Münster (ju) – Der Theatersaal der Eichendorffschule ist an diesem Abend mehr als nur ein Veranstaltungsort. Er wird zum Seziertisch eines Jahres, das eigentlich zu verrückt war, um wahr zu sein – und genau deshalb wie gemacht für Bernd Gieseking. Mit seinem satirischen Jahresrückblick „Ab dafür!“ zeigt der Kabarettist einmal mehr, warum er seit über drei Jahrzehnten als Chronist des politischen und gesellschaftlichen Irrsinns unterwegs ist.
Gieseking steht auf der Bühne, erzählt, liest, kommentiert, springt zwischen Themen, Zeiten und Tonlagen – und nimmt das Publikum mit auf eine Achterbahnfahrt durch das vergangene Jahr. Lachen ist garantiert, Nachdenken auch. Und manchmal bleibt einem das Lachen tatsächlich kurz im Halse stecken.
Buh-Rufe, Beifall und die „Gesichter des Monats“
Ein fester und vom Publikum heiß erwarteter Bestandteil des Abends sind die „Gesichter des Monats“. Hier zeigt sich, wie sehr Gieseking den Nerv der Zeit trifft: Kaum taucht der eine Name auf, branden Buh-Rufe durch den Saal, beim nächsten folgt spontaner, anhaltender Applaus.
Diese Wechselbäder der Reaktionen sind kein Störfaktor, sondern Teil des Programms. Gieseking spielt mit ihnen, lässt sie stehen, kommentiert sie manchmal nur mit einem trockenen Blick oder einer kurzen Bemerkung – und macht deutlich, wie emotional aufgeladen Politik inzwischen ist. Die Gesichter des Monats sind damit nicht nur satirische Figuren, sondern auch ein Spiegel des Publikums selbst oder aus dem wahren Leben gegriffen – wie der Bankangestellte in Costa Rica, der Gieseking die vergessene Bankkarte wieder aushändigte.
Max und Moritz reloaded – Weltpolitik im Bilderbuchformat
Zu den stärksten Momenten des Abends zählt zweifellos Giesekings Vergleich von Putin und Trump mit Wilhelm Buschs „Max und Moritz“. Mit kindlich anmutender Grausamkeit lässt er die beiden ihr Unwesen treiben – nicht bei Lehrer Lämpel, sondern bei Witwe Bolte, die in dieser Version sinnbildlich für Europa steht.
Die berühmten Brotkrumen, die im Original die Hühner locken, werden bei Gieseking zu Staaten Europas, die kurzerhand „geschluckt“ werden. Ein bitterböser, aber erschreckend passender Vergleich, der zeigt, wie kindisch, zerstörerisch und zugleich folgenreich das Handeln dieser beiden Figuren ist.
Das Ende mit dem bekannten „Ricke, racke, ricke, racke“ fällt bei Gieseking beinahe versöhnlich aus – zumindest auf den ersten Blick. Doch genau hier liegt die Stärke seiner Satire: Man lacht, ja, aber mit dem unangenehmen Gefühl in der Magengegend, dass der reale Irrsinn, den diese beiden Männer in der Welt verbreiten, sich eben nicht so einfach wegklappern lässt wie in einem Kinderbuch.
Der Mann mit dem Filzstift
Natürlich darf Donald Trump auch jenseits des Max-und-Moritz-Motivs nicht fehlen. Gieseking nimmt sich dessen Dekret-Wahnsinns an und findet dafür ein Bild, das im Saal für schallendes Gelächter sorgt: „Trump ist auf seine Unterschriften so stolz wie ein Kleinkind auf seinen ersten Stuhlgang.“
Gemeint sind jene 78 Dekrete, die Trump zu Amtsantritt medienwirksam unterzeichnete – jede einzelne Unterschrift ein kleines Kunstwerk krakeliger Selbstverliebtheit, stolz in die Kameras gehalten. Gieseking zerlegt diese Selbstinszenierung genüsslich, ohne lange zu erklären. Ein Satz reicht – und sitzt.
Deutsche Politik als Klassikerlektüre
Doch nicht nur die große Weltpolitik bekommt ihr Fett weg. Auch die deutsche Innenpolitik wird von Gieseking souverän in die Literaturgeschichte einsortiert. Jens Spahn etwa findet sich plötzlich in Schillers „Die Glocke“ wieder – ein Kunstgriff, der zeigt, wie elegant Gieseking politische Figuren mit klassischen Texten verschränkt. Die Pointen entstehen dabei fast beiläufig, getragen von Sprache, Rhythmus und einem feinen Gespür für Absurdität.
Und dann wäre da noch Saskia Esken. Sie ist – so Gieseking – schlicht verschwunden. Kein großer Skandal, kein Knall, sondern ein lakonischer Befund, der im Raum stehen bleibt und gerade deshalb wirkt. Man lacht, weil es stimmt. Und weil es weh tut.
Ein Abend zwischen Lachen und leiser Beklemmung
Was diesen Abend in der Eichendorffschule besonders macht, ist nicht die bloße Abfolge von Gags. Es ist Giesekings Fähigkeit, das Publikum ständig zwischen Heiterkeit und Nachdenklichkeit pendeln zu lassen. Seine Schnitte sind schnell, sein Blick scharf, sein Ton oft überraschend warm – selbst dann, wenn der Stoff düster ist.
„Ab dafür!“ ist kein gemütlicher Jahresrückblick zum Abhaken. Es ist eher eine kabarettistische Inventur: Was ist passiert? Wie absurd ist das alles eigentlich? Und warum lachen wir trotzdem?
„Ab dafür“ ins Jahr 2026
Gieseking zeigt in der Eichendorffschule eindrucksvoll, warum sein satirischer Jahresrückblick seit Jahrzehnten funktioniert. Er verlässt sich nicht auf billige Pointen, sondern auf kluge Bilder, literarische Anspielungen und eine Sprache, die gleichzeitig verspielt und präzise ist.
Man verlässt den Saal gut unterhalten, ein wenig erschöpft – und mit dem Gefühl, dass Lachen manchmal die einzige vernünftige Reaktion auf eine ziemlich unvernünftige Welt ist.
Oder, um es mit Gieseking zu sagen: „Ab dafür“.

