Kelkheim (ju) – Es ist ein leiser, fast vergessener Moment der Menschlichkeit in einer dunklen Zeit: Mitten im Zweiten Weltkrieg, als Deutschland brannte und Europa in Trümmern lag, entstand in Kelkheim eine kleine, inoffizielle französische Malerkolonie – ein Ort, an dem Kunst über Krieg und Menschlichkeit über Grenzen siegte.
Malerkolonie ist in diesem Zusammenhang etwas weit gegriffen, guckt man nach Kronberg oder Worbswede, aber was Stadtarchivar Julian Wirth und Heimatforscher Klaus Detlef-Voigt in der vergangenen Woche der Presse präsentierten, grenzt schon an eine kleine Sensation und wirft ein ganz neues Bild auf die Kriegsgefangenen in Kelkheim und den Maler Alois Steyer.
Per Zufall zum Sensationsfund
Und wie es das Leben häufig so spielt, übernahm der Zufall bei der Geschichte eine ganz große Rolle. Denn eigentlich war Voigt auf der Suche nach Fotografien der Finger Mühle – hatte er sich doch der Geschichte der Kelkheimer Mühlen verschrieben. Doch es war nichts zu finden, weder frühere Nachbarn noch Nachkommen verfügten über Bildmaterial. Dann bekam Voigt einen Tipp – da gab es diese junge Nachbarin, die schon kurz nach dem Krieg einen Fotoapparat besaß … und Voigt wurde fündig. Sie besaß ein 6x6 Zentimeter großes Farbfoto von einem Ölgemälde, das eindeutig die Mühle darstellt. Voigt konnte sein Glück kaum fassen. „Sie hatte dieses Gemälde bei einer Verwandten in NRW hängen sehen und ein Foto davon gemacht, weil sie die Szenerie wiedererkannte“, erinnert sich der Heimatforscher. Der Stachel war gesetzt. Wo kam dieses Gemälde her? Die Besitzerin erinnerte sich, dass es ein französischer Kriegsgefangener war, der dieses Bild gemalt hatte. Ihr Vater hatte es erworben.
Voigt forscht weiter – bei Dietrich Kleipa, dem damaligen Stadtarchivar, der so eingespannt ist, dass er dieses Thema gleich an Voigt „outsourct“, bei Franz Estenfelder, Besitzer der Hornauer Mühle und letzter Müller in der Stadt und schlussendlich, im Jahr 2024, bei Julian Wirth. „Denn die Vermutung lag nah, dass es da noch mehr Gemälde geben könnte, geben müsste“, so Voigt. Mit Wirth kommt Bewegung in die Sache, ein weiteres Bild taucht auf, ein zweiter Künstlername erscheint, ebenfalls in NRW. Die beiden bekommen eine Adresse in Kelkheim. „Da waren weitere Bilder und ein dritter Name“, beschreibt Wirth den Augenblick, der wie elektrisierend ist.
Drei französische Kunstmaler, gefangen fern der Heimat, leisten Zwangsarbeit in Kelkheim und tun etwas, was ihnen wahrscheinlich am liebsten war: Malen? Diese Frage poppt in den Köpfen der beiden auf. Während draußen Sirenen heulten und sie in den Fabriken Munitionskisten produzieren mussten, fanden sie Zeit, um festzuhalten, was Frieden bedeutet: das Licht über den Kelkheimer Hügeln, Fachwerkhäuser in stiller Würde, den Blick auf Hornau und Münster. Es sind Stadtansichten, gemalt in Gefangenschaft – und doch grenzenlos frei.
Kunst im Schatten des Krieges
Am 1. September 1939 begann der Albtraum: Mit dem Angriff deutscher Truppen auf Polen entfachte sich der Zweite Weltkrieg. Nur zwei Tage später erklärten Frankreich und England dem Deutschen Reich den Krieg. In Deutschland begann die Generalmobilmachung – Männer zogen an die Front, Arbeitskräfte fehlten. Kriegsgefangene mussten sie ersetzen.
So traf im Herbst 1939 eine Gruppe von rund 20 französischen Kriegsgefangenen in Kelkheim ein. Beschäftigt bei der Firma Gebrüder Dichmann AG in Münster, fertigten sie Munitionskisten aus Holz. Untergebracht waren sie in der Turnhalle, die sich auf dem Gelände der heutigen Gagernanlage befand und am Taunusblick in einer alten Villa, die schon längst aus dem Stadtbild verschwunden ist. Anfangs streng bewacht, durften sie sich bald nach Feierabend frei in der Stadt bewegen.
Dann fiel den Kelkheimern etwas auf: Männer, die statt Werkzeug Pinsel hielten. Sie sahen französische Gefangene, die mit Bleistift und Packpapier Stadtansichten zeichneten – die Kirche, den Bahnhof, das Pfingstbörnchen. Eine stille Gegenwelt zum Krieg.
