Kelkheim (ju) – Während ihre Mitschülerinnen und Mitschüler noch miteinander lachen, Erinnerungsfotos machen und ihre Zeugnisse vergleichen, hält Greta Erfort ihr Abiturzeugnis für einen Moment ganz ruhig in den Händen. Ein kurzer Blick auf die entscheidende Zahl, ein Lächeln – dann scheint die Anspannung der vergangenen Monate von ihr abzufallen. Mit einem Durchschnitt von 1,0 ist sie die einzige Absolventin des Privatgymnasiums Dr. Richter, die in diesem Jahr die Bestnote erreicht hat. Wer nun eine junge Frau erwartet, die ihren Erfolg lautstark feiert, irrt. Greta wirkt bescheiden, ruhig und reflektiert. Viel lieber spricht sie über den Weg zu dieser Leistung als über die Zahl auf dem Zeugnis.
„Es fiel eine riesige Last von mir ab“, sagt sie. Denn obwohl sie schon früh ehrgeizige Ziele hatte, war ihr erst nach den schriftlichen Abiturprüfungen klar, dass die 1,0 tatsächlich erreichbar sein könnte. „Da wurde mir bewusst, dass ein Abitur mit der Note 1,0 realistisch ist.“ Gleichzeitig sei damit auch der Druck größer geworden. „Ich wollte diese Chance auf keinen Fall mehr verlieren.“
Dass sie einmal mit der Bestnote die Schule verlassen würde, war nie selbstverständlich. Schon zu Beginn der Oberstufe setzte sie sich bewusst ein Ziel. „Man hat nur einmal im Leben die Chance, das Abitur zu machen. Warum also nicht versuchen, das Beste aus dieser Möglichkeit herauszuholen?“ Dieser Gedanke begleitete sie über Jahre.
Wer Greta erlebt, merkt schnell, dass sie ihren Erfolg nicht auf besondere Begabung reduziert. Viel häufiger spricht sie über Disziplin. Während andere nach der Schule Freizeit genossen oder sich mit Freunden trafen, setzte sie sich oft noch einmal an den Schreibtisch. „Man muss auch dann die Motivation finden weiterzulernen, wenn man müde ist oder eigentlich keine Lust hat.“ Gerade diese Konsequenz habe ihr gezeigt, wie belastbar sie sein könne, wenn sie sich ein Ziel setzt.
Dabei verlief der Weg keineswegs ohne Zweifel. Ausgerechnet Mathematik – ein Fach, das ihr eigentlich Spaß machte – brachte sie immer wieder an ihre Grenzen. „Wenn ich bei einer Rechnung einen Fehler gemacht habe, hatte ich oft das Gefühl, dass alles zusammenbricht.“ Heute blickt sie gelassener darauf zurück. Sie weiß inzwischen, dass ihr eigener Perfektionismus den Druck häufig größer machte, als er tatsächlich war.
Vielleicht ist genau das eines der Geheimnisse ihres Erfolgs: Greta versucht nicht, einem Idealbild zu entsprechen. Auch bei Lernmethoden hält sie nichts von Patentrezepten. „Jeder Mensch lernt anders“, sagt sie. Manche kämen mit Auswendiglernen gut zurecht, andere müssten Inhalte erklären oder möglichst viele Aufgaben rechnen. Entscheidend sei, die eigene Lernstrategie zu finden und sich nicht von vermeintlichen Erfolgsrezepten anderer verrückt machen zu lassen.
Trotz ihres Ehrgeizes bestand ihr Alltag nicht ausschließlich aus Büchern und Schulheften. Bewusst nahm sie sich Zeit für Familie, Freunde und Erholung. „Dieser Ausgleich war für mich wichtig, um langfristig motiviert und konzentriert zu bleiben.“ Gerade diese Balance habe ihr geholfen, die intensive Zeit bis zum Abitur durchzuhalten.
Auch in der Schule wurde Greta nicht als jemand wahrgenommen, der sich über Noten definiert. Sie galt als zuverlässig, konzentriert und zielstrebig – aber ebenso als freundlich und hilfsbereit. Eine, die ihren eigenen hohen Anspruch hatte, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Vielleicht erklärt gerade das, warum sie selbst heute weniger über ihre Bestnote spricht als über die Erfahrungen, die sie auf dem Weg dorthin gesammelt hat.
„Ich habe gesehen, dass sich harte Arbeit auszahlt und dass ich viel mehr schaffen kann, als ich früher gedacht hätte“, sagt sie. Darauf sei sie rückblickend sogar stolzer als auf die 1,0 selbst.
Für ihren weiteren Weg nimmt sie diese Erfahrung mit. Und wenn sie jüngeren Schülerinnen und Schülern einen einzigen Rat geben dürfte, wäre er ebenso einfach wie überzeugend: „Setzt euch ein klares Ziel und arbeitet konsequent darauf hin. Wenn ihr bereit seid, Zeit und Energie zu investieren und nicht aufgebt, könnt ihr viel mehr erreichen, als ihr euch am Anfang zutraut.“
Die Zahl 1,0 wird irgendwann nur noch eine Randnotiz im Lebenslauf sein. Die Erkenntnis, dass sich Ausdauer, Disziplin und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten auszahlen können, dürfte Greta Erfort dagegen weit länger begleiten.
