Der König ist zurück! – Freddy I. tritt auf dem Rettershof ein großes Erbe an

Namensgeber für Freddy I. und Erbauer des Schlosses Rettershof: Johann Friedrich Rodewald. Noch ist der junge Pfau etwas scheu und zurückhaltend, aber zeigt auch schon Interesse für seine beiden Damen Mary und die Namelose (eventuell hat jemand eine schöne Idee), die erst seit kurzem von einem ungeplanten Kurztrip zurück ist.Fotos: Stadt/Judith Ulbricht

Fischbach (ju) – Plötzlich flattert es. Mitten im Gespräch, während Bürgermeister, Erster Stadtrat, Geschäftsführung und Presse noch über den neuen Pfau fachsimpeln, landet ein kleiner Hahn mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit auf der Schulter von Christa Wittekind. Er macht es sich gemütlich, schaut neugierig in die Runde und wirkt, als gehöre ihm die ganze Gesellschaft. Gelächter.

Christa Wittekind nimmt den unerwarteten Besucher mit einem Lächeln hin, streichelt ihn kurz – der kleine Hahn scheint die Aufmerksamkeit sichtlich zu genießen. Wer dieses Bild erlebt, versteht sofort, warum der Rettershof für viele weit mehr ist als ein historisches Hofgut oder eine Veranstaltungsstätte. Zwischen Hühnern, Pfauen und all dem, was dort sonst noch kreucht und fleucht, herrscht eine ganz besondere Atmosphäre. Fast wirkt es wie ein kleines Paradies mitten im Taunus. Und genau dieses Paradies hat seit wenigen Tagen seinen König zurück.

Ein König in Ausbildung

Noch wirkt Freddy I. ein wenig schüchtern. Neugierig streckt der dreijährige Pfau seinen schillernd blauen Hals durch die Voliere, beobachtet aufmerksam jeden Besucher und hält sich lieber noch etwas im Hintergrund. Seine beiden Damen, Mary und ihre bislang noch namenlose Gefährtin, nehmen das öffentliche Interesse deutlich gelassener.

Wer allerdings darauf wartet, dass Freddy bereits sein prachtvolles Rad schlägt, muss sich noch etwas gedulden. Denn die langen Schmuckfedern wachsen gerade erst nach. Noch ist der junge Pfau gewissermaßen ein König in Ausbildung. Sein großes Rad wird wohl erst in einigen Wochen in voller Pracht zu bewundern sein. Bis dahin muss seine königliche Ausstrahlung genügen – und die bringt er schon jetzt mit.

Wenn alles gut läuft, wird Freddy I. pünktlich zum Rettershofer Weinfest vom 7. bis 9. August seinen ersten offiziellen Auftritt haben. Vielleicht noch ohne imposantes Federkleid, dafür aber mit neugierigen Blicken und dem einen oder anderen unverwechselbaren Pfauenschrei.

Ein großes Erbe

Die Erwartungen sind groß. Denn Freddy tritt kein gewöhnliches Erbe an. Sein Vorgänger Blue war längst mehr als nur ein Pfau. Er war das heimliche Maskottchen des Rettershofs. Wer das Hofgut besuchte, begegnete früher oder später auch ihm. Mal stolzierte er gemächlich zwischen den Gästen hindurch, mal präsentierte er sein schillerndes Federkleid oder sorgte bei Abendveranstaltungen mit lautstarken Kommentaren vom Dachfirst dafür, dass auch wirklich jeder wusste, wer hier der eigentliche Hausherr war.

„Seine Präsenz begeisterte Kinder und Erwachsene gleichermaßen“, erinnert sich Bürgermeister Albrecht Kündiger. Und tatsächlich schaffte Blue etwas, das nur wenigen Tieren gelingt: Er wurde zu einem festen Bestandteil des Rettershofs.

Als Blue im Juni vermutlich einem Waschbärenangriff zum Opfer fiel, war die Betroffenheit groß. Nicht nur die Mitarbeiter trauerten um den stolzen Vogel. Auch viele Besucher fragten nach ihm.

„Maskottchen“ – dieses Wort greife eigentlich viel zu kurz, findet Erster Stadtrat Dirk Hofmann. Blue sei vielmehr ein Stück Rettershof gewesen.

Deshalb machten sich Geschäftsführer Alexander Furtwängler und Tierbetreuer Jürgen Wölfinger rasch auf die Suche nach einem würdigen Nachfolger – und wurden ganz in der Nähe fündig. Freddy I. stammt vom Hof Hausen in Hofheim und zog Ende Juli behutsam nach Fischbach um.

