Alter Friedhof – Stadtarchivar Julian Wirth widmet Führung verstorbenem Dietrich Kleipa

In seiner gewohnt lockeren und entspannten Art brachte Stadtarchivar Julian Wirth den rund 80 Besuchern der Führung die Geschichte des Alten Friedhofes nahe, der im nächsten Jahr entwidmet wird.Fotos: Natalie Diehl

Kelkheim (nd) – Was wissen Sie eigentlich über den Alten Friedhof im Herzen von Kelkheim? Am vergangenen Freitag führte Stadtarchivar Julian Wirth eine Gruppe von Besuchern über eben diesen und hatte eine Menge zu berichten.

Der Friedhof wurde im Jahr 1838 angelegt und soll im kommenden Jahr entwidmet werden. Das Interesse war groß und so waren rund achtzig Kelkheimer Bürgerinnen und Bürger gekommen, um dem Vortrag beizuwohnen. Wirth widmete die Führung dem kürzlich verstorbenen Dietrich Kleipa. Dieser war jahrelang Stadtarchivar der Stadt Kelkheim. In dieser Funktion war er sowohl Bewahrer als auch Erforscher historischer Zeugnisse. Unter anderem entdeckte Kleipa im Jahr 1969 bei Grabungen vor dem Altar der Alten Kirche Hornau zwei Gräber der Herren von Lindau. Er begeisterte die Menschen mit seinem umfangreichen Geschichtswissen, welches ihm zahlreiche Ehrungen einbrachte, darunter die Ehrenurkunde für Kunst und Kultur des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst. Dietrich Kleipa verstarb 84-jährig, nur zwei Tage nach seiner Frau. „Was er hinterlassen hat, wird noch Generationen bewegen. Er war froh über seinen Nachfolger Julian Wirth und dass er sein Erbe antritt“, würdigte Bürgermeister Albrecht Kündiger den einstigen Stadtarchivar. „Dietrich Kleipa war nicht nur ein Kollege, sondern auch ein Freund. Auch mein Herz ist beschwert und ich leite diese Führung in seinem Gedenken“, schloss sich Julian Wirth an.

Alter Friedhof wird nicht bebaut

Obwohl es legal wäre, soll der Alte Friedhof nach der Entwidmung nicht bebaut werden. Vielmehr soll daraus eine öffentliche Grünanlage werden. Zahlreiche mächtige Bäume, wie Roßkastanien, Platanen und Eichen, prägen das Gelände. Möglicherweise werden die wenigen noch vorhandenen Gräber in Denkmäler umgewandelt. Allerdings ist der Umgang mit normalen Gräbern nicht so klar geregelt, wie der Umgang mit Kriegsgräbern. Eine Grünanlage in der Stadt dürfte ein großer Zugewinn für Mensch und Natur sein. Zumal viele Kelkheimer Bürger selbst Verwandte haben, die dort bestattet wurden. „Das ist sicher auch im Sinne der Kelkheimer. Ich glaube, das wird ein sehr schöner Ort“, so Kündiger.

So fremd und doch so nah – der Friedhof

Ein Friedhof, so Wirth, sei eine Brücke zwischen zwei Welten – der Welt der Toten und der Welt der Lebenden. Es sei eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts, dass jeder Mensch unabhängig von der Religion, einen Platz auf dem Friedhof finden würde. Diese seien heute kommunal, während sie früher konfessionell waren. Zuvor war Ungetauften oder Ausgestoßenen eine Beerdigung auf dem Friedhof verwehrt. Während das Begräbnis in der Antike Sache der Familie gewesen sei, wurde es im frühen Christentum immer mehr eine Angelegenheit der Gemeinschaft. Karl der Große erließ schließlich ein Dekret, dass Christen bei den Kirchen begraben werden sollten. Feuerbestattungen verbot der Regent, denn diese galten als heidnisch. „Es gab aber zu allen Zeiten Menschen, die sich eine würdige Beerdigung nicht leisten konnten“, erklärte Wirth. Im 19. Jahrhundert sollten Friedhöfe dann zu Parks werden. 1822 entstand mit dem Friedhof Hornau der älteste kommunale Friedhof Kelkheims. Dort ruht auch die Familie von Gagern. 1972 wurde schließlich der Hauptfriedhof in der Frankenallee angelegt. Mit den fünf Stadtteilfriedhöfen, dem Alten und dem Hauptfriedhof, unterhält die Stadt Kelkheim insgesamt sieben Friedhöfe. Zusätzlich gab es zwei private Begräbnisstätten auf dem Gimbacher Hof und dem Rettershof.

