Von Freundschaft, Verlust und dunklen Geheimnissen: Connie Albers begeistert mit ihrem Psychokrimi

Autorin und Freundin Brina Stein im Gespräch mit Connie Albers.Fotos: J. Ulbricht

Kelkheim (ju) – Es sind diese besonderen Sommerabende, die man in Kelkheim inzwischen fast schon erwartet: Menschen, die sich lange vor Beginn einer Veranstaltung angeregt unterhalten, Gläser, die leise aneinanderklingen, und ein Publikum, das neugierig darauf wartet, wohin es dieser Abend führen wird. Am vergangenen Montag war der Gimbacher Hof einmal mehr Schauplatz einer solchen Begegnung. Über 60 Zuhörerinnen und Zuhörer waren gekommen, um Connie Albers bei der Lesung ihres Psychokrimis „Wer schläft, mordet nicht“ zu erleben – und sie erlebten weit mehr als eine klassische Buchvorstellung.

„Dass heute Abend so viele Menschen gekommen sind – und das während oder trotz der Ferienzeit – zeigt, was für ein interessiertes Publikum wir in Kelkheim haben, aber auch, wie breit und vielfältig das Kulturangebot in unserer Stadt ist“, sagte Kulturdezernent Christof Wolf bei seiner Begrüßung.

Dass die Resonanz so groß ausfiel, dürfte auch am Stoff gelegen haben. Denn „Wer schläft, mordet nicht“ ist kein Krimi, der ausschließlich der Fantasie seiner Autorin entsprungen ist. Tief in seinem Kern verbirgt sich eine wahre Geschichte. Eine Geschichte über Freundschaft, über das Verschwinden eines Menschen – und darüber, wie sehr einen manche Schicksale ein Leben lang begleiten.

Passender hätte der Ort kaum sein können. Denn der Gimbacher Hof ist nicht nur Veranstaltungsort, sondern auch Schauplatz in Albers‘ Psychokrimi. Und es ist einer jener Orte, an dem eine wahre Geschichte ihr Ende nahm, mit einer Gedenkstunde in der Kapelle.

Geschichte aus dem echten Leben

Charmant und mit spürbarer Vertrautheit führte Autorin Brina Stein, eine enge Freundin von Connie Albers, durch den Abend. Immer wieder lockte sie ihrer Gesprächspartnerin persönliche Geschichten und Hintergründe zum Roman hervor.

Dabei wurde schnell deutlich: Die fünf Freundinnen im Buch gibt es tatsächlich, einige waren an diesem Abend anwesend. Und auch Connie Albers selbst hat ihren Platz zwischen den Buchdeckeln gefunden. Sie ist Cora, eine der Frauen, die nicht akzeptieren wollen, dass ein guter Freund plötzlich einfach verschwunden sein soll.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Georg Thelen, Besitzer der „Bücherkiste“, eines kleinen Buchladens im Ort. Eines Tages ist er weg. Kein Abschiedsbrief, kein Lebenszeichen, keine Erklärung. Während die Polizei ihre Suche schließlich einstellt, halten seine Freundinnen an der Hoffnung fest.

Die Geschichte nimmt eine überraschende Wendung, als eine von ihnen eine Fernsehsendung sieht. Dort wird ein unbekannter Mann vorgestellt, der in einer Klinik im Westerwald im Wachkoma liegt. Niemand kennt seinen Namen. Niemand weiß, woher er kommt. Im Krankenhaus hat man ihm den Spitznamen „Nobody“ gegeben – eine Anspielung auf die berühmten Filme mit Terence Hill und dessen unverwechselbare blaue Augen, die dieser Mann dort im Krankenbett auch hat.

Gefunden wurde der Mann auf einem Feldweg. Er trug keine Papiere bei sich, litt unter einem schweren Schädel-Hirn-Trauma und musste notoperiert werden. Blutgerinnsel wurden entfernt, vieles deutet auf einen Hirnschlag hin. Der Finder hatte zwar den Rettungsdienst alarmiert, war danach jedoch verschwunden. Als die Freundin den Fernsehbericht sieht, ist sie sich sicher: Das ist Georg.

Doch die Erleichterung über das Wiederfinden währt nur kurz. Denn plötzlich gerät der Mann im Wachkoma in den Mittelpunkt eines Mordfalls. Sein Pfleger Paul Pawlowski wird tot vor seinem Krankenbett aufgefunden – erdrosselt und mit gebrochenem Genick.

