Aus Skepsis wird Staunen: Das Sandarium begeistert immer mehr Menschen Was ist ein Sandarium?

Ein seltener Besucher: die Schwalbenschwanzraupe mit großen Ansprüchen. Um zum hübschen Falter zu werden, braucht sie den Wiesenknopf und Ameisen. Beides findet sich im Sandarium.

Kelkheim (ju) – In den Sindlinger Wiesen ist aus einem unscheinbaren Stück Erde ein Ort voller Staunen geworden. Schulklassen ziehen heute durch Sandflächen und Steinhaufen, beugen sich über winzige Spuren und lebendige Details. Zwischen warmen Schieferplatten kriecht eine dicke, schwarzgrün gemusterte Raupe – später wird aus ihr ein prächtiger Schwalbenschwanzfalter. Ein Grillenjäger verschwindet blitzschnell in ein gebohrtes Loch, während über den Blüten des Großen Wiesenknopfs ein himmelblauer Falter tanzt. Alles wirkt wie ein lebendiges Freiluft-Märchen: raue Natur, die plötzlich Geschichten erzählt.

Was aus dem „Dreckhaufen“ wurde

Kaum zu glauben, dass an dieser Stelle noch vor wenigen Jahren viele nur einen „Dreckhaufen“ sahen. Heute ist das Sandarium ein Magnet für Insekten – und für Menschen, die Natur hautnah erleben wollen.

„Wir wollten etwas schaffen, das anders ist als die üblichen Beete mit Einjahrespflanzen“, sagt Frank Behle, Leiter des Kelkheimer Grünflächenamts. Seit vier Jahren prägt er mit seinem Herz für Naturgärten das Bild der städtischen Flächen: Totholz als Lebensraum, Steinhaufen als Unterschlupf, Wildpflanzen als gedeckter Tisch. „Wir müssen Flächen so gestalten, dass sie nicht nur schön aussehen, sondern auch nützlich sind.“

„Attraktivierung der Sindlinger Wiesen“

Als die Stadtverordneten 20.000 Euro für die „Attraktivierung der Sindlinger Wiesen“ bewilligten, wusste zunächst niemand, wie dieses Geld eingesetzt werden sollte. Behle brachte den mutigen Vorschlag eines Sandariums ein – mit Petra Stripp-Scheuring als Fachplanerin. „Das war ungewöhnlich und nicht jeder war sofort begeistert“, erinnert er sich.

Die Naturgärtnerin legte los, suchte Taunusschiefer im Steinbruch, fand zufällig einen mächtigen Baumstumpf samt Wurzeln. Drei Sorten Sand, Holzmulm und ausgesuchte heimische Pflanzen kamen hinzu. „Je mehr Vielfalt man anbietet, desto mehr Vielfalt bekommt man“, sagt sie. Und tatsächlich: Zwischen Walzenwolfsmilch, Braunwurz und Grasnelken wimmelt es inzwischen von Leben.

Liebevolle Pflege

Damit es so bleibt, kümmern sich Sabrina Simon und Baumschüler Julian Heinrich aus Sinntal mit Hingabe um die Pflege. Viermal im Jahr schauen sie vorbei – und gehen mit Kennerblick über die Flächen. „Man muss wissen, was man stehen lässt und was rauskommt“, erklärt Simon. „Nicht alles, was nach Unkraut aussieht, ist auch wirklich Unkraut.“ Sie deutet auf eine zarte Pflanze, die zwischen den Steinen hervorlugt. „Viele würden das einfach abmähen. Aber das ist eine Grasnelke – und die ist hier sehr erwünscht.“

Akzeptanz wächst

Die Leidenschaft der beiden bleibt nicht unbemerkt. „Seit diesem Jahr hatten wir gar keinen Vandalismus mehr“, sagt Simon. „Das ist für mich das deutlichste Zeichen, dass die Menschen das Sandarium inzwischen akzeptieren.“ Unterstützt wird dieser Wandel auch durch neue Infotafeln, die inzwischen aufgestellt wurden. Sie erklären, warum Totholz stehen bleibt, was in den Sandflächen lebt und welche seltenen Pflanzen hier wachsen. Wer vorbeikommt, versteht besser, was er sieht – und bleibt eher stehen, um zu staunen.

Anfangs war die Skepsis groß: Ein erboster Anwohner schimpfte während der Bauphase regelmäßig vom Balkon, andere fragten spöttisch, ob die Totholzstämme wieder ausschlagen sollten. Sogar der Bürgermeister bekam Anrufe, wann „der Haufen endlich beseitigt“ werde.

Heute aber hat sich der Ton gewandelt. Spaziergänger nicken anerkennend, Anwohner bringen den Gärtnern Wasser, und Kinder machen große Augen über kleine Wunder im Sand. So ist aus einem vermeintlichen Schutthaufen ein lebendiges Kleinod entstanden – ein Ort, der Wissen vermittelt, Natur schützt und zeigt, wie viel Leben in einem Stück Erde steckt.

Ein Sandarium ist ein speziell angelegter Lebensraum für Wildbienen und andere Insekten, die offenen, sandigen Boden zum Nisten benötigen. Es besteht aus sandgefüllten Flächen oder Kisten, oft sonnig und windgeschützt platziert, damit die Tiere ungestört ihre Brutröhren graben können. Sandarien sind pflegeleicht, fördern die Artenvielfalt und leisten einen wichtigen Beitrag zum Schutz bestäubender Insekten.

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