Kelkheim (iba) – Als Annett Louisan das erste Mal auf der musikalischen Bildfläche erschien, war Gerhard Schröder gerade noch so Bundeskanzler, die meisten Deutschen hatten sich immer noch nicht an den Euro gewöhnt, der FC Porto unter dem aufstrebenden Jungtrainer Jose Mourinho hatte die Champions-League gewonnen, der SV Werder Bremen wurde Meister und Kugelblitz Ailton Torschützenkönig. Brad Pitt als Achilles riss sich bei den Dreharbeiten zu „Troja“ die Achillessehne (!), Samsung brachte mit seinem E700 „Flip Phone“ Branchenprimus Nokia in Bedrängnis. Prince veröffentlichte drei Alben in einem Jahr, Hip-Hop („Yeah!“), Punk („American Idiot“) und „Dragostea Din Tei“ von O-Zone dominierten die Charts – und aus irgendeinem Grund entschloss sich Annett Louisan dazu, mitten in dieses musikalische ADHS hinein entschleunigten Chanson zu singen.
Entspannter Gesang in entspannter Atmosphäre
Vielleicht war und ist gerade das die Erfolgsformel von Louisan, zwischen all dem aufgekratzten Rock-Gebrüll von Limp Bizkit und den wummernden Bässen diverser Timbaland-Produktionen kam manchen Musikfans eine entspannte und fast leise Chansonstimme, die auf Deutsch singt, vielleicht ganz gelegen. Davon abgesehen scheint Louisan keine Frau zu sein, die abseits des Rampenlichts das Rampenlicht sucht, ihre Kunst spricht für sich – der Boulevard muss das nicht auch noch tun.
Beim Konzert im Innenhof des Rettershofes wollte auch nicht so recht hektische und johlende Konzertstimmung aufkommen, obwohl die Karten schon Ende 2025 restlos ausverkauft waren. Es fühlte sich eher so an, als säße man bei einer guten Freundin im Wohnzimmer, die man lange nicht gesehen hat. Und die zwischendurch immer mal wieder ein Lied sang, einfach, weil sie Lust darauf hatte.
„Ein Glück, dass der Baum da steht, so habe ich wenigstens ein bisschen Schatten hier auf der Bühne. Geht‘s Euch gut da unten? Seht zu, dass Ihr ausreichend trinkt!“ Louisan suchte immer wieder den Dialog mit dem Publikum und das Publikum machte gerne mit, eine Zuschauerin half der Sängerin sogar mit einem Handtuch aus.
„Sonst haben wir irgendwann alles erledigt, aber nichts erlebt“, sang die Frau in dem leichten Sommerkleid, für ein Lied ging sie von der Bühne und flanierte durch den Zuschauerraum, sie fühlt sich augenscheinlich dann am wohlsten, wenn alle sich wohl fühlen. Zwischen den Liedern plauderte die Wahl-Hamburgerin immer wieder aus dem Nähkästchen, erzählte von ihrer ersten Ehe, ihrem ersten Album und der ersten Autogrammstunde – bei der sie ihren leiblichen Vater das erste Mal traf. Dann wieder Gesang, „Das alles wär nie passiert“, „Die Katze“, da war das Rettershof-Publikum gefragt, „Das weiß sie ganz genau“ – „Miau!“
Als die (inklusive Pause) rund zwei Stunden vorbei waren und Louisan sich verabschiedete, schauten manche Konzertbesucher etwas sparsam drein, schließlich hatte man sich doch gerade erst kennengelernt! Vielleicht kann man im Oktober in der Alten Oper in Frankfurt wieder bei der guten Freundin im Wohnzimmer sitzen und „Miau!“ machen, Louisan hat bestimmt noch viel zu erzählen.







