Kelkheim (nd) – Trotz der widrigen Wetterbedingungen hatten sich am Donnerstag letzter Woche viele Besucher im Plenarsaal des Kelkheimer Rathauses eingefunden, um der Lesung von Anne Chebu zum Thema Alltagsrassismus beizuwohnen.
Anne Chebu wurde 1987 in Nürnberg geboren. Nach ihrem Studium (Multimedia und Telekommunikation) arbeitete sie unter anderem für den NDR, SWR und BR. Sie ist Journalistin, Fernsehmoderatorin und Buchautorin. Chebus Buch „Anleitung zum Schwarzsein“ erschien im Jahr 2014.
Organisiert wurden die Lesung und das anschließende Gespräch vom Kelkheimer Ausländerbeirat in Zusammenarbeit mit dem „Bunten Tisch – Hoechst miteinander“. Im Anschluss wartete ein reich gedeckter Tisch an Knabbereien auf alle Beteiligten.
„Ich verspreche Ihnen, die Lesung wird zum Nachdenken anregen und neue Perspektiven eröffnen“, begrüßte Salomé Korschinowski, Vorsitzende des Ausländerbeirates in Kelkheim, die Gäste, bevor sie Anne Chebu das Mikrofon übergab.
Rassismus kommt nicht nur von Rassisten
Chebu erklärte, dass sie ihr Buch geschrieben habe, nachdem sie bei der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ (ISD) auf verschiedene Fragestellungen getroffen war. Für die ISD ist sie seit dem Jahr 2005 aktiv. Dort lernte sie viele schwarze Mitbürger kennen, die alle unterschiedliche Einstellungen, Erfahrungen und Meinungen hatten. Von Jung bis Alt hatten aber alle Fragen und Themen, die sie beschäftigen. Das Buch „Anleitung zum Schwarzsein“ geht mit einem Augenzwinkern auf diese Themengebiete ein. „Natürlich gibt es dafür in Wirklichkeit keine Anleitung“, so Chebu.
Spräche man von Rassismus, würden bei den Beteiligten gleich alle Alarmglocken läuten, denn für sie bedeute es, ins rechte Lager gezogen zu werden. Dabei könne Rassismus überall vorkommen, auch durch Freunde, Kollegen und Familie. Seien es die Eltern, die ihrer schwarzen Tochter sagen, sie solle sich die Haare doch glätten, bevor sie das Haus verlässt, oder der „positive Rassismus“, der Klischees als Kompliment hervorhebt. Asiaten sind gut in Mathematik, Schwarze können gut singen und tanzen, sind nur einige Beispiele. „Etwas kann nett gemeint, aber trotzdem verletzend sein“, so Anne Chebu. Sie erzählte, dass sie als Jugendliche auf eine Party eingeladen wurde und dort jeder erwartete, dass sie tanzen könne – schließlich sei sie schwarz. Diese Erwartungshaltung führte dazu, dass sie einen Monat lang jeden Tag vor dem Spiegel Tanzen geübt habe. Als sie bei der nächsten Party stolz auf der Tanzfläche präsentierte, was sie gelernt hatte, waren die Reaktionen ernüchternd. „Natürlich kannst Du tanzen – schließlich bist Du schwarz“, wurden ihre Anstrengungen als selbstverständlich abgetan.
Unterschiedlichste Formen von Rassismus
Neben Alltagsrassismus gibt es viele Formen von Rassismus, darunter struktureller und institutioneller Rassismus. Der institutionelle Rassismus bezieht sich auf Benachteiligung durch Behörden, während der strukturelle Rassismus sich auf Benachteiligung in Schulen und bei der Wohnungssuche beziehen kann. Trotz guter Noten bekämen ausländische Kinder seltener eine Empfehlung für das Gymnasium und Familien mit ausländisch klingenden Nachnamen schwieriger eine Wohnung. Dabei wird sogar gegen geltendes Recht verstoßen. Wie unter anderem der WDR kürzlich berichtete, wurde ein Makler in einem Grundsatzurteil vom Bundesgerichtshof in Karlsruhe zu einer Schadensersatzzahlung in Höhe von 3.000 Euro verpflichtet. Diese muss er an eine Frau mit pakistanischen Wurzeln zahlen, die nachweisen konnte, dass sie bei der Wohnungssuche aufgrund ihrer ethnischen Herkunft von ihm diskriminiert wurde.
