschule, spielt mit seinen sechs Violinsonaten unverkennbar auf Bachs sechs Partiten und Sonaten für Violine solo an, worauf auch „alte“ Satzbezeichnungen wie Allemande und Sarabande hinweisen. „Vielleicht hat er Bachs Stücke geübt und dann frei weiter improvisiert?“, überlegte Melcher. Die 4. Solosonate jedenfalls wirkte in der Interpretation des jungen Musikers genau so, frei in der Form, wechselnd zwischen wohlklingenden Doppelgriff-Passagen, Pizzicato-Akkorden und hochvirtuosen Läufen – Musik, die neben dem großen Vorbild durchaus bestehen kann und es verdient, nicht nur als gelegentliche Zugabe in unseren Konzertsälen zu erklingen.
Nach der in Glashütten wegen der Aussicht auf Taunus und Sonnenuntergang immer besonders beliebten Pause bildete das „Quartett für das Ende der Zeit“ von Olivier Messiaen schließlich den Höhepunkt des Konzerts. Es wurde 1940/41 in einem deutschen Kriegsgefangenenlager bei Görlitz für dort zufällig verfügbare Musiker komponiert und von ihnen uraufgeführt. Wie die meisten Werke Messiaens ist es sowohl von einer tiefen Religiosität als auch von seiner Liebe zur Natur und speziell zu Vögeln geprägt. Das Werk besteht aus acht sehr unterschiedlichen Sätzen, in denen mal einzelne Instrumente die Führung übernehmen, die Klarinette (Tomas J. Ocaña Gonzáles) sogar einen Satz ganz alleine spielt (in Glashütten sehr passend begleitet von einer aus voller Brust singenden Amsel vor dem Fenster), und dann wieder alle vier Instrumente gemeinsam musizieren. Sehr eindrucksvoll eine lange Kantilene des Cello in hoher Lage, die der in Paris lebende Cellist Albert Kuchinski wunderschön erklingen ließ.
So dargebracht bezauberte diese eigentümliche, vielleicht auch sperrige Musik das Publikum, das „am Ende der Zeit“ den letzten Tönen ungewöhnlich lange ganz still nachlauschte, bevor es begeistert Beifall spendete. Vom Chroma-Kollektiv wird man bestimmt noch viel Gutes hören!
Das „Chroma Kollektiv“ begeisterte sein Publikum im Bürgerhaus Glashütten mit recht unbekannten zeitgenössischen Werken. Foto: privat