Wie das möglich sein soll, wenn der mutmaßliche Täter weder sprechen noch sich bewegen kann, bleibt eine der vielen Fragen, die Connie Albers ihren Leserinnen und Lesern stellt.

Gefangen im eigenen Körper

Immer wieder nahm die Autorin an diesem Abend ihr Buch zur Hand und las ausgewählte Passagen. Besonders eindringlich waren jene Momente, in denen sie die Perspektive ihres Protagonisten einnahm.

Denn Georg – oder „Nobody“ – ist keineswegs ohne Bewusstsein. Er hört Gespräche, nimmt Berührungen wahr und erlebt seine Umgebung mit. Doch er ist gefangen im eigenen Körper. Ein Gedanke, der viele Zuhörer sichtbar bewegte.

Während die Außenwelt ihn längst abgeschrieben hat, kämpfen in seinem Inneren Erinnerungen um ihren Platz. Bruchstücke einer Vergangenheit tauchen auf, ausgelöst durch eben diesen Pfleger – Paul Pawloswki. Bilder von Angst und Gewalt. Und immer wieder erscheint die Gestalt dieses Mannes, den er nur als den „Folterknecht von einst“ bezeichnet.

Es sind genau diese Passagen, die den Roman weit über einen klassischen Regionalkrimi hinausheben. Connie Albers erzählt nicht nur eine spannende Geschichte, sondern beschäftigt sich auch mit Themen wie Verlust, Identität, Mobbing und der Frage, was vom Menschen bleibt, wenn ihm plötzlich jede Möglichkeit genommen wird, sich mitzuteilen.

Buch, das geschrieben werden musste

Im Gespräch mit Brina Stein erzählte Connie Albers schließlich von der Entstehung ihres Romans – und für einen Moment wurde es still im Saal.

Die Geschichte des verschwundenen Georg basiert auf dem Schicksal eines engen Freundes. Auch er verschwand eines Tages. Wochenlang wusste niemand, wo er war. Schließlich wurde er in einem Krankenhaus gefunden. Später kam er in ein Pflegeheim. Im vergangenen Jahr verstarb er.

„Der Entwurf lag schon lange auf meinem Computer“, erzählte die Autorin. Immer wieder habe sie begonnen, weiterzuschreiben, dann wieder aufgehört. „Irgendwann musste die Geschichte einfach raus.“

Sie habe alles aufgeschrieben, was sie bewegt habe. Die Sorge, die Hilflosigkeit und die vielen Fragen, die damals unbeantwortet blieben. Aus Erinnerungen wurde Fiktion, aus Wirklichkeit ein Psychokrimi. Dass ihr Freund das fertige Buch noch lesen konnte, bedeutet ihr bis heute viel.

Es war einer jener Momente des Abends, in denen deutlich wurde, dass hinter „Wer schläft, mordet nicht“ mehr steckt als ein spannender Plot. Es ist auch eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit Verlust und mit der Erkenntnis, dass manche Menschen selbst dann Spuren hinterlassen, wenn sie längst nicht mehr da sind.

Pink Panther schleicht durch den Hof

Bei aller Emotionalität blieb die Lesung jedoch nie schwer oder bedrückend. Immer wieder sorgten musikalische Einlagen für besondere Momente und verliehen den gelesenen Szenen eine zusätzliche Ebene.

Plötzlich erklang „Und der Haifisch, der hat Zähne“ und ließ Mackie Messer durch den Saal ziehen. Wenig später schlich der Pink Panther beinahe hörbar zwischen den Stuhlreihen hindurch. Und als „The Sound of Silence“ einsetzte, schien die Zeit für einen Augenblick stillzustehen – passend zu jener bedrückenden Stille, die den männlichen Protagonisten in seinem Wachkoma umgibt.

So wurde der Abend zu einer Mischung aus Lesung, Inszenierung und persönlichem Gespräch. Und vielleicht war genau das der Grund, warum viele Besucher auch lange nach dem letzten Satz noch im Gimbacher Hof verweilten.

Am Ende blieb nicht nur die Erkenntnis, dass Connie Albers ein bemerkenswerter Einstieg ins Krimi-Genre gelungen ist. Es blieb auch das Gefühl, dass Geschichten manchmal dort beginnen, wo die Wirklichkeit kaum zu ertragen ist.

Oder, wie man es an diesem Abend im Gimbacher Hof hätte formulieren können: Manche Menschen verschwinden. Aber vergessen werden sie nie.

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