Anne Chebu erklärte, dass Rassismus aber nicht nur von Menschen in Machtpositionen ausgeübt werde, sondern auch von Menschen, die selbst unter Diskriminierung leiden. „Ein Homosexueller kann sich genauso rassistisch äußern wie jemand, der selbst ausländische Wurzeln hat“, so Chebu. Man nehme den Rassismus schon mit der Muttermilch auf. Selbst in Afrika sei Rassismus, vor allem durch die Kolonialisierung, stark verbreitet. „Schwarze sagen zu anderen Schwarzen: Nimm keine schwarze Frau, denn die sind dumm und gefährlich“, erklärte Chebu. Es gelte der sogenannte „Colorism“ – je heller der Hautton, desto besser.
Rassismus vom Kreißsaal bis zur Rente
Die Ausgrenzung von Menschen mit ausländischen Wurzeln würde, auch in Deutschland, häufig schon vor der Geburt beginnen, unter anderem bei Ultraschalluntersuchungen. Hinzu kämen Aggressionen gegen schwarze Schwangere, man unterstelle eine unkontrollierte Vermehrung von Migranten. Direkt nach der Geburt gehe es weiter. „Ach, so hell/dunkel“, möge für die Person, die es sagt, harmlos wirken, für die Betroffenen sei es jedoch sehr verletzend. Rassistische Handlungen können dabei so weit gehen, dass sie sich auf die körperliche Gesundheit auswirken. Anne Chebu erklärte, dass die Messgeräte für Gelbsucht bei Neugeborenen nur auf helle Haut reagieren. Als eine schwarze Freundin nach der Geburt einen Bluttest für ihren Säugling erbat, wurde ihr dieser zunächst verweigert. Erst nach langem Drängen wurde der Test durchgeführt und eine hochgradige Gelbsucht beim Neugeborenen festgestellt. „In Deutschland gibt es nur wenige Erhebungen zu Schwarzen in der Medizin“, so Chebu. In den USA habe eine Studie jedoch gezeigt, dass dreimal mehr schwarze Frauen bei der Geburt sterben als weiße. All diese Faktoren würden zu zusätzlichem Stress für die Schwangeren führen.
Generell könne Rassismus zu körperlichen Beeinträchtigungen beim Betroffenen führen. Übelkeit und Schmerzen können die Folge sein. In der Gesundheitswissenschaft wird das Konzept des sogenannten „Weathering“ (deutsch: „Verwitterung“) beschrieben. Dieses belegt, dass chronischer Stress durch rassistische Diskriminierung zu physischen und psychischen Erkrankungen führt und den Körper vorzeitig altern lässt. Rassismus ist also nicht „nur“ seelisch verletzend, sondern auch körperlich.
Interview mit schwarzen Jugendlichen
Lange Zeit gab es in Kinderbüchern nur weiße und blonde Kinder. Chebu erklärte, dass sich dies inzwischen zwar signifikant gebessert habe, aber dass schon kleine Kinder wüssten, dass man die Hautfarbe der Personen in den Büchern besser nicht anspreche –vorgelebt von den Erwachsenen. Sie habe sich sogar selbst schon dabei ertappt. Weil die Hautfarbe ein Tabuthema sei, konzentriere man sich auf andere Dinge, vor allem die Haare. „Mir wurde sehr oft ungefragt in die Haare gefasst und ich habe viele Jobabsagen wegen meiner Haare bekommen“, beschrieb Chebu. Für den Hessischen Rundfunk hatte die Moderatorin vor einiger Zeit ein Interview mit schwarzen Jugendlichen zum Thema Rassismus geführt. Einen kurzen Ausschnitt zeigte sie während der Lesung. Ein junges Mädchen beschrieb, dass es aufgrund von Disneyfilmen und Kinderbüchern dachte, dass es einen weißen Mann heiraten müsse, um glücklich zu werden. Ein anderes Mädchen erklärte, dass es sich früher Videos im Internet angesehen habe, in denen erklärt wurde, wie man die Nase schmaler schminkt. Auch die Haare waren erneut ein wunder Punkt. Die Mutter plädiere zwar für die starke schwarze Frau, sage aber im gleichen Atemzug, dass man doch bitte nicht mit krausen Haaren vor die Tür gehen sollte. „Zuhause wird die Angst vor Rassismus weitergegeben“, resümierte Chebu. In Amerika würden schwarze Eltern ihren Kindern sogar eine Art Leitfaden mitgeben, was sie tun müssen, um beispielsweise nicht von der Polizei erschossen zu werden.
Für die Zuhörer war die Lesung sehr interessant und für manch einen sicher auch aufwühlend und erhellend. Allzu oft merkt man nicht, wie sehr man sein Gegenüber vor den Kopf stößt und welche Folgen das haben kann.
