Tatort Plenarsaal: Nachwuchsdetektive gehenin Sonnental auf Verbrecherjagd

Fingerabdrücke nehmen, Spuren sichern – der Tatort im Plenarsaal gab viele Eindrücke in die Arbeit eines Detektives wieder und die Jungen und Mädchen waren mit Feuereifer dabei.Fotos: Judith Ulbricht

Kelkheim (ju) – „Den Einbrecher hätte ich euch ja gerne mitgebracht“, sagt Alexander Schrumpf und schaut mit ernster Miene in die erwartungsvollen Gesichter der Kinder aus der Stadt Sonnental. Für einen kurzen Moment ist es mucksmäuschenstill im Plenarsaal des Rathauses. „Aber der hat leider nicht mehr in meinen Koffer gepasst.“ Die Stille weicht schallendem Gelächter.

Genau so muss man wohl einen Raum voller Kinder erobern. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit einem trockenen Spruch, einem verschmitzten Grinsen und einem geheimnisvollen schwarzen Koffer, dessen Inhalt neugieriger macht als jede Schatztruhe.

Was steckt wohl drin? Handschellen? Tatortfotos? Lupe? Fingerabdruckpulver? Vielleicht sogar eine Pistole? Die Antwort folgt wenig später. Pistole? Fehlanzeige. Denn gleich zu Beginn räumt Schrumpf mit einem der größten Irrtümer über seinen Beruf auf.„Ein Detektiv ist nicht die Polizei.“

Was dann folgt, ist keine Unterrichtsstunde. Es ist eine Mischung aus Krimi, Comedy, Mitmach-Theater und Rechtskunde – und ehe sich die Mädchen und Jungen versehen, sind sie mittendrin in ihrer ersten Ausbildung zu Nachwuchsdetektiven der Wiesbadener Detektei Adler.

Ein Junge mit 20 Drei-???-Kassetten

Wer Alexander Schrumpf erlebt, merkt schnell: Hier steht keiner, der geschniegelt seinen Vortrag herunterspult. Er erzählt. Er fragt. Er lacht. Und vor allem lässt er die Kinder mitdenken.

Eigentlich, erzählt er ganz offen, wollte er früher gar kein Detektiv werden. „Ich wollte Bestsellerautor werden.“ Es klappte nicht ganz so, wie er sich das als junger Mann vorgestellt hatte. Aber Träume müssen ja nicht sterben. Vor rund zehn Jahren erfüllt er sich zumindest einen Teil davon und schreibt seinen ersten eigenen Kriminalroman. Was sonst? Liebesroman wäre bei einem Mann mit seinem Beruf vermutlich auch irgendwie seltsam gewesen.

Die Liebe zu spannenden Geschichten begann allerdings schon viele Jahre früher. „Die ersten 20 Kassetten von den „Die Drei ???“ hatte ich alle zuhause.“

Viele im Raum dürften innerlich nicken. Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews haben schließlich ganze Generationen begleitet. Auch Alexander Schrumpf lauschte als Junge gebannt den Fällen der drei Detektive aus Rocky Beach. Vielleicht war damals schon der Grundstein gelegt.

Heute, Jahrzehnte später, ist aus dem Hörspiel-Fan selbst ein echter Ermittler geworden. Seit 33 Jahren arbeitet der Wiesbadener als Detektiv. 1996 gründete er seine eigene Detektei Adler. Rund 2.650 Fälle hat er nach eigenen Angaben seitdem gelöst. Eine Zahl, die selbst bei den Kindern für anerkennendes Raunen sorgt.

Detektiv sein heißt vor allem: warten

„Was macht ein Detektiv eigentlich den ganzen Tag?“ Kaum ist die Frage gestellt, schnellen die Hände nach oben. „Verbrecher fangen!“, „Fingerabdrücke suchen!“, „Einbrecher verfolgen!“ Gar nicht so falsch. „Aber wisst ihr, was ich am meisten mache?“, fragt Schrumpf. Ratlose Gesichter. „Ich sitze.“ Wieder Gelächter. Tatsächlich verbringe er unheimlich viel Zeit im Auto oder vor dem Computer. Er recherchiere, telefoniere, werte Informationen aus und beobachte Menschen.