Die drei französischen Künstler von Kelkheim
In dieser Gruppe befanden sich drei ausgebildete, studierte Kunstmaler:
• Aurélio Gianola (29. April 1915, Savosa/Schweiz – †14. Juli 2008, Aunay-sur-Odon/Frankreich)
• Marcel Lucien Grémillon (16. Februar 1906, Fresnay-sur-Sarthe/Frankreich – †19. Dezember 1967, Paris)
• Jacques Laplagne (28. Juli 1917, Paris – †4. Juli 1995, Châteauroux/Frankreich)
Sie beherrschten die ganze Bandbreite der Malerei – Skizzen, Aquarelle, Ölgemälde, Porträts. Bald wurden ihre Werke in Kelkheim bekannt und deutsche Bürger – bewegt von der Kunst mitten im Krieg – baten sie, Stadtansichten zu malen. „Wir konnten bis heute nicht klären, warum sich ausgerechnet drei studierte Kunstmaler unter den Kriegsgefangenen befanden“, bedauert Wirth, dass über die Drei nicht ganz so viel zu erfahren ist.
Dass es den Auftraggebern aber gelang, in Kriegszeiten überhaupt Malutensilien zu beschaffen – Leinwände, Ölfarben, Pinsel, Terpentin – grenzt an ein kleines Wunder.
Gemälde zwischen Zwang und Freundschaft
Die Künstler malten nicht nur Stadtbilder, sondern nahmen auch ungewöhnliche Aufträge an. So fertigte Gianola Kopien berühmter Werke: Rubens’ „Raub der Töchter des Leukippos“ und Vermeers „Bei der Kupplerin“ – beides in Originalgröße.
Zwischen dem Maler und seinem Auftraggeber entstand daraus eine tiefe Freundschaft, die den Krieg überdauerte. Nach 1945 kam es zu gegenseitigen Besuchen in Frankreich und Deutschland – ein stilles Kapitel europäischer Versöhnung, lange bevor die Politik sie wagte.
Bis heute konnten Voigt und Wirth 15 signierte Gemälde der drei Künstler aufspüren, vermutlich existieren noch weitere in Privatbesitz – vielleicht in Dachböden, vielleicht über Kontinente verstreut. Zwei Kelkheimerinnen nahmen nach Kriegsende ihre „Franzosen-Bilder“ sogar mit in die neue Heimat – eine nach Australien, eine in die USA.
„Wie bezahlt wurde, ist unbekannt. Vermutlich in Naturalien – Brot, Butter, vielleicht ein Stück Wurst. Kunst gegen Leben“, fasst Julian Wirth in Worte, was man sich im stillen gefragt hatte.
Ein Junge, der zusah – und Künstler wurde
Einer, der damals zusah, war der 15-jährigeAlois Steyer aus Hornau, ein begabter Schüler mit einem sicheren Blick für Linien und Licht. Als er von den französischen Malern hörte, suchte er sie auf, beobachtete sie, lernte – ohne Unterricht, ohne Sprache, nur mit Augen und Herz.
Steyer lieh sich eines von Gianolas Werken, das Ölgemälde „Am Pfingstbörnchen in Hornau“, und fertigte eine Kopie an – so meisterhaft, dass selbst Kenner keinen Unterschied zwischen Original und Nachbildung erkannten. Aus dem jungen Beobachter wurde später einer der prägenden Maler Kelkheims. Nach seinem Tod 2013 vermachte er dem Stadtmuseum 30 seiner Werke. Sein Weg begann – durch Zufall – mit drei französischen Kriegsgefangenen, die in einer Zeit der Unfreiheit ein Stück Freiheit malten.
Ein Symbol für Menschlichkeit
Die Begegnungen zwischen Kelkheimern und französischen Gefangenen verliefen erstaunlich friedlich. Man half sich, sprach mit Händen, tauschte Gesten und Brot. In einer Kelkheimer Schreinerei arbeitete der Maler Marcel Grémillon an Munitionskisten – und schenkte dem Schreiner-Ehepaar, das ihn freundlich behandelte, ihn mit am gemeinsamen Tisch essen ließ und ihn als Mitglied der Familie annahm, ein Gemälde: „Vase mit Rosenstrauß“. Auf der Rückseite steht eine Widmung: „Un bouquet c’est peu, mais c’est toute mon amitié que je vous offre – 26 août 1944.“ auf deutsch: „Ein Blumenstrauß ist wenig, aber es ist meine ganze Freundschaft, die ich Ihnen schenke.“ Ein einfacher Satz, geschrieben inmitten eines Weltkriegs. Und doch ein Dokument tiefster Achtung und Wertschätzung – gemalt in Kelkheim.
Ein vergessenes Kapitel europäischer Kulturgeschichte
Die Geschichte der drei französischen Kriegsgefangenen ist mehr als eine lokale Anekdote und schreibt ein kleines Stück Kelkheimer Geschichte neu. Sie ist ein Zeugnis dafür, dass selbst im Grauen des Krieges Schönheit entstehen kann und das die Kelkheimer Menschlichkeit zeigten. Die Gemälde dieser „inoffiziellen Kelkheimer Malerkolonie“ sind keine bloßen Bilder. Sie sind Spuren von Hoffnung, von Kultur, von Frieden – geboren aus der Gefangenschaft. Und sie erinnern daran, dass selbst im dunkelsten Kapitel der Geschichte die Farbe nicht versiegt.


