Kelkheim (ju) – Hoch oben am Kran, leicht im Wind schwankend, hing sie über der Baustelle: die festlich geschmückte Richtkrone. Grün, stolz und weithin sichtbar thronte sie über dem Neubau in der Alten Schulstraße 6 in Kelkheim – fast wie ein Sinnbild für das, was viele an diesem Tag dachten: Was lange währt, wird endlich gut.
Denn lange hatte es gedauert, bis dieser Moment gekommen war. Umso größer war am vergangenen Freitag die Freude bei den anwesenden Gästen, als das Richtfest gefeiert werden konnte – ein Fest des Handwerks, der Hoffnung und des Neuanfangs.
Zwischen Tradition und Aufbruch
Mit fester Stimme und einem Augenzwinkern eröffnete Bauleiter Mathias Gaul, der sich Bürgermeister Albrecht Kündiger an seine Seite geholt hatte, den Richtspruch – seinen ersten, wie er selbst einräumte: „Hochgeehrte Herren und Frauen, liebe werte Bürgersleute, die ihr diesen Bau zu schauen heut hierher gekommen seid.“ Die Worte hallten über die Baustelle, während sich Vertreter der Stadt und interessierte Bürger versammelt hatten. Schnell wurde deutlich: Hier ging es nicht nur um ein Gebäude, sondern um ein gemeinsames Projekt. Ganz im Sinne der Tradition hob Gaul das Glas und rief: „Hier mit diesem Saft der Reben trink ich jetzt nach Handwerksbrauch: Hoch soll der Bauherr leben!“
Es wurde gelacht, genickt, angestoßen. Und doch lag zwischen den humorvollen Zeilen auch Ernsthaftigkeit. Denn dieser Bau ist das Ergebnis harter Arbeit – und vieler Rückschläge. „...die da Stein und Mörtel trugen und die Mauern wohl gesetzt, dass der Schweiß die Stirn benetzt“, zitierte Gaul weiter und brachte damit auf den Punkt, was auf der Baustelle geleistet wurde. Am Ende stand der Wunsch, der über Generationen hinweg gleichgeblieben ist: „Mein Wein sei diesem Haus geweiht, es stehe fest in Ewigkeit!“
Projekt mit bewegter Vergangenheit
Dass dieser Wunsch nun überhaupt ausgesprochen werden konnte, war lange Zeit alles andere als sicher. Der Bau hatte mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Schon zu Beginn stellte sich heraus, dass die Baugrube aufwendiger gesichert werden musste als geplant. Zeit verging. Dann – gerade, als das große Gerät bereitstand und die Arbeiten Fahrt aufnehmen sollten – folgte der nächste Rückschlag: Das ausführende Bauunternehmen meldete Insolvenz an. Stillstand. Wochen, in denen nichts voranging. Erst musste der Insolvenzverwalter entscheiden, dann musste neu ausgeschrieben werden. In dieser Phase wurde das Projekt auch politisch diskutiert – Begriffe wie „Stillstand“ oder „Hinhaltetaktik“ machten die Runde.
Heute wirkt das weit entfernt. Denn mit der Firma Jöst Bauunternehmen GmbH fand die Stadt einen verlässlichen Partner. Und plötzlich ging alles schnell: Baugrube fertigstellen, Rohbau errichten – und schließlich Richtfest feiern.
Wohnen, wie es gebraucht wird
Was hier entsteht, ist mehr als nur ein Gebäude. Es ist ein Beitrag zur Lösung eines Problems, das längst auch im Main-Taunus-Kreis angekommen ist: der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Deutschlandweit fehlen aktuell rund 1,4 Millionen Wohnungen, insbesondere im bezahlbaren Segment. Allein beim sozialen Wohnungsbau sprechen Studien von einem Defizit von über 900.000 Wohnungen. Und auch vor Ort ist die Lage angespannt: Im Main-Taunus-Kreis sinkt die Zahl der Sozialwohnungen seit Jahren, während die Nachfrage stetig steigt. Die Wartelisten sind lang – in manchen Kommunen warten Tausende Menschen auf eine passende Wohnung. Genau hier setzt das Projekt in der Alten Schulstraße an.
Zwölf Wohnungen und viele Chancen
Geplant ist ein modernes Mehrfamilienhaus mit zwei Baukörpern, zwei Vollgeschossen und einem Staffelgeschoss. Insgesamt entstehen zwölf Mietwohnungen – bewusst vielfältig geschnitten: von kompakten Ein-Zimmer-Wohnungen bis hin zu familiengerechten Vier-Zimmer-Wohnungen.
Die Größen reichen von rund 45 bis 84 Quadratmetern, die Gesamtwohnfläche beträgt etwa 780 Quadratmeter. Es sind Wohnungen für Alleinstehende, für Paare, für Familien – für Menschen, die auf dem freien Markt oft kaum noch eine Chance haben. Fünf Wohnungen im Erdgeschoss werden barrierefrei gestaltet. Zwei davon sind so ausgeführt, dass sie vollständig mit dem Rollstuhl nutzbar sind. Ein wichtiger Schritt, denn barrierefreier Wohnraum ist ebenso knapp wie bezahlbarer. Auch die Ausstattung zeigt: Hier wird langfristig gedacht. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, ein Gründach, Fassadenbegrünung sowie eine Zisterne und eine Brauchwasseranlage machen das Gebäude fit für die Zukunft. Im Untergeschoss entstehen zudem Stellplätze für Fahrräder und Autos.
Ein Projekt mit Verantwortung
Gefördert wird das Bauvorhaben im Programm „Geringe Einkommen“. Das Land Hessen unterstützt mit einem Zuschuss von rund 770.000 Euro sowie einem Darlehen von über zwei Millionen Euro, ausgezahlt über die WIBank. Für Bürgermeister Albrecht Kündiger ist das Projekt deshalb mehr als ein Bauvorhaben: Es sei ein Glücksgriff für die Stadt. „Wir haben damals zugeschlagen, als das Grundstück zum Verkauf stand. Die Lage ist perfekt, so zentral. Und in direkter Nachbarschaft haben wir die Tagespflege des DRK, Einkaufsmöglichkeiten, Anschluss an den ÖPNV. Wenn wir hier nicht gebaut hätten, wo dann?“, bringt es das Stadtoberhaupt auf den Punkt. Trotz Gesamtkosten von rund 4,4 Millionen Euro bleibt der Eigenanteil für die Stadt überschaubar – und die Investition zahlt sich aus, nicht nur finanziell, sondern vor allem sozial.
Blick nach vorn
Architekt Wolfram Fischer zeigte sich beim Richtfest sichtlich erleichtert. Nach all den Verzögerungen ist das Projekt nun auf Kurs. Wenn alles planmäßig verläuft, sollen die Wohnungen ab Mai 2027 bezugsfertig sein und werden dann von der Steg verwaltet.
Und so bleibt am Ende dieses Tages vor allem ein Bild: die Richtkrone, die über dem Bau schwebt – als Zeichen dafür, dass sich Ausdauer auszahlen kann. Oder, wie es im Richtspruch so treffend heißt: „Es lebe hoch die Bauherrschaft“ – und mit ihr die Hoffnung, dass hier bald ein Ort entsteht, an dem Menschen nicht nur wohnen, sondern zu Hause sein können.
So wird das Haus in der Alten Schulstraße aussehen, wenn es fertig ist. Grafik: Stadt Kelkheim