„Das nennt man observieren“, erklärt er. Dann grinst er. „Nicht Obst servieren.“

Der Kalauer sitzt. Einige Kinder verdrehen lachend die Augen, andere erzählen den Witz sofort ihrem Nachbarn weiter. Fernsehen und Wirklichkeit, erklärt Schrumpf, seien eben zwei völlig verschiedene Welten. Im Krimi jagen Detektive mit quietschenden Reifen über die Autobahn. In Wirklichkeit könne eine Observation auch bedeuten, acht oder zehn Stunden regungslos im Auto zu sitzen und darauf zu warten, dass überhaupt etwas passiert. Geduld sei deshalb oft viel wichtiger als Action.

Kein Blaulicht, keine Pistole

Jetzt wird es ernst. „Wer von euch denkt, dass Detektive Waffen tragen dürfen?“ Einige Hände gehen hoch. „Leider falsch.“ Detektive haben keine Sonderrechte. Sie dürfen weder mit Blaulicht fahren noch Wohnungen durchsuchen oder Menschen einfach festnehmen wie Polizeibeamte. Eine Dienstwaffe? Ebenfalls Fehlanzeige. „Ich habe gar keine.“ Viele Kinder staunen.

Dann erklärt Schrumpf eine Ausnahme, die eigentlich jeden betrifft. Die sogenannte Jedermann-Festnahme. Der Begriff klingt kompliziert, ist aber leicht zu verstehen. Wer jemanden dabei erwischt, wie er gerade eine Straftat begeht, und befürchten muss, dass dieser wegläuft, darf ihn bis zum Eintreffen der Polizei festhalten. Dieses Recht hat jeder Bürger – allerdings wirklich nur unter diesen engen Voraussetzungen. Mehr dürfen auch Detektive nicht. Die Kinder hören aufmerksam zu. Manche nicken. Andere stellen gleich die nächsten Fragen.

Die gefährlichste Oma Deutschlands

Rechtskunde muss überhaupt nicht langweilig sein. Alexander Schrumpf beweist das eindrucksvoll. „Stellt euch mal Folgendes vor …“ Sofort wird es ruhig. In einer Straße wohnt eine ältere Dame. Eine ganz normale Oma. Eigentlich. Jeden Morgen möchte sie mit ihrem Rollator zum Bäcker laufen. Doch da gibt es ein Problem. Der Nachbar besitzt einen riesigen, dicken SUV. Und weil ihm offenbar jeder Parkplatz zu weit weg ist, stellt er das Auto ständig halb auf den Gehweg. Die Oma kommt kaum vorbei. Einmal schimpft sie. Am nächsten Tag schimpft sie wieder. Eine Woche später ist ihre Geduld endgültig aufgebraucht. „Jetzt reicht‘s!“

Mit diesen Worten greift sie in ihre große Handtasche. Oder besser gesagt: in ihre legendäre Omatasche. Daraus zieht sie – warum auch immer – einen gewaltigen Schraubenzieher. Sie geht langsam am SUV entlang.

„Ratschhhhhhh…“ Mit einer ausladenden Bewegung zieht sie den Schraubenzieher einmal über die komplette Fahrzeugseite. „Was ist das?“ Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. „Sachbeschädigung!“ „Ganz genau!“

Doch die Geschichte ist noch nicht vorbei.Der Nachbar sieht alles. Er rennt wutentbrannt aus dem Haus, schimpft, gestikuliert und baut sich vor der Oma auf. Die schaut ihn einen Moment lang an.

Dann packt sie kurzerhand ihren Rollator, hebt ihn an und schubst ihn dem Nachbarn mitten vors Schienbein – oder, in Schrumpfs Version, sogar einmal quer durchs Gesicht. „Und das?“ Jetzt müssen die Kinder gar nicht mehr überlegen. „Körperverletzung!“ „Richtig.“ Schrumpf lacht. „Aber keine Sorge – solche Omas gibt es natürlich nicht.“ Der Plenarsaal lacht erleichtert mit.

Ganz nebenbei haben die Kinder in wenigen Minuten verstanden, was Sachbeschädigung und Körperverletzung bedeuten – ganz ohne Gesetzestexte. Und noch etwas lernen sie. Wer angegriffen wird, darf sich selbstverständlich verteidigen. Das nennt sich Notwehr. Allerdings immer nur so weit, wie es nötig ist, um den Angriff zu beenden.

Zehn Festnahmen in 33 Jahren

Obwohl Alexander Schrumpf inzwischen mehr als drei Jahrzehnte als Detektiv arbeitet, musste er erstaunlich selten selbst eingreifen.

