Kelkheim (ju) – Es gibt Themen, denen man lieber ausweicht. Der Tod eines Kindes gehört sicherlich dazu. Sonja Marschall tut das nicht. Die junge Kelkheimerin beschäftigt sich schon seit Jahren mit Krankheit, Tod, Trauer und vor allem mit der Frage, was Kindern und Familien in schwierigen Lebenssituationen helfen kann. Nicht, weil sie sich besonders gerne mit den schweren Seiten des Lebens auseinandersetzt, sondern weil sie erlebt hat, wie sehr Worte, Wissen und ein geschützter Raum helfen können.
Mit ihrem Verein Sternenräume möchte sie nun eine Lücke schließen, die viele Menschen erst bemerken, wenn sie selbst davon betroffen sind: Familien, die ein Kind verlieren, brauchen Zeit und einen Ort für den Abschied. Genau solche Orte sollen künftig entstehen. In naturnaher Umgebung sollen Eltern und Geschwister ihr verstorbenes Kind in Ruhe sehen, halten und sich begleitet verabschieden können – wohnlich und geschützt, statt zwischen klinischen Abläufen und organisatorischen Zwängen.
Denn gerade die ersten Stunden und Tage nach dem Tod eines Kindes sind entscheidend. In dieser Zeit bleibt Familien häufig nur wenig Raum, um überhaupt zu begreifen, was geschehen ist. Medizinische und rechtliche Abläufe können dazu führen, dass das verstorbene Kind schnell aus dem familiären Umfeld genommen wird.
Für Sonja Marschall ist genau das einer der Punkte, an denen sich etwas verändern muss. Viele Menschen wüssten überhaupt nicht, welche Möglichkeiten des Abschieds es gebe. „Trauer, Tod und besonders der Verlust eines Kindes sind nach wie vor stark tabuisiert“, sagt sie. Gleichzeitig gebe es regional große Unterschiede in der Anzahl an begleitenden und beratenden Angeboten. Auch das Bestattungsgesetz unterscheide sich von Bundesland zu Bundesland. Wenn ein Kind verstirbt, komme es häufig dazu, dass der Leichnam kriminalpolizeilich obduziert werde. „Es liegt somit auch an den Personen, die mit der Familie in dieser Zeit Kontakt haben, sie über ihre Möglichkeiten aufzuklären. Dabei sind ebendiese selbst oft nicht ausreichend hierfür geschult.“
Es geht dabei nicht darum, Trauer in einen bestimmten Ablauf zu pressen. Im Gegenteil: Sternenräume möchte Familien die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden, was sie brauchen. Zeit, Privatsphäre und eine fachliche Begleitung gehören deshalb zu den Grundgedanken des Konzepts. Die Natur spielt dabei ebenfalls eine wichtige Rolle – als ruhiger Ort, an dem Erinnerungen entstehen können und der auch über den eigentlichen Abschied hinaus bleibt.
Die Idee zu Sternenräume ist aus persönlichen Erfahrungen entstanden. Bereits als Jugendliche begleitete Sonja Marschall Familien in belastenden Situationen. Später arbeitete sie gemeinsam mit ihrem heutigen Mitstreiter Felix Krause im Rettungsdienst und erlebte dort mehrfach, wie schnell verstorbene Kinder aus dem familiären Umfeld genommen werden. Als sie miterlebten, wie eine junge Mutter ihr Kind verlor, wurde für sie deutlich, dass hinter diesen einzelnen Situationen eine größere Versorgungslücke steckt.
Auch Alexander Baron gehört zum Team. Durch die Gründung eines Mental-Health-Startups wurde für ihn deutlich, wie viele Menschen unter psychischen Belastungen leiden und wie oft es ihnen an Perspektiven fehlt. Als er von dem Projekt hörte, wusste er, dass er mithelfen möchte. So kamen unterschiedliche Erfahrungen zusammen, die schließlich in der Idee von Sternenräume zusammenliefen.
