Zwei besondere Wochen – gemeinsam Deutsch sprechen, erzählen, lesen und malen

Die Sprachcamps der Kelkheimer Eichendorffschule finden in den Sommerferien statt und sind inzwischen zu einer festen Institution geworden. Sie haben eine wichtige integrative Funktion für Schülerinnen und Schüler aus aller Herren Länder. Darüber hinaus wird auch ein Schwimmcamp angeboten.Foto: Judith Ulbricht

Kelkheim (ju) – Es gibt diesen einen Moment, in dem aus einem Stück Papier plötzlich ein Stück eigenes Leben wird. Im Kunstraum der Eichendorffschule sitzen Kinder über ihren Landkarten. Sie zeichnen Wege, Kreuzungen, Umwege und Ziele. Eigentlich geht es um eine Reise, die zwei Jungen in dem Jugendroman „Tschick“ unternehmen. Doch längst geht es auch um ihre eigenen Reisen: Wo bin ich hergekommen? Welchen Weg habe ich genommen? Wo bin ich angekommen – und wo möchte ich hin?

Im neunten Jahr ist das Sprachcamp der Eichendorffschule (EDS) inzwischen zu einem festen Bestandteil des Schuljahres geworden. Zwei Wochen lang wird in den Sommerferien Deutsch gesprochen, gelesen, erzählt, gespielt, gemalt und gemeinsam gegessen. In diesem Jahr sind 23 Schülerinnen und Schüler dabei – aus aller Herren Länder, mit ganz unterschiedlichen Geschichten und ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. Zum ersten Mal gehören auch Viertklässler dazu, die nach den Ferien an die EDS wechseln. Ebenso nehmen Schülerinnen und Schüler der H8 und H9 teil, die sich auf ihre Schulabschlüsse vorbereiten.

Es ist klar: „Wir müssen etwas tun“

Dass das Sprachcamp längst mehr ist als zusätzliche Deutschförderung, wird schnell deutlich. „Sprache soll sich in diesem Schuljahr für alle wie ein roter Faden durch das Schuljahr ziehen“, sagt Schulleiter Stefan Haid. „Wir müssen etwas tun, damit die Spanne nicht noch weiter aufklafft.“

Der Handlungsbedarf ist groß. Studien zeigen seit Jahren, dass ein erheblicher Teil der Jugendlichen in Deutschland Schwierigkeiten mit dem Lesen und insbesondere mit dem Verstehen anspruchsvollerer Texte hat. Bei PISA, dem Programm zur internationalen Schülerbewertung, wird nicht nur geprüft, ob ein Text gelesen werden kann, sondern auch, ob Informationen verstanden, miteinander verknüpft und sinnvoll genutzt werden können. Gerade diese Fähigkeit bereitet vielen Schülerinnen und Schülern Schwierigkeiten.

An der Eichendorffschule hat man daraus Konsequenzen gezogen. „Wir haben gemerkt, dass wir gerade bei den Kleinen unbedingt etwas tun müssen“, sagt Ina Schindler, die das Sprachcamp seit Jahren organisiert und begleitet. Denn wer schon früh Schwierigkeiten mit dem Lesen und Verstehen hat, braucht Unterstützung, bevor aus kleinen Lücken große werden. Schulleiter Haid formuliert es drastisch: „Wir kriegen es in Deutschland nicht hin, dass die Schwachen so gefördert werden, dass die Spanne nicht noch weiter aufklafft.“

Das Konzept haben sich die Kelkheimer von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft abgeschaut, die mit ihrem „DeutschSommer“ seit vielen Jahren Sprachförderung mit Theater, Spiel und Persönlichkeitsbildung verbindet. Die EDS hat die Idee auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten.

Und die sind ausgesprochen vielfältig. Da ist beispielsweise ein elfjähriger Junge aus Syrien, der erst seit neun Monaten in Deutschland lebt und zuvor noch nie eine Schule besucht hat. Lesen und Schreiben muss er überhaupt erst lernen. Andere Kinder lesen schon flüssig, wieder andere kämpfen noch mit einzelnen Wörtern. Deshalb wird „Tschick“ in unterschiedlichen Versionen gelesen und bearbeitet. Und erstaunlicherweise funktioniert die Geschichte bei allen.

Die Geschichte von Maik und Tschick

Vielleicht gerade deshalb, weil sie so anders ist. Die Geschichte von Maik und Tschick ist rebellisch, schräg und voller Überraschungen. Und sie lässt sich auch dann verstehen, wenn die eigenen Deutschkenntnisse noch längst nicht perfekt sind.

Im Kunstraum setzt Kunstlehrerin Julia Vogel die Geschichte in eine ganz andere Form. Die Schülerinnen und Schüler gestalten Landkarten von der Reise der beiden Romanfiguren. Doch daraus werden nach und nach „Ich-Landkarten“: persönliche Wege, auf denen auch eigene Erlebnisse, Erinnerungen und Lebensstationen Platz finden. „In Tschick geht es um eine Reise in die Walachei“, beschreibt Vogel die Idee. „Hier gehen die Kinder auf eine Reise ins eigene Ich.“ So wird aus Leseförderung plötzlich Persönlichkeitsarbeit.

Große passen auf Kleine auf

Was im Klassenzimmer konzentriert beginnt, setzt sich in den Pausen ganz selbstverständlich fort. Die Jungen spielen Fußball, die Mädchen tanzen. Milena, Vika und Alica lassen es sich deshalb nicht nehmen, den anderen ihren Tanz vorzuführen. Es wird gelacht, gespielt und natürlich gegessen. Denn das Beste am ganzen Tag, da sind sich die Kinder ziemlich einig, sind die Pausen – und das Essen. Manche kommen morgens ohne Frühstück. Was sie aber alle verbindet: Sie lieben Pfannkuchen.