Kelkheims erster richtiger Bürgermeister

Nun ging es weiter zum Grab des ersten Hauptamtlichen Bürgermeisters – Philipp Kremer. Dieser wurde 1878 in Rüdesheim geboren, wo er zunächst auch in der Stadtverwaltung tätig war. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die Einwohnerzahl in Kelkheim auf 1.247 Einwohner stieg, konnte das Amt nicht mehr von einem ehrenamtlichen Bürgermeister ausgeübt werden. 1903 übernahm Philipp Kremer die Leitung der Kelkheimer Gemeindeverwaltung. Kremer trieb die Entwicklung der Stadt voran. Bis zum Ende seiner Amtszeit 1922 bekam Kelkheim eine neue Schule, elektrisches Licht, eine Kanalisation, Wasserleitungen, eine Gemeindebibliothek und eine Obstbaumanlage. 1944, ein Jahr vor Kriegsende, starb Kremer. „Er war nie Mitglied der NSDAP; das konnten wir in der schwarzen Liste im Archiv einsehen“, so Wirth. Einer Umwandlung des Grabes in ein Denkmal würde in dieser Hinsicht schon mal nichts im Wege stehen. Philipp Kremer wohnte mit seiner Frau Augusta, geborene Stähling, in der Gundelhardtstraße Nummer 21.

Der beliebte Pfarrer Ivo Trauscheidt

Es folgte ein weiteres Grab, das zu einem Denkmal werden könnte. Die Grabstätte von Pater Ivo Trauscheidt. 1906 trat er in die Thüringische Franziskanerprovinz ein. 1919 kam er dann nach Kelkheim. Ursprünglich wollte er nach Japan zum Missionieren gehen und wurde von seinen Oberen tatsächlich dorthin entsandt. Doch auf dem Suezkanal endete die Fahrt. Der Erste Weltkrieg war ausgebrochen und das Schiff musste umkehren. „Er erfreute sich in Kelkheim großer Beliebtheit, wie kein Pater davor oder danach“, so Wirth. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde es für die Mönche des Franziskanerordens schwierig. Die Gestapo Frankfurt erstürmte das Kloster und warf den Brüdern Sittenwidrigkeit und Völlerei vor - sie hatten für zwanzig Personen fünfzig Dosen Fleisch eingelagert. Die Patres wurden inhaftiert, denn die Kirche entpuppte sich schnell als größte Widerstandsgruppe, wie Wirth erklärte. Ivo Trauscheidt entging der Inhaftierung nur durch seinen schlechten Gesundheitszustand. Er starb am 20. März 1939 im Höchster Krankenhaus, kurz nachdem die Aufhebung des Franziskanerklosters angeordnet worden war. „Es lebe Christus der König, es lebe Kelkheim“, sollen Trauscheidts letzte Worte gewesen sein. Sein Leichnam wurde nach Kelkheim überführt und unter sehr großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Alten Friedhof beigesetzt. Die inhaftierten Franziskaner wurden nach 62 Tagen in die Freiheit entlassen und kehrten am 24. September 1945 in das Kloster zurück.

Die ursprünglich weißen Fenster der Klosterkirche St. Franziskus ließ Pater Ivo Trauscheidt durch bunte Fenster ersetzen. Diese wurden im Zweiten Weltkrieg beschädigt und 1954 restauriert.

