Ruppertshain (ju) – Die Bagger haben ganze Arbeit geleistet: Wo sich Generationen Ruppertshainer Kinder an Schaukeln festhielten, im Sand spielten oder mit gefüllten Brotboxen durch den Garten tollten, liegen jetzt Trümmer. Der fast 70 Jahre alte Kindergarten Sancta Maria an der St.-Matthäus-Straße ist Geschichte. Der Abriss markiert nicht nur das Ende eines Gebäudes – er steht für einen tiefgreifenden Wandel im Ort: Die Betreuung der Kinder zieht unter das Dach der umgebauten Kirche St. Matthäus, und auf der frei werdenden Fläche nebenan könnte bald ein neuer Dorfplatz entstehen.
Ein Kindergarten schreibt Ortsgeschichte – und wird zu klein
Mitte/Ende der 1950er Jahre errichtet, prägte die Kita Sancta Maria das Familienleben in Ruppertshain über Jahrzehnte. Das Gebäude war zuletzt stark sanierungsbedürftig; eine wirtschaftlich vertretbare Generalüberholung für die dreigruppige Einrichtung ließ sich nicht mehr darstellen. Schon im Rahmen der kirchlichen Immobilien-Strategie (KIS) des Bistums Limburg wurde deshalb empfohlen, das alte Haus nicht zu sanieren, sondern neu zu denken – und zwar zusammen mit der benachbarten Kirche.
Mutiger Schritt: Kita zieht in die Kirche
Die Idee, die kaum noch voll ausgelastete, sehr große Kirche St. Matthäus baulich zu verkleinern und im selben Gebäude die neue Kita unterzubringen, entwickelte sich zum Vorzeigeprojekt – „wie ein Schuhkarton“ in das Kirchenschiff geschoben, in Holzbauweise, lichtdurchflutet und für drei Gruppen ausgelegt. Vertreter des Bistums sprachen früh von einem „Leuchtturmprojekt“ mit hoher pädagogischer und städtebaulicher Wertigkeit; auch die Stadt Kelkheim lobte die gemeinsame Lösung von Kirchengemeinde und Kommune.
Kapazität rauf, Sakralraum bleibt – zwei unter einem Dach
Der Umbau schafft mehr Platz für Kinderbetreuung (geplant rund 75 Plätze statt zuvor etwa 56) und erhält gleichzeitig einen deutlich kleineren, aber funktionsfähigen Gottesdienstraum für Taufen, Hochzeiten und Gemeindefeiern. Damit bleibt das markante Zeltdach der 1960er Jahre im Ortsbild und die kirchliche Nutzung – wenn auch in reduzierter Form – bestehen.
Abschied vom Gottesdienstraum: Profanierung als Startsignal
Bevor die Baustelle loslegen konnte, wurde St. Matthäus 2022 offiziell profaniert. Die Entweihungsurkunde wurde verlesen, Reliquien aus dem Altar geborgen – ein emotionaler, zugleich aufbruchsstarker Moment, denn mit der Profanierung startete der Umbau zur kombinierten Kita-Kirche. Erhalten bleiben prägende Elemente wie das Altarbild; Kirchenbänke werden teils zu Mobiliar für die neue Nutzung aufgearbeitet.
Baufortschritt mit Hürden: Rohbau, Holzeinbau, Mehrkosten
Das Projekt blieb nicht ohne Stolpersteine. Nachdem der große Holzeinbau für den Kita-Bereich installiert war, meldeten Baufachleute zusätzliche Arbeiten – etwa bei Entwässerung, Fußbodenstatik und Schadstoffsanierung. Infolge der allgemeinen Baupreisexplosion kletterten die Gesamtkosten mehrfach nach oben; der städtische Zuschussanteil stieg von ursprünglich rund 1,5 Millionen Euro auf zuletzt etwa 2,8 Millionen Euro. Trotzdem hielten Bistum und Stadt am Vorhaben fest, weil eine Kita auf der „grünen Wiese“ kaum günstiger – und vor Ort kaum zu realisieren – gewesen wäre.
Fertig zum Feiern: Altarweihe mit Bischof Bätzing geplant
Nach mehrjähriger Bauzeit meldet die Pfarrei St. Franziskus: Der Umbau von St. Matthäus ist abgeschlossen, und der neue liturgische Raum wird feierlich eingeweiht. Für Sonntag, 31. August, ist um 14.30 Uhr ein Festgottesdienst mit Altarweihe durch Bischof Dr. Georg Bätzing angekündigt; parallel gibt es ein Familienprogramm und die Möglichkeit, die neue Kita zu besichtigen. Damit beginnt offiziell das neue Kapitel „Kita in der Kirche“.
Die Zukunft des Geländes: Stadt kauft Teilfläche für Dorfplatz
Mit dem Abriss des alten Kita-Gebäudes öffnet sich eine seltene Chance im dicht bebauten Ortskern: eine zusammenhängende Freifläche direkt an Kirche und neuer Kita. Schon während der Umbauphase wurden Stimmen laut, die Fläche nicht wieder zu bebauen, sondern als Dorfplatz zu gestalten – ein Aufenthaltsort mit Sitzgelegenheiten, eventuell kleinem Brunnen, Platz für Feste und Begegnungen.
Die Stadtverordnetenversammlung von Kelkheim hat im April 2025 einen wichtigen Schritt getan: Sie beschloss den Kauf einer Teilfläche von rund 784 Quadratmetern des ehemaligen Kita-Grundstücks. Diese Fläche soll gezielt als öffentlicher Platz entwickelt werden. Damit rückt die Vision eines zentralen Treffpunkts neben Kirche und Kita einen großen Schritt näher.
Warum ein Platz statt neuer Bebauung?
Aus Bürgersicht würde eine zusätzliche Bebauung das Kirchenensemble „einschnüren“; ein offener Platz hingegen könnte das Areal atmen lassen, Veranstaltungen aufnehmen und die Identität des Bergdorfes stärken. In den politischen Beratungen klang mehrfach an, dass Ruppertshain ohne lebendige Treffpunkte an Bindungskraft verlieren könnte – weshalb Projekte wie Kita-in-Kirche und Dorfplatz strukturell zusammengedacht werden.
Was als Nächstes wichtig wird
Ein Ort im Wandel
Ruppertshain verabschiedet sich von einem betagten Kindergarten, bewahrt seine markante Kirche in neuer Funktion und schafft mit dem Kauf der Teilfläche die Voraussetzung für einen zentralen Dorfplatz. Was wie ein Verlust begann – der Abriss eines vertrauten Hauses – entwickelt sich zu einer Chance: Kinderbetreuung, Gemeindeleben und öffentlicher Raum rücken enger zusammen. Wenn Ende August der Bischof den neuen Altar weiht, dürfte der Blick bereits nach vorne gehen: auf eine freie Fläche, die bald das Herzstück des Dorfes werden könnte.


