Kelkheim (ju) – Der Bürgermeisterstuhl ist überraschend bequem. Das stellt Ari ziemlich schnell fest. Kaum hat der elfjährige Stadtchef der Kinderstadt Sonnental hinter dem mächtigen Schreibtisch im Kelkheimer Rathaus Platz genommen, huscht ihm ein breites Grinsen übers Gesicht. Einmal dort sitzen, wo sonst die wichtigen Entscheidungen für die Stadt getroffen werden – diesen Moment genießt er sichtlich.
„Gar nicht schlecht“, könnte sein Blick sagen.
Neben ihm nimmt seine Stellvertreterin Emily Platz. Auch die Neunjährige schaut sich neugierig im Amtszimmer um. Viel Zeit zum Ausruhen bleibt den beiden allerdings nicht. Schließlich sind sie nicht zum Kaffeetrinken gekommen, sondern zu einem Bürgermeisterbesuch. Und Bürgermeister haben bekanntlich immer jede Menge zu besprechen.
Wahlkampf wie bei den Großen
Dass Ari und Emily an diesem Tag überhaupt im Rathaus sitzen, haben sie sich hart erarbeitet. In der Kinderstadt Sonnental wird schließlich nicht einfach jemand zum Bürgermeister ernannt. Gewählt wird. Und zwar richtig. Mit Wahlkampf, mehreren Kandidaten und geheimen Stimmzetteln.
Gegen insgesamt zwölf Mitbewerber setzte sich Ari am Ende souverän durch und erhielt 69 Stimmen. Emily wurde mit 54 Stimmen zu seiner Stellvertreterin gewählt. Beide hatten zuvor kräftig die Werbetrommel gerührt, Versprechen gemacht und versucht, ihre Mitbürger von sich zu überzeugen – fast wie bei einer echten Kommunalwahl.
Für Ari ist Sonnental ohnehin kein Neuland. Seit Jahren verbringt er einen Teil seiner Sommerferien in der Kinderstadt. Ein echter alter Hase also, der genau weiß, wie der Hase läuft. Kaum im Amt, legte der neue Rathauschef dann auch schon los.
Mehr Lohn, kostenloses Essen
Stillstand? Fehlanzeige. Eine seiner ersten Amtshandlungen: Der Stundenlohn in Sonnental wurde erhöht. Ab sofort gibt es fünf Blüten pro Arbeitsstunde. Verheiratete Bürger erhalten sogar sechs Blüten – sehr zur Erheiterung der Erwachsenen im Raum.
Auch das Mensaessen soll kostenlos sein. Allerdings nicht bedingungslos. „Man muss leise sein und seinen Platz aufräumen“, erklärt Ari. Wer das nicht tut, muss mit einer Blütenstrafe rechnen.
Und auch für Diebe hat der junge Bürgermeister bereits einen Plan. Wer beim Klauen erwischt wird, landet am Spülmobil und darf dort seinen Beitrag für die Gemeinschaft leisten. Man merkt schnell: Auch in der Kinderstadt bedeutet Regieren, Entscheidungen zu treffen, Regeln aufzustellen und manchmal auch unbequeme Maßnahmen durchzusetzen.
Bürgermeister fragen Bürgermeister
Im Rathaus wartet bereits Kelkheims Bürgermeister Albrecht Kündiger auf seine jungen Kollegen. Zusammen mit dem Ersten Stadtrat Dirk Hofmann empfängt er die Kinder herzlich. Berührungsängste? Keine Spur.
Ari und Emily nehmen die Gesprächsrunde sofort selbst in die Hand. „Was macht Ihnen an Ihrem Beruf am meisten Spaß?“ Eine Frage, die vermutlich auch bei einer Pressekonferenz hätte gestellt werden können. Der Bürgermeister muss nicht lange überlegen. „Dass jeder Tag anders ist.“
Mal müsse ein Problem gelöst werden, mal stehe ein Firmenbesuch auf dem Programm, anschließend vielleicht ein runder Geburtstag oder ein Vereinsjubiläum. Gerade diese Abwechslung mache den Beruf so spannend. Und was gefällt ihm weniger? „Wenn sich Menschen nicht an Regeln halten oder mutwillig Dinge kaputt machen.“ Eine Antwort, bei der die beiden Nachwuchspolitiker aufmerksam nicken. Denn auch in Sonnental kennt man das Problem, dass Regeln manchmal nicht ganz so ernst genommen werden.
Zwölf Jahre im Amt
Natürlich interessiert die beiden auch, wie lange man eigentlich Bürgermeister bleibt. Seit zwölf Jahren steht der Rathauschef inzwischen an der Spitze der Stadt. Und wenn es nach ihm geht, dürfen noch einige Jahre hinzukommen. „Nächstes Jahr möchte ich wiedergewählt werden.“ Da horchen Ari und Emily auf. Wiedergewählt? Genau wie in Sonnental?
Ja, erklärt der Bürgermeister. Auch in Kelkheim treten mehrere Kandidaten gegeneinander an. Sogar sein Erster Stadtrat Dirk Hofmann wird im kommenden Jahr kandidieren. Am Ende entscheiden die Bürgerinnen und Bürger an der Wahlurne.