„Ich habe in 33 Jahren zehn Menschen festgenommen.“ Nicht tausend. Nicht hundert.Zehn. Dreimal klickten dabei sogar Handschellen.

Natürlich hat der Detektiv welche mitgebracht. Sofort schnellen die Arme nach oben. Jeder möchte ausprobieren, wie sich das anfühlt. Zwei Freiwillige dürfen nach vorne kommen. Ein Kind bekommt klassische Handschellen angelegt. Ein anderes lernt sogenannte Daumenschellen kennen. Die Begeisterung ist groß. „Gar nicht so bequem“, stellt einer der Nachwuchsermittler fest. „Sollen sie auch nicht sein“, meint Schrumpf trocken.

Die erste Observation vergisst man nie

Dass Detektivarbeit nicht nur aus Theorie besteht, sondern manchmal auch eine gehörige Portion Mut verlangt, zeigt Schrumpf mit einer Geschichte aus seinen Anfangsjahren. Damals ist er gerade einmal 19 Jahre alt. Sein Auftrag: herausfinden, wer nachts immer wieder Autos beschädigt.

Also sitzt der junge Detektiv Abend für Abend in seinem Wagen. Der Motor ist längst aus, das Fenster einen Spalt geöffnet. Es ist dunkel, ruhig, eigentlich passiert ... nichts. Genau das, erklärt Schrumpf den Kindern, sei oft die größte Herausforderung seines Berufs. Geduld. Wer unruhig werde oder zu früh aufgebe, werde viele Fälle nie lösen.

Dann, irgendwann in der Nacht, bewegt sich plötzlich eine Gestalt zwischen den parkenden Autos. Ein Jugendlicher. Schrumpf beobachtet ihn zunächst, bis klar ist: Der Junge macht sich tatsächlich an den Fahrzeugen zu schaffen. Als der junge Detektiv schließlich aus seinem Versteck tritt, erschrickt der Täter mindestens genauso sehr wie er selbst. „Ich glaube, der hat sich noch mehr erschrocken als ich“, erzählt Schrumpf lachend.

Gemeinsam mit der Polizei wird der damals 15-Jährige später seinen Eltern übergeben. Das Gericht verurteilt ihn anschließend zu 250 Sozialstunden in einem Tierheim. Für Schrumpf war es einer der ersten großen Einsätze – und einer, den er bis heute nicht vergessen hat.

Tatort Plenarsaal

Nach so vielen Geschichten wird es höchste Zeit, selbst zu ermitteln. Der Plenarsaal verwandelt sich innerhalb weniger Minuten in einen Tatort. Überall liegen Spuren, Gegenstände und Beweisstücke. Alexander Schrumpf hat alles liebevoll vorbereitet.

„Der Einbrecher hat heute leider keinen guten Tag gehabt“, sagt er grinsend. „Der hat wirklich überall Spuren hinterlassen.“

„Und den Einbrecher konnte ich leider wirklich nicht mitbringen“, schiebt er noch einmal hinterher. „Der passte einfach nicht mehr in meinen Utensilienkoffer.“ Erneut wird herzlich gelacht. Dann beginnt die eigentliche Arbeit.

Ein Mädchen darf als Erste in die Rolle der Spurensicherung schlüpfen. Vorsichtig zieht sie den weißen Schutzanzug über. Fast wirkt sie jetzt wie eine Ermittlerin aus einer Fernsehserie. Mit einer Pinzette in der einen Hand und kleinen Asservatentütchen in der anderen betritt sie vorsichtig den Tatort. Jetzt wird es plötzlich erstaunlich ruhig.

Wo eben noch gelacht wurde, verfolgen die Kinder jeden Handgriff ganz genau. Kein Beweisstück darf beschädigt werden. Jede Kleinigkeit könnte später wichtig sein. Vorsichtig hebt die junge Ermittlerin die Spuren auf und verpackt sie sauber in den kleinen Beuteln.

Schrumpf erklärt dabei immer wieder, warum echte Spurensicherer so sorgfältig arbeiten. Ein einziges falsch angefasstes Beweisstück könne bereits eine Spur zerstören. Deshalb werde am Tatort möglichst nichts berührt, bevor alles dokumentiert sei.

