Ehepaar Divisch feiert „Gnadenhochzeit“

Auch nach 70 Jahren noch ein Herz und eine Seele: Elisabeth und Alfred Divisch Foto: Mirjam Kuschel

Eppenhain
(mk) – „Als ich heute berichtete, dass ich noch eine ‚Gnadenhochzeit‘ besuchen werde, fragten sich wohl alle, was da geschehen sein mag“, so Pfarrer Josef Peters schmunzelnd bei seinem Hausbesuch am vergangenen Palmsonntag bei dem nun 70 Jahre lang verheirateten Ehepaar Divisch, dem er dazu gratulierte und seinen Segen spendete. „Dabei ist es eine ‚Gnade‘, so lange den Weg gemeinsam gehen zu dürfen im Kreise Ihrer Familie. Seien Sie stolz“, fuhr Peters fort. Zuvor hatte Bürgermeister Kündiger bereits freudige Glückwünsche, in mündlicher und schriftlicher Form, mitsamt Blumenstrauß überbracht für diesen „Jubeltag“ des 94- und 95-jährigen Ehepaares, das sich bereits aus dem Sandkasten kennt.

Ursprünglich stammen Elisabeth und Alfred Divisch aus dem beschaulichen Ort Zauditz bei Olmütz im sogenannten „Hultschiner Ländchen“ (einem Teil Tschechisch-Schlesiens), wo sie, wie erwähnt, schon im Sandkasten zusammen spielten, dort auch gemeinsam die Schule besuchten und Alfred im Alter von zarten vier Jahren die Buchstaben „ELI“ – für Elisabeth – mit Kreide auf ihre Bettkante schrieb. Fast schon filmreif, wie ihre gemeinsame Zeit beginnen sollte.

Aus Freundschaft und tiefer Zuneigung sollte Liebe werden – aber erst nach dem Krieg. Alfred Divisch war zunächst in Tschechien geblieben, erfuhr dann aber vom Verbleib „seiner“ Elisabeth und ihrer geflüchteten Familie in Frankfurt am Main und machte sich auf den Weg – ohne Geld wohlgemerkt. Als „Schwarzfahrer“ hatte er Glück und kam bis in die damals amerikanische Besatzungszone. Das erste Geld bzw. die damalige „Ersatzwährung“ in Form von Zigaretten verdiente er sich bei den Amerikanern mit dem Klavierspielen. Seine Begabung galt dem Musizieren; hatte er es doch außerdem jung von seinem Vater Franz beigebracht bekommen. Zwischen den Jahren 1950 und 1952 sahen sich die Beiden dann meist nur an den Wochenenden und führten eine „Fernbeziehung“, wie man heutzutage sagen würde. Alfred studierte zu der Zeit in Weilburg Pädagogik, Elisabeth war in Frankfurt geblieben.

Schlussendlich wurde am 10. April 1952 standesamtlich geheiratet und gleich darauf, vier Tage später, zu Ostern dann kirchlich. Ganz beschaulich und bescheiden wurde damals im Kreise der Familie gefeiert, selbst gekocht und am nächsten Tag wieder gearbeitet.

Bald darauf erlangte Alfred die „Lehrbefähigung“ und wurde in Fischbach tätig. Bis 1958 wurden alle vier Kinder (Reinhard, Carola, Norbert und Jutta) geboren, und es wurde „zu eng“ im damaligen Domizil. Der Umzug nach Eppenhain in die Lehrerwohnung über dem alten Schulhaus erfolgte 1960, und hier wurde viel selbst in die Hand genommen und „gewerkelt“. In der kurz darauf erweiterten Schule wirkte Alfred, sogar zuletzt als Rektor, bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1989, während sich Elisabeth um Haushalt, Kinder und Garten liebevoll kümmerte. „Die Tür stand immer offen, jeder war willkommen und fühlte sich auch so“ – da ist sich die Verwandtschaft einig. Ob Familie, Freunde, Freunde der Kinder: Die Wohnung war immer voller Leben, in der sie bis heute leben – seit 62 Jahren!

Freude und Leid, in guten wie auch in schlechten Tagen, alles wurde geteilt. Seit einem Schlaganfall bei Alfred unterstützt nun auch eine tatkräftige Ukrainerin die Familie im Alltag. Vielleicht unterstützt man sich gegenseitig in diesen schwierigen und erschütternden Zeiten. Toleranz, Offenheit, aber auch Disziplin und den nötigen Freiraum lassen – das sind die Tugenden und gelebten Werte von Ehepaar Divisch und deren Familie. Mittlerweile hat das Ehepaar drei Enkel, die in Frankfurt beziehungsweise im Odenwald leben.

Alfred Divisch spielte all die Jahre Orgel in Eppenhain, Ruppertshain und Fischbach, leitete Chöre, darunter auch den katholischen Kirchenchor St. Dionysius in Münster, und wurde im Jahr 1990 schließlich als „Dienstältester Organist“ des Bistums Limburg, vom Bischof geehrt, verabschiedet.

Auch heute noch spielt er Klavier und versucht es täglich, wenn auch weniger als früher, und wenn Elisabeth dazu singen mag, „haut er gerne noch in die Tasten“ – wohlgemerkt ohne Noten, alles aus dem Kopf oder nach Gehör. Eine wichtige Gemeinsamkeit, die sie beide bis heute verbindet und die sie wohl ganz ohne Zweifel (neben dem Treppensteigen) jung und „in Schwung“ gehalten hat.

Elisabeth und Alfred Divisch bei ihrer kirchlichen Hochzeit zu Ostern am 14. April 1952. Standesamtlich getraut wurde sich vier Tage zuvor, am 10. April.

Foto: privat

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