30 Jahre später: Wo ist Annika?

Vor 30 Jahren verschwand die damals 11-jährige Annika Seidel spurlos.Fotos: Archiv

Kelkheim (ju) – Am 10. September 1996 verschwand die elfjährige Annika Seidel in Kelkheim. Sie wollte nur noch schnell etwas für ihren Hund kaufen. Drei Jahrzehnte später fehlt von ihr noch immer jede Spur. Ihre Mutter starb, ohne jemals zu erfahren, was mit ihrer Tochter geschehen war. Der Fall ist bis heute ungeklärt.

Es war eine jener kleinen Besorgungen, die im Alltag kaum jemandem im Gedächtnis bleiben würden. Annika Seidel war elf Jahre alt, als sie am 10. September 1996 in Kelkheim noch einmal losging, um für ihren wenige Tage zuvor geschenkten Hund „Tabs“ Flohmittel zu besorgen. Nichts deutete darauf hin, dass dieser kurze Weg eine Zäsur im Leben ihrer Familie und schließlich ein ungelöstes Rätsel für Jahrzehnte werden würde.

Fünf Tage zuvor hatte Annika ihren elften Geburtstag gefeiert. Nun war sie mit ihrer Mutter unterwegs, bevor sich ihre Wege gegen 17.50 Uhr in der Nähe des Bahnhofs trennten. Annika wollte noch kurz zur Zoohandlung in der Feldbergstraße gehen. Dort kam sie nie an.

Als sie am Abend nicht nach Hause zurückkehrte, begann zunächst die Suche, wie sie vermutlich in jeder Familie beginnen würde: mit der Hoffnung, dass es eine harmlose Erklärung geben müsse und das Kind gleich wieder vor der Tür stehen würde. Doch aus den Minuten wurden Stunden, aus der Sorge Gewissheit und aus der Suche nach einem elfjährigen Mädchen schließlich einer der Fälle, die Kelkheim bis heute nicht loslassen.

Die Polizei setzte damals umfangreiche Kräfte ein, suchte mit Hubschraubern und Spürhunden und ging zahlreichen Hinweisen aus der Bevölkerung nach. Es gab Zeugenaussagen, die bis heute Bestandteil der Geschichte des Falls sind. So wurde ein Mädchen an einem hellen Fahrzeug gesehen, dessen Beifahrertür geöffnet gewesen sein soll; das Kennzeichen wurde als osteuropäisch, teilweise auch als kroatisch beschrieben. Eine weitere mögliche Beobachtung führte in die Gegend um den Gimbacher Hof. Doch keine dieser Spuren ließ sich zweifelsfrei Annika zuordnen, und trotz der intensiven Suche blieb die entscheidende Antwort aus.

Drei Jahrzehnte Ungewissheit

Was bedeutet es, wenn ein Mensch verschwindet und niemand sagen kann, was mit ihm geschehen ist? Für die meisten Menschen endet ein solcher Fall irgendwann mit dem nächsten Nachrichtenereignis, während für die Familie die Zeit auf eine ganz andere Weise weiterläuft. Kinder werden erwachsen, Häuser wechseln ihre Bewohner, Straßen verändern sich und Menschen, die damals etwas gesehen oder gehört haben könnten, ziehen fort oder vergessen Einzelheiten. Für die Angehörigen aber bleibt diese eine Frage bestehen, die eventuell für immer unbeantwortet bleibt: Was ist mit diesem Menschen geschehen?

Auch bei Annika gibt es bis heute keine abschließende Antwort. Die Ermittler gehen seit Jahren davon aus, dass sie Opfer eines Verbrechens geworden sein könnte; einen Beweis dafür gibt es jedoch ebenso wenig wie einen Fund, der Gewissheit über ihr Schicksal geben würde. Eine Leiche wurde nie gefunden, ein Täter nie ermittelt.

Besonders schwer wiegt dabei das Schicksal ihrer Mutter Hannelore. Sie musste die Jahre nach Annikas Verschwinden mit einer Ungewissheit leben, die sich wohl kaum jemand vorstellen kann: Sie wusste nicht, ob ihre Tochter noch lebte, wo sie war oder was an jenem Septemberabend geschehen sein könnte. Hannelore Seidel starb 2007, ohne jemals eine Antwort auf diese Fragen zu bekommen.

Vielleicht ist gerade dieser Umstand einer der Gründe, weshalb der Fall auch nach 30 Jahren nicht einfach zu einer alten Geschichte werden darf. Denn während für Außenstehende drei Jahrzehnte eine kaum vorstellbar lange Zeitspanne sind, bedeuteten sie für Annikas Mutter bis zu ihrem Tod ein Jahrzehnt des Wartens, Hoffens und Nichtwissens.

Eine Spur, die neue Hoffnung weckte

2008 schien noch einmal Bewegung in den Fall zu kommen. Ein Bekannter der Familie berichtete von einer jungen Frau, die im Zusammenhang mit dem Familiengrab gesehen worden sein soll und dort wiederholt ein Grablicht entzündet beziehungsweise ausgetauscht habe. Der Gedanke lag nahe, dass es sich um Annika handeln könnte, die zu diesem Zeitpunkt längst eine erwachsene Frau gewesen wäre.

Die Polizei nahm den Hinweis ernst und untersuchte das Grablicht. Doch auch diese Spur führte nicht zu der erhofften Antwort. An dem Gegenstand wurde männliche DNA gefunden, eine Verbindung zu Annika konnte nicht hergestellt werden. Wieder blieb am Ende nicht die Gewissheit, sondern eine weitere offene Frage.

Fall, der nicht vergessen werden darf

Heute wird der Fall als Cold Case geführt und liegt bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt. Dass inzwischen 30 Jahre vergangen sind, bedeutet deshalb nicht, dass die Ermittlungen oder die Frage nach Annikas Schicksal ihre Bedeutung verloren hätten. Im Gegenteil: Gerade ein solcher Jahrestag ist Anlass, den Fall noch einmal ins Gedächtnis zu rufen und daran zu erinnern, dass hinter dem Begriff „Cold Case“ kein abstrakter Vorgang steht, sondern das Leben eines Menschen, das irgendwann im September 1996 einfach abbrach.

Annika wäre heute 41 Jahre alt. Niemand weiß, wie ihr Leben ausgesehen hätte, welchen Beruf sie ergriffen hätte, wo sie wohnen würde oder welche Menschen heute zu ihrem Alltag gehören würden. All diese Selbstverständlichkeiten eines erwachsenen Lebens sind für sie zu unbeantwortbaren Möglichkeiten geworden, weil wir nicht einmal wissen, was aus dem elfjährigen Mädchen geworden ist, das an diesem Septemberabend in Kelkheim unterwegs war.

Am 10. September jährte sich ihr Verschwinden zum 30. Mal. Für Kelkheim ist das ein Anlass, noch einmal genau hinzusehen, denn möglicherweise gibt es Menschen, die sich an diesen Tag erinnern, an ein Fahrzeug, eine Begegnung oder eine Beobachtung, die ihnen damals unbedeutend erschien und die heute, drei Jahrzehnte später, plötzlich in einem anderen Licht stehen könnte.

Vielleicht ist es zu viel verlangt, nach 30 Jahren noch auf die eine Erinnerung zu hoffen, die den Fall lösen kann. Aber es wäre ebenso falsch, deshalb aufzuhören, nach ihr zu fragen.

Annika Seidel war elf Jahre alt, als sie verschwand. Dreißig Jahre später ist sie noch immer ein Mensch, nach dem gesucht wird – und keine erledigte Geschichte.

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