Überhaupt ist das Zusammenspiel bemerkenswert harmonisch. Die Gruppe ist groß, quirlig und bunt – und die Großen kümmern sich um die Kleinen. Genau dieses soziale Lernen ist ein Teil des Konzepts.

Auch Alex gehört dazu. Der Schüler befindet sich inzwischen in der Q-Phase und begleitet die Kinder beim Lesen. Vor vier Jahren saß er selbst noch in diesem Raum. In zwei Jahren macht er sein Abitur. Heute hilft er den Jüngeren. Schüler machen etwas für andere Schüler – für Haid ist das ein wichtiges Signal. Es zeige, dass an der Eichendorffschule darauf geachtet werde, „alle mit ins Boot zu holen“.

Für die Viertklässler ist das Camp gleichzeitig eine ganz besondere Brücke in die Zukunft. Sie lernen ihre neue Schule kennen, bevor der eigentliche Schulalltag beginnt. Alica hatte zunächst Angst davor. Alles schien größer, überall fremde Menschen. Jetzt kennt sie bereits einige Kinder und fühlt sich längst nicht mehr so verloren. Besonders das Tanzen mit Milena und Vika hat es ihr angetan.

Und vielleicht ist genau das der größte Erfolg des Camps: Aus Fremdheit wird Vertrautheit. Aus Unsicherheit wird Mut. Aus einzelnen Kindern wird eine Gemeinschaft.

Die Zahl der Flüchtlingskinder an der EDS ist inzwischen zwar zurückgegangen. In diesem Schuljahr gibt es noch zwei Intensivklassen. Doch die Herausforderung ist geblieben. Unter den Kindern sind weiterhin solche, die zunächst überhaupt lesen und schreiben lernen müssen.

Dass die Schule sich dieser Aufgabe auch in den Ferien stellt, ist für den Schuldezernenten des Main-Taunus-Kreises, Axel Fink, keine Selbstverständlichkeit. Das Sprachcamp sei „Kür und nicht Pflicht“. Die Schule müsse es nicht machen – sie tue es aber, weil sie aus Erfahrung wisse, dass gerade die langen Ferien die Sprachkompetenz zurückwerfen können, wenn zu Hause überwiegend die Muttersprache gesprochen wird. Fink ist seit 2022 für den Bereich Schulen im Main-Taunus-Kreis zuständig.

Damit das funktioniert, braucht es allerdings nicht nur engagierte Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch Geld. Das Land übernimmt rund zwei Drittel der Personalkosten für die zwei Wochen. Weitere Unterstützung kommt vom Rotary Club Kelkheim und der Stiftung „Kinder lachen“ der Taunussparkasse. Rotary begleitet das Projekt inzwischen seit sieben Jahren – die Unterstützung steht, so heißt es, bei jedem neuen Präsidenten auf der Agenda. Die Schule versteht diese Hilfe als das, was sie ist: eine Investition in die Zukunft.

Im Wasser geht es um Sicherheit

Eine ganz andere, aber nicht weniger wichtige Lücke versucht die Eichendorffschule mit dem inzwischen dritten Schwimmcamp zu schließen. Denn immer häufiger kommen Kinder in die fünfte Klasse, die nicht schwimmen können. Die Folgen der Corona-Jahre sind noch immer spürbar. Hinzu kommen fehlende Schwimmhallenkapazitäten und damit zu wenige Möglichkeiten für regulären Schwimmunterricht. Der Main-Taunus-Kreis versucht mit Angeboten wie dem Kreisschwimmbad gegenzusteuern. Für Axel Fink ist dabei auch die soziale Frage entscheidend: Das Familieneinkommen beeinflusse, ob Kinder die Möglichkeit bekommen, Schwimmen zu lernen.

Im Kelkheimer Freibad herrschten in diesem Jahr dafür perfekte Bedingungen. Die Kinder konnten intensiv üben, Ängste abbauen und vor allem Erfolge feiern. Das Seepferdchen wurde ebenso erreicht wie die Schwimmabzeichen in Bronze und Silber.

Damit solche Angebote überhaupt stattfinden können, braucht es wiederum Partner. Auch in diesem Jahr überreichte die Deutsche Vermögensberatung einen Scheck über 2.500 Euro für das Schwimmcamp. Für Schulleiter Haid ist diese Unterstützung von großer Bedeutung: Ohne die finanzielle Hilfe wäre vieles nicht möglich.

Schon im vergangenen Jahr hatten 15 angehende Fünftklässler teilgenommen; fünf von ihnen waren damals noch Nichtschwimmer. Am Ende hielten die fünf das Seepferdchen in den Händen, weitere Kinder schafften Bronze oder Silber.

Was auf den ersten Blick wie zwei völlig unterschiedliche Ferienangebote aussieht, folgt damit demselben Gedanken. Beim einen Kind geht es darum, einen Text zu verstehen. Beim anderen darum, sich über Wasser zu halten. Hier muss ein Kind zunächst Buchstaben zu Wörtern zusammensetzen, dort muss es lernen, dem Wasser zu vertrauen. Beides bedeutet: Sicherheit gewinnen. Selbstvertrauen entwickeln. Eine neue Welt erschließen.

Und vielleicht ist deshalb der wichtigste Satz über die beiden Camps gar keiner über Deutsch oder Schwimmen. Sondern einer über Gemeinschaft.

Denn Bildung bedeutet an der Eichendorffschule in diesen Ferien nicht nur, etwas zu können, was man vorher noch nicht konnte. Bildung bedeutet auch, zu erleben: Ich kann etwas schaffen. Ich bin nicht allein. Und ich gehöre dazu.



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