Plötzlich wird deutlich: So groß ist der Unterschied zwischen Kinderstadt und echtem Rathaus gar nicht.
Wer entscheidet im Rathaus?
Eine weitere Frage beschäftigt die beiden jungen Politiker. „Entscheiden Sie eigentlich alles allein?“ Der Bürgermeister schüttelt den Kopf. Natürlich spreche er viel mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Jeder sei Experte auf seinem Fachgebiet. Deshalb hole er sich Rat, höre unterschiedliche Meinungen an und treffe anschließend eine Entscheidung, das letzte Wort hat aber das Stadtparlament. Eine Antwort, die fast schon eine kleine Unterrichtsstunde in Sachen Demokratie ist. Denn Politik funktioniert eben selten als Ein-Mann-Show.
Döner statt Sterne-Restaurant
Zwischen all den politischen Themen bleibt auch Zeit für die wirklich wichtigen Fragen. „Was ist eigentlich Ihr Lieblingsrestaurant?“ Der Bürgermeister und der Erste Stadtrat müssen lachen. Die Antwort kommt wie aus einem Mund. Döner.
Während der Bürgermeister gerne bei Uludag einkehrt, zieht es Dirk Hofmann häufiger ins City Kebap Haus. Dass Bürgermeister offenbar ganz normale Essensvorlieben haben, sorgt bei den Kindern für einige schmunzelnde Gesichter.
Lieblingsplätze und Lieblingsvereine
Natürlich wollen Ari und Emily noch mehr wissen. Gibt es eigentlich einen Lieblingsort in Kelkheim?
„Den Marktplatz – vor allem an Markttagen“, antwortet der Bürgermeister. Dort treffe er viele Menschen, komme ins Gespräch und erfahre oft ganz nebenbei, was die Bürgerinnen und Bürger gerade bewegt. Außerdem sei er gerne bei den Sportvereinen unterwegs – etwa bei der TSG oder der TuS. Da können Ari und Emily sofort mitreden. Ari spielt selbst Handball bei der TSG, Emily kickt in der Mädchenmannschaft des SV Fischbach. Gesprächsstoff gibt es also reichlich.
Ein großes Lob für Sonnental
Zum Abschied interessiert die beiden jungen Rathauschefs noch eine letzte Frage. „Wie gefällt Ihnen eigentlich unsere Kinderstadt?“
Der Bürgermeister muss nicht lange überlegen. „Großartig.“ Besonders beeindrucke ihn, mit wie viel Engagement die Betreuerinnen und Betreuer sowie die vielen Mitarbeiter Sonnental Jahr für Jahr auf die Beine stellten. Ihnen gebühre ein großes Dankeschön für ihre Arbeit. Ein Kompliment, das die beiden Nachwuchspolitiker sichtlich freut.
Ob Ari später einmal wirklich Bürgermeister einer echten Stadt werden möchte? Er schüttelt lachend den Kopf. „Nein.“ Zumindest im Moment.
Nach diesem Vormittag im Rathaus ist aber eines klar geworden: Demokratie beginnt nicht erst mit 18 Jahren. Sie beginnt dort, wo Kinder Verantwortung übernehmen, Fragen stellen, zuhören und ihre eigenen Ideen einbringen.
Und wenn ein elfjähriger Bürgermeister seinem großen Amtskollegen genauso selbstbewusst gegenübersitzt wie jeder andere Politiker auch, dann muss man sich um den demokratischen Nachwuchs in Kelkheim wohl keine Sorgen machen.
Kinder regieren ihre eigene Stadt
Die Kinderstadt Sonnental gehört seit vielen Jahren zu den beliebtesten Ferienangeboten in Kelkheim. Während der Sommerferien schlüpfen in diesem Jahr 432 Kinder in die Rolle von Erwachsenen und gestalten ihre eigene kleine Stadt. Sie arbeiten in Betrieben, verdienen die eigene Währung – die „Blüten“ –, wählen einen Bürgermeister, treffen politische Entscheidungen, gründen Unternehmen und lernen dabei ganz nebenbei, wie Demokratie, Wirtschaft und Zusammenleben funktionieren.
Dass dabei nicht nur gearbeitet wird, zeigte sich am vergangenen Freitag: Zur großen Sonnental-Disco strömten rund 350 der 432 Kinder und verwandelten ihre Stadt für einen Abend in eine riesige Tanzfläche. Ausgelassen wurde gefeiert, getanzt und gelacht – eine Party, die Sonnental ordentlich zum Beben brachte.
Für eine besondere Überraschung sorgte das Kelkheimer Kino, das der Kinderstadt einen riesigen Sack Popcorn spendierte. Eine Geste, die bei den jungen Partygästen bestens ankam. Gleichzeitig lädt das Kino alle Kinder mit einem Ferienpass herzlich ein, in den Sommerferien einmal auf einen Film vorbeizuschauen. Und auch Kinder ohne Ferienpass sind natürlich jederzeit willkommen.