Pfauen gehören zum Rettershof

Dass der neue Pfau Freddy I. heißt, ist kein Zufall. Mit seinem Namen erinnert der Rettershof an Frederik Arnold Rodewald, der das Anwesen 1884 erwarb und das heutige Schlosshotel im Tudorstil errichten ließ. Auch seine neue Gefährtin Mary trägt einen historischen Namen – sie erinnert an Rodewalds Ehefrau Mary Isabella McNeill.

Dass Pfauen möglicherweise schon sehr viel länger zum Rettershof gehören, darauf deutet ein besonderer Fund hin. Auf dem Ledereinband des historischen Gästebuchs, das erst 2024 wiederentdeckt wurde, prangt ein kunstvoll gestalteter Pfau. Für Geschäftsführer Alexander Furtwängler ist das ein spannender Hinweis darauf, dass die prächtigen Vögel vielleicht schon vor rund 130 Jahren über den Rettershof stolzierten. Beweisen lässt sich das zwar nicht, doch der Fund spricht dafür, dass Pfauen bereits zur Blütezeit des Ensembles das Bild des Hofguts geprägt haben könnten.

Gesichert ist hingegen, dass spätestens 1926 ein Pfauenpaar auf dem Rettershof lebte. Darauf verweist Heimatforscherin Christa Wittekind, die sich seit vielen Jahren mit der Geschichte des Anwesens beschäftigt. Mit Freddy I. wird diese fast hundertjährige Tradition nun fortgeführt.

Nicht jeder Pfau wird ein Pfau

Dass auf dem Rettershof nicht immer alles nach Plan läuft, erzählt Bürgermeister Albrecht Kündiger mit einem Schmunzeln. Vor etlichen Jahren machte sich der damalige Geschäftsführer Thomas Alisch auf den Weg, um vier vermeintliche Pfauenküken abzuholen. Die Freude war groß – bis sich nach einiger Zeit herausstellte, dass ausnahmslos alle vier Tiere Weibchen waren. „Das war natürlich nicht ganz das, was wir uns vorgestellt hatten“, erzählt Kündiger lachend.

Mit Freddy I. scheint dieses Kapitel nun endgültig abgeschlossen zu sein. Auch wenn der junge Hahn noch ein wenig Zeit braucht, bis sein Federkleid so eindrucksvoll ist wie das seines berühmten Vorgängers.

Tierwohl hat Vorrang

Wer Tierbetreuer Jürgen Wölfinger beobachtet, merkt schnell, wie viel Herzblut in der kleinen Tierwelt des Rettershofs steckt. Rund 50 Hühner verschiedenster Rassen leben dort, dazu die beiden Pfauenhennen und nun auch Freddy I.

Alles geschieht in aller Ruhe. Die Eingewöhnung braucht Zeit. Noch bleibt das Trio überwiegend in der Voliere. Erst wenn Freddy sich sicher fühlt, darf er gemeinsam mit seinen Damen den Gutshof erkunden.

Damit sich die tragische Geschichte um Blue möglichst nicht wiederholt, wurde der Zaun der Voliere bereits erhöht. Außerdem soll das Sicherheitsteam künftig tierische Verstärkung bekommen: Zwei Nandus werden in den kommenden Monaten auf den Rettershof ziehen.

Die südamerikanischen Laufvögel gelten unter Geflügelhaltern als ausgesprochen wehrhaft. Füchse und Waschbären überlegen es sich angeblich zweimal, bevor sie sich mit ihnen anlegen. Bis die neuen „Bodyguards“ ihren Dienst antreten können, müssen sie allerdings erst noch heranwachsen – und, wie Alexander Furtwängler augenzwinkernd sagt, „einfühlsam auf ihre Aufgabe vorbereitet werden“.

Ein Stück Rettershof

Dass Freddy I. heute überhaupt über den Rettershof stolzieren kann, ist auch Christa Wittekind zu verdanken. Gemeinsam mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann Hartmut hatte sie bereits vor zehn Jahren das damalige Pfauenpaar gestiftet. Nun unterstützte sie erneut die Anschaffung eines neuen Vogels.

Und während der kleine Hahn noch immer zufrieden auf ihrer Schulter sitzt, wird deutlich, warum der Rettershof für viele Kelkheimer ein ganz besonderer Ort ist. Hier geht es nicht nur um historische Gebäude, Weinfeste oder Konzerte. Es geht um Begegnungen, um Tiere mit Charakter und um Geschichten, die von Generation zu Generation weitererzählt werden.

Vielleicht schlägt Freddy I. beim Weinfest noch kein großes Rad. Das muss er auch gar nicht. Allein seine Anwesenheit zeigt: Der Rettershof hat seinen Pfau wieder. Und irgendwie fühlt sich das an, als wäre ein kleines Stück Heimat zurückgekehrt.

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