Der Täter war ziemlich schlampig

Besonders auffällig ist ein Schuhabdruck. „Der Einbrecher war wirklich nicht besonders vorsichtig“, stellt Schrumpf fest. An diesem Beispiel erklärt er den Kindern, wie Ermittler solche Spuren sichern.

Zunächst wird jede Spur fotografiert – und zwar möglichst genau aus verschiedenen Perspektiven. Anschließend wird sie vermessen. Liegt der Abdruck in Erde, Sand oder Schlamm, kommt häufig Spezialgips zum Einsatz. Der wird vorsichtig eingefüllt und härtet aus. So entsteht eine exakte Kopie des Schuhprofils, auf der selbst kleinste Rillen und Beschädigungen zu erkennen sind. Später können Ermittler den Abdruck mit den Schuhen eines Verdächtigen vergleichen.

Ganz ähnlich funktioniert das übrigens auch bei Reifenspuren. Auch sie verraten oft erstaunlich viel. Fahrzeugtyp, Reifenmodell oder sogar kleine Beschädigungen im Profil lassen sich später miteinander vergleichen.

Die Kinder staunen, wie viel sich aus einem einfachen Abdruck im Boden herauslesen lässt.

Ein Pinsel mit zehn Millionen Fasern

Der Höhepunkt des Nachmittags wartet allerdings noch. Auf einer Glasscheibe hat der fiktive Täter jede Menge Fingerabdrücke hinterlassen. Jetzt darf eine weitere Nachwuchsdetektivin zeigen, was sie gelernt hat.

Alexander Schrumpf öffnet vorsichtig eine kleine Dose mit schwarzem Rußpulver. „Davon braucht man wirklich nur ganz wenig.“ Dann holt er einen ganz besonderen Pinsel hervor. Kein gewöhnlicher Malerpinsel, sondern einen sogenannten Zephyr-Pinsel.

Die Kinder dürfen ihn vorsichtig anschauen. Er fühlt sich unglaublich weich an. Schrumpf erklärt, warum. Der Pinsel besteht aus rund zehn Millionen hauchdünnen Fasern. Dadurch lässt sich das Pulver nahezu schwerelos auftragen, ohne die empfindlichen Fingerabdrücke zu verwischen.

Ganz vorsichtig streicht das Mädchen über die Glasscheibe. Langsam geschieht etwas Faszinierendes. Erst erscheinen feine Linien. Dann wird der Abdruck immer deutlicher. Und plötzlich liegt ein nahezu perfekter Fingerabdruck vor den staunenden Kindern. Ein leises „Wow!“ geht durch den Saal.

Anschließend zeigt Schrumpf noch weitere Spezialpinsel aus der kriminaltechnischen Spurensicherung und erklärt, warum je nach Oberfläche unterschiedliche Werkzeuge verwendet werden.

Wenn der Dieb plötzlich leuchtet

Zum Abschluss hat der Profi noch einen kleinen Trick aus seinem Berufsalltag mitgebracht. Eine sogenannte Diebesfalle.

Dabei werden Geldscheine oder andere Gegenstände mit einem kaum sichtbaren Spezialpulver behandelt. Berührt ein Dieb den präparierten Gegenstand, haftet das Pulver an seinen Händen. Mit bloßem Auge ist davon zunächst nichts zu sehen.

Doch sobald Schwarzlicht zum Einsatz kommt, leuchten die Spuren deutlich auf. „So kann man Langfinger manchmal ganz schön überraschen“, erklärt Schrumpf augenzwinkernd. Die Kinder sind begeistert. Viele würden am liebsten sofort selbst einen Fall übernehmen.

Jetzt ermittelt Sonnental selbst

Schließlich kommt der Moment, auf den alle gewartet haben. Alexander Schrumpf verteilt die Detektivausweise. Mit sichtbarem Stolz nehmen die Mädchen und Jungen ihre Ausweise entgegen. Von nun an sind sie offiziell geprüfte Junior-Mitarbeiter der Detektei Adler.

Ob die Ausbildung bald gebraucht wird? In der Kinderstadt Sonnental jedenfalls greift das Verbrechen offenbar schon um sich – immer wieder verschwinden Blüten. Gut möglich also, dass die frisch gebackenen Nachwuchsdetektive schon bald ihren ersten echten Fall lösen müssen.

Die Chancen stehen jedenfalls nicht schlecht: Der Einbrecher vom Plenarsaal hätte gegen diese Spürnasen vermutlich keine Chance gehabt.

Weitere Artikelbilder



X