Vielleicht lässt sich damit auch erklären, warum Sonja Marschall das Thema so beharrlich verfolgt. Es geht ihr nicht darum, Menschen die Trauer abzunehmen. Es geht vielmehr um die Möglichkeit, dass Nähe nicht mit dem Tod eines Kindes abrupt endet. „Ich wünsche, dass jede Familie, die ein Kind verloren hat, den Raum und die Möglichkeit bekommt, neben dem begleiteten Abschied teils erste und letzte Erinnerungen mit dem Kind zu sammeln.“
Dass Sonja Marschall sich mit schwierigen Themen beschäftigt, ist dabei nichts Neues. Schon mit 17 Jahren begann sie, ein Kinderbuch über Krebs zu schreiben. „Lotte und die Chemo-Männchen“ erschien 2019 und sollte Kindern helfen, eine schwere Erkrankung zu verstehen, Ängste einzuordnen und mit der Situation umgehen zu können. Weitere Bücher über Herzfehler, Allergien und Herzinfarkt folgten. Ihr Leitgedanke dabei lautet: „Wissen gibt Kraft.“
Heute studiert Marschall Psychologie und Psychotherapie, arbeitet als Rettungssanitäterin und engagiert sich in verschiedenen sozialen Projekten. Dass ausgerechnet sie nun einen Verein für Familien gründet, die ihr Kind verloren haben, wirkt vor diesem Hintergrund weniger wie ein plötzlicher neuer Weg als wie eine konsequente Fortsetzung dessen, was sie schon lange beschäftigt: Wie kann man Menschen in einer Situation beistehen, in der es oft kaum die richtigen Worte gibt?
Ein erster Sternenraum im Rhein-Main-Gebiet
Sternenräume befindet sich derzeit noch im Aufbau. Geplant ist zunächst ein Pilotstandort im Raum Frankfurt, der später als Modell für weitere Einrichtungen dienen soll. Aktuell sucht der Verein nach einem geeigneten Standort im Main-Taunus- beziehungsweise Hochtaunuskreis. Langfristig soll das Angebot Familien unabhängig davon offenstehen, ob sie ihr Kind während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder später im Kindes- und Jugendalter verloren haben. Neben dem unmittelbaren Abschied gehören deshalb auch psychosoziale Frühberatung, Trauerbegleitung und weiterführende Hilfen zum Konzept. „Es soll ein mehrtägiges, fachlich begleitetes Programm geben, in das die ganze Famlie und das verstorbene Kind eingebunden sind“, so Marschall
Dabei soll ein solcher Ort bewusst anders wirken als ein Krankenhaus. Nicht kalt, nicht hektisch, sondern ruhig und wohnlich. „Zeit, um Abschied zu nehmen. Zeit, um zu begreifen. Zeit, die bleibt“ – so beschreibt Sternenräume den Gedanken hinter den geplanten Abschiedshäusern, die für die Familien kostenlos sein sollen. Die Vereinsgründer streben einen Spendenfinanzierung an.
Für Sonja Marschall ist das offenbar weniger eine Frage großer Worte als eine sehr konkrete Frage danach, was Menschen in einem Moment brauchen, in dem ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. „Für die Familie bricht mit dem Verlust des eigenen Kindes oft sehr plötzlich eine Welt zusammen, gleichzeitig beginnt damit stets ein auch organisatorisch langer und anstrengender Weg“, sagt sie. Eine Struktur, in der die Familie sich nach dem Tod des Kindes zunächst herausnehmen könne und dabei begleitet werde, den Verlust auf ihre individuelle Weise zu begreifen und Erinnerungen zu schaffen, halte sie für den gesamten Trauerprozess für elementar wichtig.
Für diese Idee gibt es inzwischen auch über die Region hinaus Aufmerksamkeit. Sternenräume ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden und für den Deutschen Engagementpreis 2026 nominiert. Der Preis bündelt die rund 650 Engagementpreise in Deutschland; für den Publikumspreis 2026 sind knapp 500 Projekte und Personen nominiert. Vom 1. bis zum 29. Oktober kann die Öffentlichkeit über den Publikumspreis abstimmen.
Für Sonja Marschall und ihr Team wäre eine Stimme für Sternenräume dabei nicht einfach eine Stimme für einen Preis. Sie würde vor allem Aufmerksamkeit für eine Idee schaffen, die ein Thema berührt, über das viele Menschen lieber nicht sprechen. Und vielleicht ist genau das ein Teil dessen, was Sonja erreichen möchte: dass Familien im schlimmsten Moment ihres Lebens wissen, dass sie nicht allein sind und dass es Möglichkeiten gibt, Abschied bewusst und würdevoll zu gestalten.
Bitte abstimmen!
Wer Sonja Marschall und Sternenräume unterstützen möchte, kann vom 1. Oktober bis zum 29. Oktober beim Publikumsvoting des Deutschen Engagementpreises für das Projekt abstimmen. Die Abstimmung ist online unter Deutscher Engagementpreis – Publikumspreis möglich oder direkt hier per QR-Code.


