Der Sanierungsexperte Andreas Friedrich hat das denkmalgeschützte Haus am ehemaligen Untertor in der Kelkheimer Altstadt übernommen, nachdem es zuvor lange Zeit leer gestanden hatte. Mit der Sanierung erwacht das alte Haus aus seinem Dornröschenschlaf. Hört man Friedrich zu, entstehen aus seinen Worten Bilder, das Haus nimmt Gestalt an. Für das ehemalige „Geisterhaus“ ist das kein Spuk, sondern ein echter Glücksgriff.Fotos: Judith Ulbricht
Kelkheim (ju) – Wer in diesen Tagen das alte „Geisterhaus“ in Kelkheim betritt, merkt schnell, dass hier mehr geschieht als eine gewöhnliche Sanierung. Es ist, als würde das Gebäude selbst langsam wieder zu sprechen beginnen. Der Staub der Jahrzehnte liegt noch in der Luft, doch mit jedem freigelegten Balken, jeder geöffneten Wand und jedem vorsichtigen Handgriff wird etwas sichtbar, das lange verborgen war: ein Haus, das seine Geschichte nicht verloren hat, sondern nur darauf gewartet hat, dass jemand genau hinhört.
Dieser jemand ist Andreas Friedrich. Einer, der sich nicht davor scheut, in das Unfertige, Unklare, manchmal auch Widersprüchliche einzutauchen. „Mal wieder eine kleinere Baustelle“, sagt er mit einem Lächeln, das verrät, dass er genau weiß, wie viel Wahrheit – und wie viel augenzwinkernde Untertreibung – in diesem Satz liegt.
Doch bis es so weit kommen konnte, war das Haus über Jahre hinweg weit mehr als nur ein leerstehendes Gebäude. Es war Gegenstand hitziger Debatten, ein Symbol für die Frage, wie eine Stadt mit ihrem historischen Erbe umgeht. Sanieren oder abreißen, erhalten oder loslassen – diese Entscheidung spaltete Politik und Öffentlichkeit gleichermaßen. Förderanträge scheiterten, Konzepte wurden verworfen, und immer wieder schien das Haus zwischen bürokratischen Hürden und politischen Meinungsverschiedenheiten festzustecken. Erst Anfang des Jahres 2025 wendete sich das Blatt. Nach einer offiziellen Ausschreibung erhielt Andreas Friedrich schließlich den Zuschlag und übernahm das Gebäude – ein Moment, der nicht nur einen Eigentümerwechsel markierte, sondern auch das Ende eines langen Stillstands.
Ein Haus, das einmal zwei war
Das Gebäude selbst reicht zurück bis ins frühe 18. Jahrhundert. Um 1730 erbaut, war es ursprünglich ein sogenanntes Wohn-Scheune-Haus – eine Bauweise, die das Leben seiner Zeit widerspiegelt: Arbeiten und Wohnen unter einem Dach, kurze Wege, eine enge Verzahnung von Alltag und Landwirtschaft.
Doch dieses Gleichgewicht wurde irgendwann aufgelöst. Im Jahr 1933 verschwand die Scheune, wurde abgerissen und durch ein neues Wohnhaus ersetzt. Was blieb, ist ein Haus, das seine frühere Einheit nicht vergessen hat.
Wenn man heute durch die oberen Stockwerke geht, entdeckt man sie noch immer – die Durchgänge, die einst hinüberführten in den Wirtschaftsteil. Öffnungen, die heute ins Leere laufen, stumme Zeugen einer Verbindung, die längst gekappt ist. Künftig werden die beiden Gebäudeteile konsequent getrennt sein, jeder für sich, doch die Spuren des Gemeinsamen lassen sich nicht auslöschen.
Die Schönheit des Unperfekten
Erst jetzt, da der alte Putz von den Außenwänden genommen ist, zeigt sich das eigentliche Wesen des Hauses – und das ist alles andere als glatt oder symmetrisch. Die Balken verlaufen nicht gleichmäßig, nicht berechenbar. Auf der einen Seite folgen sie anderen Linien als auf der gegenüberliegenden. Wände wirken leicht verschoben, Konstruktionen scheinen eher gewachsen als geplant. Es ist, als hätte das Haus sich über die Jahrhunderte hinweg selbst geformt, angepasst an das, was gerade möglich war.
Man spürt förmlich, unter welchen Bedingungen hier einst gebaut wurde. Material war knapp, Möglichkeiten begrenzt, und so nahm man, was da war. Holzstücke, die vielleicht ursprünglich für etwas anderes gedacht waren, fanden hier ihren Platz. Entscheidungen wurden nicht am Reißbrett getroffen, sondern vor Ort, aus der Not heraus – und genau das verleiht dem Gebäude heute seinen unverwechselbaren Charakter. Für Friedrich ist das kein Makel, sondern der eigentliche Wert. Es geht nicht darum, diese Eigenheiten zu begradigen, sondern sie zu bewahren, sichtbar zu machen, ihnen Raum zu geben.