Der Vertrag

Ursprünglich befand sich der Friedhof Kelkheim Mitte an der Einmündung der Breslauer Straße auf die Frankenallee. Heute steht dort ein Hotel. Der Friedhof wurde 1862 erweitert. 1916 wurde er erneut erweitert – diese Erweiterung ist nun als Alter Friedhof bekannt. Im Jahr der letzten Erweiterung wurde ein neuer Vertrag für die Grablegen gültig. Dieser war auf 150 Jahre ausgelegt. Die Angehörigen hätten darauf bestehen können, dass die Gräber bis zum Jahr 2060 erhalten bleiben. „Zum Glück war eine Einigung möglich“, erklärte Bürgermeister Albrecht Kündiger.

Soldaten, Veteranen, Bombentote und Zwangsarbeiter

Nun folgte die wohl markanteste Begräbnisstätte des Alten Friedhofs – das Ehrenfeld der beiden Weltkriege. Nicht nur Soldaten fanden hier ihre letzte Ruhe, beziehungsweise ihren Gedenkplatz, sondern auch die Kelkheimer Bombentoten, später verstorbene Veteranen und Zwangsarbeiter. Um die Pflege der Grab- und Gedenkstätten der gefallenen Soldaten im In- und Ausland kümmert sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.. Der Volksbund sorgt nicht nur für den Erhalt der Ehrenmale, sondern sucht nach wie vor nach Verschollenen und überführt gefundene Gefallene zurück in die Heimat. „Deutsche Soldaten liegen in 54 Ländern der Welt begraben“, so Julian Wirth. Einer der Kelkheimer Gefallenen war Jakob Westenberger. Er fiel im Jahr 1916 in der Schlacht von Verdun, die über mehrere Monate ging. Doch nicht jeder Tote fällt in den Bereich der Kriegsgräberfürsorge. Emil Reifschneider beispielsweise starb 1938 in der Ausbildung zum Soldaten. Dadurch sei er kein „echter“ Kriegstoter gewesen, da er ein Jahr zu früh starb, wie Wirth erklärte. Erst ab dem Jahr 1939 würde er als Kriegstoter gelten.

Bombentote gab es in Kelkheim ebenfalls. Bomber, deren Ziele Darmstadt, Wiesbaden, Frankfurt und Mainz waren, „entluden“ teilweise im Taunus. Insgesamt fünf Bombenangriffe trafen Kelkheim. Der verheerendste Angriff ereignete sich in der Nacht vom 2. auf den 3. Februar 1945. Elf Tote hatte Kelkheim danach zu beklagen, neun davon starben durch Verschüttung, zwei durch schwere Verletzungen. In der Hauptstraße ist bis heute eine Baulücke aus dieser Nacht zurückgeblieben. Allein fünf Todesopfer hatten die Familien Schauer und Pfeiffer zu beklagen. Außerdem starb der Kelkheimer Lehrer Heinrich Eichhorn beim Bombenangriff auf einen Eisenbahnzug am Eppsteiner Tunnel.

Auf dem Kelkheimer Hauptfriedhof ist derzeit ein Areal abgesperrt. Dort soll ein Flakgeschütz gestanden haben und Munition könnte im Boden liegen. „Der Friedhof ist trotzdem groß genug“, so Kündiger.

Das Grab von Maria Baczuk findet man ebenfalls auf dem Ehrenfeld. Es ist nur wenig über sie bekannt. Baczuk starb 1945 im Alter von zwanzig Jahren als Zwangsarbeiterin. Eventuell stammte sie aus Polen. Früher stand auf ihrer Grabstätte nur ein Holzkreuz; auf Anweisung des Regierungspräsidiums wurde dieses durch einen Grabstein ersetzt.

Alljährlich finden am Volkstrauertag auch in Kelkheim Ehrungen an den Denkmälern und Ehrenmalen statt. „Die Mahnung der Toten von damals, sollte uns allen wichtig sein“, erinnerte Albrecht Kündiger.

Es folgte ein Besuch am Ehrengrab von Eugen Egenolf. Der beliebte Arzt wirkte in Kelkheim, war aber weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. Die interessante Führung endete an einem Wegkreuz. Einst war es Teil des Kirchweges, der von Hornau nach Münster führte und stand einige Meter weiter, auf der anderen Seite der Tilsiter Straße. Auch als Grünanlage wird der Alte Friedhof in Kelkheim in Zukunft einen Besuch wert sein.



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