Ein Sekt auf die Pflegeheim-Rettung: Awo Hessen-Süd kauft „Haus Mainblick“

Kelkheim (kez/fw) – Heimleiter Steffen Gehlert, Pflegedienstleiterin Yvonne Boyardan und Betriebsratsvorsitzende Claudia Bugdoll-Schmitt empfangen die Gäste mit einem Glas Sekt. Bürgermeister Albrecht Kündiger greift zu, sieht er doch „einen ganz tollen Tag“ für Kelkheim. Ulrich Bauch, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Hessen-Süd, strahlt ebenfalls mit dem Weihnachtsbaum im Speisesaal um die Wette. Die sie verkündigen eine positive Nachricht: Das Pflegeheim „Haus Mainblick“ bleibt nach bisher 30 Jahren für die nächsten Jahrzehnte hier am Kloster erhalten. Eine drohende und intern bereits beschlossene Schließung ist vom Tisch.

Kein Plan B notwendig

„Die Zukunft war lange höchst unklar, es gab schon einen Plan B der Awo“, erinnert sich Kündiger. Dass es doch bei Plan A bleibt, sei eine „ganz wichtige Entscheidung, denn das Haus gehört einfach zu Kelkheim dazu, ist für unsere Sozialpolitik von großer Bedeutung“. Die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern sei gut. Seine Mutter war dort ebenfalls in der Pflege, „wir waren sehr zufrieden hier“. Auch von Anderen werde das Haus „sehr gut angenommen, ist beliebt“.

Das können Gehlert und Bauch auch mit Blick auf eine geringe Fluktuation unter den rund 70 Mitarbeitern bestätigen. Und doch stand die Zukunft sehr auf der Kippe. Es sei eines der Häuser, das die Awo am längsten im großen Gebiet zwischen dem Vogelsberg und Bensheim betreibe, so der Geschäftsführer. Allerdings sei das Gebäude inzwischen „verschlissen“, es bestehe Sanierungsbedarf und -stau. Damit seien sie vor etwa vier Jahren an die Eigentümer herangetreten, hätten sich aber nicht einigen können, so Bauch. Er lässt durchblicken, dass es über Art und Umfang der Sanierung unterschiedliche Sichtweisen gegeben habe.

Kauf statt Miete

Die Awo wollte daher den Mietvertrag nicht weiter verlängern, die Eigentümer boten das Haus öffentlich zum Verkauf an. „Aber der Markt hat es nicht angenommen“, berichtet Bauch. So kam die zweite Chance für die Awo. Eine Einigung zum Mietvertrag gab es zwar nicht, dafür sei der Verkaufspreis nach Verhandlungen akzeptabel gewesen, so Bauch. Über die Summe sei Stillschweigen vereinbart worden. Der Geschäftsführer verrät aber, dass die Organisation nun sechs bis acht Millionen Euro in die Sanierung stecken wolle. In etwa drei Jahren wollen sie bei laufendem Betrieb anfangen und gut zwei Jahre sanieren. Es gehe vor allem um eine moderne technische Infrastruktur, gerade bei der Heizung, zudem um Fußböden und Türen. Dann könne es 25 Jahre wieder gut betrieben werden.

„Das Haus ist solide aufgestellt. Das schließt man nicht gerne und wäre hier ein Einschnitt in die soziale Infrastruktur gewesen“, macht Bauch deutlich. Sie haben hier 83 Plätze, 23 Einzel- und 30 Doppelzimmer. Das sei in der Awo Hessen-Süd mit 21 Pflegeheimen an der unteren Grenze der Wirtschaftlichkeit, so Bauch. Deshalb soll der Zuschnitt weitgehend so bleiben, höchstens minimal in Richtung des Trends zu Einzelzimmern gehen. Die Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge mit zwölf Plätzen werden indes aufgegeben, kündigt der Geschäftsführer an.

Aufatmen bei den Bewohnern

Die Bewohner sind erleichtert. „Hier oben ist es einmalig, ruhig und schön“, sagt Gisela Bosch, die sich einzig zeitweise mehr Würze beim Mittagessen wünschen würde. Das wird im zweiten Awo-Heim im MTK, dem „Haus am Park“ in Liederbach, gekocht. Gisela Kaiser und Johanna Falk sind ebenfalls gerne schon seit einigen Jahren hier und freuen sich über die Perspektiven fürs Haus. Betriebsratschefin Bugdoll-Schmitt, selbst am Kloster geboren, ist erleichtert. Die Geschäftsführung habe auch jederzeit über die Entwicklungen informiert, betont sie.

Es seien keine leichten Zeiten gewesen, so Bauch. Im Zuge des Awo-Skandals sei durch „Missmanagement“ die Kasse leer, die Insolvenz nahe gewesen. Jetzt sei das „wirtschaftliche Fundament stabil“. Sie könnten sogar der Belegschaft zehn Prozent über dem Tarif im öffentlichen Dienst zahlen. „Die Nachfrage würde auch ein zweites Haus in Kelkheim verkraften, wir würden das auch gerne projektieren“, so der Chef offen.

Allerdings sei ein Neubau sehr teuer, die neue Fachkräftesuche schwer. Der Bürgermeister erinnert an den Großbrand im Haus an Weihnachten 2014 und kündigt mittel- bis langfristig die Sanierung der sehr holprigen Zufahrtsstraße „Mainblick“ an. Und er gibt den Hinweis: „Achten Sie darauf, dass das Haus seinen Charme behält.“



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