Was die Spuren zeigen
Viele der spannendsten Details offenbaren sich erst im Laufe der Arbeiten, fast so, als würde das Haus seine Geheimnisse nur nach und nach preisgeben. So lässt sich an der Fassade noch heute ablesen, dass der ursprüngliche Eingang einst höher gelegen haben muss. Irgendwann wurde er nach unten verlegt – vermutlich aus praktischen Gründen. Dabei ging man wenig zimperlich vor: Ein tragender Balken wurde einfach durchtrennt, um Platz für den neuen Zugang zu schaffen. Eine Lösung, die aus heutiger Sicht kühn wirkt, damals aber wohl schlicht notwendig war. Auch die Fundamente erzählen ihre eigene Geschichte. Sie haben den Jahrhunderten nicht standgehalten und müssen nun vollständig erneuert werden. Es ist eine der wenigen Stellen, an denen konsequent neu gebaut werden muss – unsichtbar später, aber entscheidend für alles, was darüber entsteht.
Bewahren, was Zeit überdauert hat
Trotz aller notwendiger Eingriffe bleibt das Leitmotiv der Sanierung für Friedrich klar: „So viel wie möglich erhalten.“ Drei der alten Fenster konnten geborgen werden. Sie werden sorgfältig aufgearbeitet und wieder eingesetzt, als hätten sie nie gefehlt. Es sind genau solche Details, die einem Gebäude seine Seele zurückgeben.
Auch im Inneren zeigt sich dieser Ansatz. Die alte Treppenstiege, ausgetreten und gezeichnet von unzähligen Schritten, wird nicht ersetzt, sondern von Friedrich selbst aufgearbeitet. Stufe für Stufe, mit Geduld und Respekt vor dem, was sie über Jahrhunderte getragen hat. Und dann ist da noch ein besonderes Stück: der alte Ofen aus der ehemaligen Küche im ersten Obergeschoss. Ein massives Relikt aus einer Zeit, in der dieser Raum noch Mittelpunkt des täglichen Lebens war. Er wird nicht entfernt. Stattdessen wird er in die Zukunft mitgenommen – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn genau dort, wo früher gekocht wurde, entsteht künftig ein Badezimmer. Und der Ofen, der einst Wärme spendete, wird eine neue Funktion erhalten: Er wird den Waschtisch tragen. Eine Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart, die kaum deutlicher sein könnte.
Geschichten zwischen den Wänden
Manchmal sind es die kleinen Funde, die den Blick in vergangene Zeiten besonders lebendig machen. In den Wänden, zwischen Balken und Rahmen, tauchen alte Zeitungen auf – verbaut als Füllmaterial, vielleicht als primitive Dämmung. Darunter eine Ausgabe der „Umschau“ aus dem Jahr 1925.
War es Zufall, dass gerade diese Zeitung hier landete? Oder lebten hier Menschen, die sich für die Fortschritte in Wissenschaft und Technik interessierten, die diese Seiten lasen, bevor sie sie schließlich in den Wänden verschwinden ließen? Es sind Fragen, auf die es keine Antworten mehr gibt. Und vielleicht ist es gerade dieses Nichtwissen, das den Reiz ausmacht.
Ein Haus im Wandel
Über Jahrzehnte hinweg stand das Haus leer, verfiel langsam, wurde zum Gegenstand von Geschichten und Gerüchten. Ein Geisterhaus, wie man es im Ort nannte, auch Dank der freundlich schauenden Gespenster in den leeren Fensterhöhlen – ein Ort, an dem die Zeit stehen geblieben schien. Heute ist davon vor allem eines geblieben: die besondere Atmosphäre. Doch sie ist nicht mehr von Stillstand geprägt, sondern von Bewegung. Im April sollen die Dächer neu gedeckt werden – ein wichtiger Schritt, der dem Haus wieder Schutz gibt und zugleich sichtbar macht, dass hier etwas vorangeht.
Und während im Inneren weiter gearbeitet wird, während Balken gesichert, Materialien gesichtet und Entscheidungen getroffen werden, wächst langsam eine neue Zukunft in alten Mauern. Vielleicht, wenn alles weiter so voranschreitet, könnte schon gegen Ende des Jahres wieder Leben einziehen. Dann würden sich die Räume wieder füllen, mit Stimmen, mit Licht, mit Alltag.
Und wer diesen Wandel nicht nur am Ende sehen möchte, kann ihn schon jetzt begleiten: Die Sanierung lässt sich Schritt für Schritt mitverfolgen. Auf Facebook genügt es, in der Personensuche „Geisterhaus“ einzugeben – und man ist gewissermaßen live dabei, wie aus einer alten Ruine wieder ein Zuhause wird. Und das Haus, das so lange als „Geisterhaus“ galt, würde zeigen, was es eigentlich immer war: ein Ort, der nie aufgehört hat, zu leben – sondern nur darauf gewartet hat, wiederentdeckt zu werden.
Bei den Sanierungsarbeiten entdeckt: Die naturwissenschaftliche Wochenschrift „Die Umschau“ wurde als Füllmaterial in den Wänden benutzt.Foto: Judith Ulbricht
Der alte Herd aus der Küche im ersten Obergeschoss bleibt an seiner Stelle. Er wird später den Waschtisch halten, denn hier entsteht das neue Bad.


