Wenn die Stadt zur Bühne wird – Kelkheim entdeckt Kunst im digitalen Raum

Design weiterdenken – darauf haben sich Claudia Pense und Lena Müller mit ihrer virtuellen Bank eingelassen. Foto: Pense/Müller

Kelkheim (ju) – Man bleibt stehen, zückt das Smartphone – und plötzlich ist sie da: eine Bank, die es eigentlich gar nicht gibt. Filigran geschwungen, fast wie gewachsen, schmiegt sie sich in den Stadtraum. Eine grüne Oase mitten in der Fußgängerzone. Willkommen in der Welt der Augmented Reality-Kunst.

Am 15. Mai wird genau dieses Erlebnis in Kelkheim erstmals möglich. In der Stadtmitte Süd präsentieren die Künstlerinnen Lena Müller und Claudia Pense ihr virtuelles Kunstwerk – ein Projekt, das zeigt, wie sich unsere Wahrnehmung von Kunst gerade grundlegend verändert.

Kunst, die nur durchs Smartphone sichtbar wird

Augmented Reality (AR) bedeutet übersetzt „erweiterte Realität“. Dabei verschmelzen digitale Inhalte mit der realen Umgebung. Was früher nach Science-Fiction klang, wird nun Teil des Alltags – und der Kunst.

In Kelkheim funktioniert das ganz einfach: Über die kostenlose WAVA-App (vorher herunterladen) wird der Platz vor der Buchhandlung Tolksdorf zur Ausstellungsfläche. Wer sein Handy hebt, sieht mehr als nur Pflastersteine und Fassaden. Der Raum wird erweitert, verwandelt, neu gedacht.

Das Kunstwerk ist Teil des Projekts „Hier, wo wir sind – virtuelle Kunst um’s Eck“. Initiiert vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain gemeinsam mit dem Main-Taunus-Kreis, entstehen im Rahmen der World Design Capital 2026 gleich mehrere solcher Installationen – verteilt auf sieben Kommunen der Region.

Eine Bank, die mehr ist als ein Sitzplatz

Im Mittelpunkt der Kelkheimer Installation steht eine scheinbar einfache Idee: eine Sitzbank. Doch diese Bank ist alles andere als gewöhnlich.

Sie besteht aus einer durchgehenden Spirale, deren geschwungene Form gleich mehrere Funktionen vereint. Zwei Rundungen bilden Sitzfläche und Rückenlehne. Aus einer dritten entfaltet sich – inspiriert vom Flügel eines Ohrenkneifers – ein schützendes Element gegen Sonne und Regen. Gleichzeitig erinnert die Struktur an einen Kugelfisch, der sein Volumen vergrößert, um sich zu schützen.

Die Grundlage dafür liefert die Bionik – ein Forschungsfeld, das Prinzipien aus der Natur auf Technik und Design überträgt. Hier wird Natur nicht kopiert, sondern verstanden und weitergedacht.

Zwischen Utopie und Realität

Die virtuelle Bank ist mehr als ein ästhetisches Experiment. Sie stellt Fragen. Zum Beispiel: Wie wollen wir in unseren Städten zusammenleben?

Grüne Orte gelten als Rückzugsräume, als Treffpunkte, als kleine Oasen im urbanen Alltag. Gleichzeitig sind sie oft auch Konfliktorte – zu laut, zu schmutzig, zu umstritten. Müller und Pense greifen genau diese Spannung auf.

Ihre Lösung: ein Ort, der da ist – und doch nicht. Der genutzt werden kann, ohne Raum zu verbrauchen. Der Begegnung ermöglicht, ohne bestehende Strukturen zu verdrängen.

Kunst oder Design?

Wo endet eigentlich Design, wo beginnt Kunst? Auch diese Frage steht im Raum.

Die virtuelle Bank ist funktional gedacht, sie lädt zum Sitzen ein – zumindest gedanklich. Gleichzeitig ist sie ein ästhetisches Objekt, eine Idee, ein Kommentar. Gerade in Kelkheim, einer Stadt mit Tradition im Möbelhandwerk, bekommt diese Frage eine besondere Bedeutung. Vielleicht liegt die Antwort genau dazwischen – im „Zwischenraum“, wie die Künstlerinnen ihr Projekt nennen.

Ein Erlebnis für alle

Die Präsentation am Freitag, 15. Mai, um 18 Uhr an der Frankenallee ist öffentlich und kostenfrei. Vertreterinnen und Vertreter aus Stadt, Kultur und Kunst werden das Projekt vorstellen, bevor die Besucherinnen und Besucher selbst eintauchen können – in eine Kunstform, die nicht an Wände gebunden ist, sondern den Raum selbst neu erfindet.

Was bleibt, ist ein Perspektivwechsel. Denn wer einmal gesehen hat, wie sich eine unsichtbare Bank in den Alltag schiebt, schaut vielleicht auch auf die reale Stadt mit anderen Augen.



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