Kelkheim (ju) – Ein warmer, leicht windiger Juninachmittag. Die Sonne blinzelt durch die Blätter der Platanen, während am Kommodenbrunnen in Kelkheim ein ungewöhnlich lebendiges Bild entsteht: Rund um das sanft plätschernde Wasser haben sich 22 Frauen aller Altersgruppen mit bunten Wollknäueln, Nadeln und guter Laune versammelt. Es ist Weltstricktag – und hier, mitten im Herzen der Stadt, wird das Stricken nicht nur gefeiert, sondern gelebt.
Zwischen Knäueln und Nadeln
Zwischen Klappstühlen, Decken und liebevoll gepackten Körbchen mit Garnen in allen Farben herrscht eine besondere Stimmung. Eine Mischung aus konzentrierter Ruhe, fröhlichem Geplauder und diesem vertrauten Gefühl von Gemeinsamkeit. Nadeln klappern leise, hin und wieder wird gelacht – etwa wenn ein Muster nicht auf Anhieb gelingt oder sich zwei Garnknäuel auf charmante Weise miteinander verheddern. Mittendrin Mafalda Pinto-Schneider, die die „Integrative Strick- und Häkelgruppe des Arbeitskreises Mitte“ ins Leben gerufen hat, mit dem Ziel, über das Stricken Frauen mit Fluchthintergrund zu integrieren und ganz nebenbei auch Deutsch zu lernen. Sie ist auch die Initiatorin dieses Stricktreffs mitten in der Stadt und strahlt über das ganze Gesicht. „Es ist großartig, dass sich so viele Frauen eingefunden haben, um dem schönsten Hobby der Welt zu frönen“, lacht sie.
Denn was hier geschieht, ist weit mehr als Handarbeit: Es ist Austausch, generationsübergreifendes Lernen und ein Miteinander, das man nicht oft so selbstverständlich erlebt. Tipps werden weitergegeben, Lieblingsmuster gezeigt, und manchmal schweigen alle für einen Moment – einfach weil das Stricken Raum lässt für Gedanken, für Ankommen, für Gemeinschaft im besten Sinne. Zur Freude von Pinto-Schneider haben sich auch Marie (13) und Mariell (12) zur Gruppe gesellt. Die beiden Mädels haben allen Mut zusammengenommen und sich getraut, Strick- und Häkelnadel in die Hand zu nehmen und gemeinsam mit den anderen Frauen neues auszuprobieren. Denn für die beiden hatte Teilnehmerin Bettina Schlicht ein tolles Projekt parat: Zusammen häkelten sie Haarcrunchies in allen möglichen Farben und Variationen. „Das macht echt voll Spaß, wir hätten gar nicht gedacht, dass wir so aufgenommen werden und dass man uns zeigt, wie was funktioniert“, zeigen sich die Mädels begeistert. Am Ende des Tages gehen sie mit einem tollen Gemeinschaftsgefühl und massig Haargummis nach Hause. „Die könnten wir glatt auf einem Stand auf dem Wochenmarkt verkaufen“, denken die beiden schon weiter.
Von der Straße in die Schule
Begeistert zeigt sich auch Antje Walther, Grundschullehrerin aus Bad Soden, die eigentlich nur mal vorbeischauen wollte, um ein paar Anregungen für ihren Unterricht zu bekommen. „Meine Grundschüler lernen bei mir bis zur 4. Klasse das Sticken, Häkeln und Stricken. Außerdem biete ich an der Schule eine Handwerks-AG an, die gut angenommen wird“, berichtet sie. Und die, die eigentlich nur schauen wollte, findet sich prompt neben Marie und Mariell auf den Treppenstufen am Kommodenbrunnen wieder und häkelt ebenfalls Haarcrunchies. „Toll, so finde ich neue Anregungen, von denen auch meine Jungs und Mädchen profitieren können. Schön, dass es das hier in Kelkheim gibt und Stricktreffen organisiert werden.“
Dass das Stricken nicht nur ein Hobby ist, sondern daraus noch viel mehr entstehen kann, davon kann Annegret Germer berichten, die es sich bei Mafalda Pinto-Schneider ebenfalls auf den Treppenstufen bequem gemacht hat und an ihrem „Projekt“ strickt, was inzwischen viel mehr als nur noch ein Projekt ist.
Wie das Leuchtturm-Tuch entstand …
Im Sommer 2017 kam sie auf eine Idee, die Folgen hatte. „Ich wollte meiner Schwiegermutter ein Tuch schenken – etwas Besonderes, etwas, das sie an die Ostsee erinnert. Und was passt da besser als die klassischen Leuchtturmfarben? Blau, Weiß und ein Hauch von Rot“, erinnert sie sich.
Was sie jedoch nicht wollte, waren harte Streifen, sie wollte sanft ineinanderfließende Farben, wie das Licht eines Leuchtturms in der Nacht, wie die Wellen, die sachte an das Ufer rollen. Also wickelte sie zwei Bobbel – einen in Blau-Weiß, den anderen in Rot-Weiß. Die beiden sollten sich beim Stricken abwechseln, damit dieser weiche Farbfluss entsteht. „Ich setzte mich hin, strickte einfach drauflos, ganz ohne Plan. Kraus rechts, mal breite Streifen, mal ganz schmale – immer so, wie es gerade passte. Ich hatte Spaß daran, mit jeder Reihe zu entscheiden: rot oder blau? hell oder dunkel?“
Als das Tuch fertig war, stellte sie ein paar Fotos auf Facebook. Sie hatte keine Ahnung, was das auslösen würde. Plötzlich wollten alle wissen, wie sie das gemacht hatte. Die Idee sprach sich herum, und schon bald sprach man vom ‚Leuchtturm-Tuch‘ – oder liebevoll ‚Leuchti‘. Und Annegret Germer wurde plötzlich Geschäftsfrau, entwickelte Garne speziell für das Leuchtturm-Tuch.
Heute gibt es unzählige Farbkombinationen und Varianten. Doch das Prinzip ist immer noch das gleiche wie damals: zwei Fäden, ein einfaches Muster und die Freiheit, nach Gefühl zu stricken. Genau das macht den Zauber aus – und vielleicht auch diesen wunderbaren Leuchti-Flow, wie die Community es inzwischen nennt.
Faszination Stricken
An diesem Nachmittag kommen hier am Kommodenbrunnen alle diese Geschichten zusammen. Passanten bleiben stehen, manche aus Neugier, andere mit einem nostalgischen Lächeln im Gesicht – wer strickt, kennt die Faszination, die von diesem Handwerk ausgeht. Und auch wer nur zusieht, spürt: Hier wird nicht einfach nur Wolle verarbeitet. Hier wird verbunden – Menschen, Geschichten, Traditionen.
Der Weltstricktag am Kommodenbrunnen war keine große, laute Veranstaltung. Aber gerade das machte den Zauber aus. Ein stilles Fest der Kreativität. Und ein starkes Zeichen dafür, wie ein „nicht alltägliches Hobby“ mitten im Alltag für Verbindung sorgen kann – Masche für Masche.


