Kelkheim (ju) – Schon beim Ankommen war klar: Dieser Vormittag würde anders werden als ein gewöhnlicher Schultag. Draußen hing der Himmel grau und schwer über Kelkheim, Kühle zog durch die Straßen, und eigentlich war es eines dieser Wetterbilder, bei denen man sich lieber irgendwo drinnen verkriecht. Doch im WDC-Pavillon wurde es am vergangenen Dienstag trotzdem bunt – laut, kreativ und voller Ideen. Zwischen Farben, Stiften, alten Verkehrsschildern und einer Wand voller Wünsche entstand ein Vormittag, an dem Jugendliche ihre Stadt einmal ganz neu denken durften.
Mit dabei war die Klasse G7b der Eichendorffschule, die sich für den Designworkshop beworben hatte. Kunstlehrerin Malena Altmann hatte ihre Schülerinnen und Schüler angemeldet, ohne selbst genau zu wissen, was sie dort erwarten würde. Gerade das gefiel ihr jedoch. „Ich fand diesen freien Ansatz spannend – einfach Kunst entdecken und gestalten, ohne feste Vorgaben“, erklärte sie. Außerdem passe das Angebot perfekt zum Unterricht: „Plakatgestaltung ist ein wichtiger Bestandteil im Kunstunterricht. Was könnte da besser sein als so ein Workshop?“
Wo bin ich gern, was hätt‘ ich gern
Und genau darum ging es: erst beobachten, dann nachdenken – und schließlich gestalten. Zu Beginn beschäftigten sich die Jugendlichen mit einer einfachen, aber erstaunlich großen Frage: Wie erleben sie eigentlich ihre Stadt? Wo halten sie sich gerne auf? Was fehlt? Was wünschen sie sich? Schnell füllte sich eine große Holztafel mit bunten Post-its. Die Gedanken darauf waren ehrlich, direkt und erstaunlich konkret.
Mehr Cafés für Jugendliche. Mehr Orte zum Chillen. Freies WLAN in der Innenstadt. Mehr Sportplätze. Mehr Farbe. Mehr Veranstaltungen für ihre Altersgruppe. Mehr Möglichkeiten, sich einfach zu treffen. Auch mehr Halal-Essensangebote wurden gewünscht, ebenso größere Public-Viewing-Aktionen etwa bei Fußball-Weltmeisterschaften. Vor allem aber wurde eines deutlich: Viele Jugendliche fühlen sich in der Stadt ein Stück weit vergessen.
„Für kleinere Kinder gibt es viel und für Erwachsene auch“, sagte die 13-jährige Ida, „aber für uns irgendwie nicht so richtig.“ Ihre Klassenkameradin Dounia (13) nickte sofort. „Man weiß manchmal gar nicht, was man hier machen soll.“ Mina (13) fand vor allem deutliche Worte für die Innenstadt: „Die Stadtmitte ist irgendwie ranzig geworden. Da fehlt einfach Leben.“ Lia (13) ergänzte lachend: „Und Farbe. Ganz viel Farbe.“
Dass Jugendliche stärker eingebunden werden sollten, war ebenfalls ein großes Thema. Veranstaltungen würden oft gar nicht bei ihnen ankommen, erzählten die Mädchen. Plakate oder Aktionen speziell für junge Menschen wären hilfreich – am besten gemeinsam mit Jugendlichen entwickelt. „Wir wissen ja eigentlich selbst am besten, was Leute in unserem Alter anspricht“, meinte Dounia.
Alte Verkehrsschilder, neue Botschaften
Nach dieser ersten Ideenphase wurde es praktisch. Aus alten Verkehrsschildern entstanden kleine Kunstwerke mit klaren Botschaften. Die Schülerinnen und Schüler überklebten, bemalten und verwandelten die Schilder in persönliche Statements – mal humorvoll, mal nachdenklich, mal gesellschaftskritisch.
Am Ende präsentierten alle ihre Werke vor der Gruppe und erklärten, warum sie sich gerade für diese Botschaften entschieden hatten. Besonders auffällig war dabei ein Schild mit der schlichten Frage: „Heute schon gelächelt?“
Gestaltet hatten es vier Mädchen gemeinsam. Der Grund dahinter war überraschend berührend. „Man sieht so viele Leute mit ernsten Gesichtern durch die Gegend laufen“, sagen sie. „Wir wollten einfach etwas machen, das vielleicht jemanden kurz zum Lächeln bringt.“
Überhaupt war genau das an diesem Vormittag spürbar: dass Jugendliche oft viel genauer beobachten, was um sie herum passiert, als Erwachsene vielleicht denken.
Und obwohl draußen die Sonne immer noch kein Loch im Himmel fand, wurde es im Pavillon immer lebendiger. Farben klecksten auf Papier, Ideen wurden hin- und hergeworfen, überall wurde diskutiert, gelacht und ausprobiert. Viele der Jugendlichen erzählten später, dass sie gar nicht gewusst hätten, was sie erwarten würde – gerade deshalb habe der Workshop so viel Spaß gemacht.
Bevor es schließlich zurück in den Schulalltag ging, wurde der kreative Vormittag noch mit ein paar lockeren Runden Tischtennis beendet. Allerdings nicht an gewöhnlichen Platten: Die außergewöhnlichen Tischtennisplatten und die dazu passenden, ungewöhnlich gestalteten Schläger passten perfekt zu diesem Tag, an dem sowieso alles ein wenig anders war als sonst.
Und vielleicht war genau das das Schönste an diesem ungemütlichen Dienstag: Dass Jugendliche für ein paar Stunden nicht nur Schülerinnen und Schüler waren, sondern Stadtgestalter, Ideensammler und Künstler zugleich.


