Dimitri Vojnov: Als die Bilder zu sprechen begannen Eine Vernissage voller Erinnerungen

Der Künstler, seine Muse und seine „Lehrer“ – dieses Bild fasst Vojnovs Schaffen hervorragend zusammen.

Kelkheim (ju) – Noch bevor das erste Wort gesprochen wurde, lag eine besondere Stimmung über dem Ausstellungsraum. Die melancholischen Klänge von „Ederlezi“, dem Lieblingslied von Dimitri Vojnov, erfüllten den Saal. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Freunde, Weggefährten, Kunstliebhaber und Familienmitglieder lauschten – und viele hatten das Gefühl, der Künstler selbst sei noch einmal ganz nah.

Es war ein Auftakt, wie er kaum passender hätte sein können. Denn die Retrospektive, die der Künstlerkreis Kelkheim am Sonntag eröffnete, ist weit mehr als eine Ausstellung. Sie ist Erinnerung, Würdigung und Abschied zugleich. Mehr als fünf Jahrzehnte künstlerischen Schaffens werden in ihr sichtbar – bekannte Werke ebenso wie Bilder, die bislang noch nie öffentlich zu sehen waren.

Dass diese besondere Ausstellung überhaupt zustande kommen konnte, ist vor allem dem Vertrauen von Vojnovs Familie zu verdanken. Sohn Dimitar und Enkel Dimitar arbeiteten eng mit dem Künstlerkreis zusammen und stellten zahlreiche Werke aus dem Nachlass zur Verfügung. Es wird zugleich die letzte Gelegenheit sein, Dimitri Vojnovs Werk in dieser Form in Kelkheim zu erleben. Nach dem Ende der Ausstellung gehen die Bilder zurück nach Bulgarien, wo sie künftig in mehreren großen Ausstellungen präsentiert werden sollen.

Künstler im Gespräch mit Meistern

Für Paul Pfeffer, Vorsitzender des Künstlerkreises, wurde die Vernissage zu einer sehr persönlichen Erinnerung an einen Künstler, der die Kulturszene Kelkheims über Jahrzehnte geprägt hat.

Er erzählte von einem seiner letzten Besuche in Vojnovs Atelier. Als er den schwerkranken Künstler fragte, ob er dort oben manchmal einsam sei, zeigte dieser auf seine Bilder und antwortete: „Nein, schau mal, meine Lehrer sind alle da.“

Gemeint waren nicht Professoren oder Akademien, sondern die ganz Großen der Kunstgeschichte: Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer, Rembrandt, Johannes Vermeer, Vincent van Gogh, Pablo Picasso – später auch Joseph Beuys, Christo oder Andy Warhol. Ihnen allen fühlte sich Vojnov verbunden. Immer wieder tauchen sie in seinen Bildern auf, nicht als bloße Zitate, sondern als Weggefährten im Geiste. Kunstgeschichte war für ihn kein Museum, sondern ein lebendiger Dialog.

Sein künstlerisches Credo lautete: „Ich habe mich der Malerei verschrieben wie ein Mönch seiner Kirche. Ich predige nicht, ich beichte.“ Für Pfeffer beschreibt dieser Satz die kompromisslose Haltung seines Freundes wohl am treffendsten. Vojnov habe nicht gemalt, weil er wollte, sondern weil er musste. Die Kunst war seine Berufung – und sein Leben.

Fantasie, Ironie und Freude am Leben

Wer einmal ein Bild von Dimitri Vojnov gesehen hat, erkennt seine Handschrift sofort wieder. Seine Frauenfiguren mit den überlangen Hälsen und den oft skurrilen Kopfbedeckungen, rätselhafte Symbole, berühmte Maler mit verbundenen Augen oder scheinbar alltägliche Gegenstände wie Birnen, Baguettes, Geigen oder Spielkarten bilden einen ganz eigenen Kosmos.

Als ausgebildeter Zeichner verfügte Vojnov über außergewöhnliches handwerkliches Können. Doch seine Bilder leben nicht allein von ihrer meisterhaften Ausführung. Sie erzählen Geschichten, spielen mit Symbolen und kunsthistorischen Anspielungen, verbinden Humor mit Melancholie und Wirklichkeit mit Traum. Immer wieder entdeckt der Betrachter neue Details: den Dürerschen Hasen, das abgeschnittene Ohr Van Goghs, Granatäpfel, Katzen oder versteckte Selbstporträts des Malers.

Vor allem aber feiern seine Bilder das Leben. Die Frauen, die Vojnov immer wieder ins Zentrum seiner Arbeiten stellte, sind Musen, Sinnbilder der Schönheit und zugleich geheimnisvolle Wesen zwischen Realität und Fantasie. Verehrung und augenzwinkernde Ironie liegen dabei oft dicht beieinander – ebenso wie Melancholie und Lebensfreude, jene Mischung, die bereits in seinem Lieblingslied „Ederlezi“ anklingt. Dass Kunst in der Familie Vojnov über Generationen weiterlebt, zeigte sich bereits vor einigen Jahren in einer gemeinsamen Ausstellung von Dimitri Vojnov mit seinem Sohn Dimitar und seinem Enkel. Drei Generationen, drei unterschiedliche Handschriften – verbunden durch die gemeinsame Leidenschaft für die Malerei. Die jetzige Retrospektive richtet den Blick noch einmal ganz auf den Vater und Großvater, dessen Werk den Ausgangspunkt dieser künstlerischen Familie bildet.

Ein Abschied – und ein Neubeginn

Zum Ende seiner Ansprache erinnerte Paul Pfeffer an einen Satz, den Dimitri Vojnov ihm vor einer früheren Ausstellung mit auf den Weg gegeben hatte: „Paul, red nicht so viel. Lass meine Bilder sprechen.“

Genau das geschah an diesem Nachmittag. Nachdem die letzten Worte verklungen waren, traten die Besucher vor die Gemälde, betrachteten, entdeckten und erinnerten sich. Es war kein endgültiger Abschied. Vielmehr beginnt für Vojnovs Werk nun eine neue Reise. Nach dem Ende der Kelkheimer Ausstellung werden die Bilder nach Bulgarien gehen – zurück in das Land seiner Wurzeln, wo sie einem neuen Publikum begegnen werden. Für Kelkheim bleibt die Erinnerung an einen Künstler, dessen Werke längst Teil der kulturellen Identität der Stadt geworden sind.

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