Kelkheim (ju) – Man rieb sich verwundert die Augen: Schon am frühen Sonntag strömten die Menschen in Scharen durch die Straßen Kelkheims, als hätte die ganze Stadt beschlossen, an diesem Tag nur eines zu tun – gemeinsam zu feiern. Familien mit Kinderwagen, Jugendliche mit Eis in der Hand, ältere Paare, die gemütlich durch die Frankfurter Straße schlenderten, dazwischen Musik, Lachen und der Duft von internationalen Spezialitäten. Kelkheim lebte – und wie.
Unter dem Motto „Viele Nationen – eine Stadt“ verwandelte sich die Innenstadt in einen bunten Treffpunkt der Kulturen, der Begegnungen und der Lebensfreude. Überall wurde getanzt, gesungen, ausprobiert und gelacht. „So voll habe ich die Stadt lange nicht mehr gesehen“, sagte eine Besucherin staunend, während vor einer Bühne ausgelassen mitgeklatscht wurde. Und tatsächlich: Egal, wohin man blickte – überall war Bewegung, überall war Stimmung.
Farben, Klänge und Geschichten aus aller Welt
Besonders eindrucksvoll präsentierte sich der Ausländerbeirat, der mit viel Herzblut verschiedene Kulturen sichtbar machte. Menschen aus Eritrea, Indien, Afghanistan, Chile und der Ukraine zeigten traditionelle Trachten, Tänze und Musik. Farbenprächtige Stoffe leuchteten in der Sonne, kunstvolle Muster erzählten Geschichten von Herkunft und Tradition.
Immer wieder blieben Besucher stehen, stellten Fragen oder ließen sich erklären, wann bestimmte Gewänder getragen werden und welche Bedeutung Farben oder Stickereien haben. „Unsere Kleidung erzählt, wer wir sind“, erklärte eine Teilnehmerin lächelnd. Genau darin lag die besondere Kraft dieses Tages: Kulturen wurden nicht nur präsentiert – sie wurden geteilt.
Mitmachen ausdrücklich erwünscht
Das Stadtfest war aber nicht nur ein Fest zum Zuschauen, sondern vor allem eines zum Mitmachen. An nahezu jeder Ecke warteten Aktionen darauf, ausprobiert zu werden. Kinder und Erwachsene versuchten sich beim Dartspielen, testeten ihre Treffsicherheit beim Blasrohrschießen oder griffen neugierig zum Schläger, um einmal auszuprobieren, wie Padel-Tennis eigentlich funktioniert.
Richtig rund ging es vor dem Body Street Studio. Dort sorgte ein wilder mechanischer Stier für jubelnde Zuschauer und lachende Kinder. Gegen einen kleinen Obolus durften die jungen Besucher ihr Gleichgewicht testen und sich möglichst lange im Sattel halten. Das Besondere daran: Der gesamte Erlös wird von Chef Igor Feldmann an das Tierheim gespendet – und nicht nur das. Feldmann verdoppelte die Summe kurzerhand aus eigener Tasche. „Wenn Kinder Spaß haben und damit gleichzeitig etwas Gutes tun, ist das doch perfekt“, sagte er gut gelaunt.
Kleine Helden ganz groß
Während am unteren Ende der Frankfurter Straße die Vielfalt der Kulturen gefeiert wurde, kämpften in der Fußball-Arena die Nachwuchskicker um den Titel des Stadtmeisters. Mit großem Ehrgeiz, lautstarker Unterstützung von Eltern und Freunden und jeder Menge Emotionen lieferten sich die jungen Talente spannende Spiele. Am Ende durfte die E1 der SG Kelkheim jubeln: Stolz reckten die Spieler den Pokal in die Höhe – eine Trophäe, die der berühmten WM-Trophäe nachempfunden war und entsprechend glänzende Kinderaugen verursachte.
Auch die Hilfsorganisationen machten das Stadtfest zu einem Erlebnis mit Mehrwert. Bei der Feuerwehr konnten selbst die Kleinsten mit einem Handlöscher ein „riesiges“ Feuer bekämpfen – natürlich unter sicherer Anleitung. Daneben übten Kinder bei den Maltesern spielerisch die Herz-Druck-Massage. „Früh üben kann Leben retten“, erklärte eine Helferin, während kleine Hände konzentriert auf eine Übungspuppe drückten.
Viele Besucher nutzten außerdem die Gelegenheit, beim DRK einmal selbst zu erleben, wie schwierig der Alltag im Rollstuhl sein kann. Über kleine Hindernisse fahren, Bordsteine überwinden oder enge Kurven meistern – plötzlich wurde spürbar, welche Herausforderungen Menschen mit Einschränkungen täglich bewältigen müssen. „Man bekommt sofort einen ganz anderen Blick darauf“, meinte ein Besucher nachdenklich.
Ein Fest, das verbindet
Neben all der Unterhaltung setzte das Stadtfest auch wichtige Zeichen. Unter dem Titel „Alles hängt im Kopf – auch Rassismus“ lud eine Mitmachaktion dazu ein, Gedanken und Botschaften gegen Ausgrenzung aufzuschreiben und an einem symbolischen Kopf zu befestigen. Schnell entstand daraus ein eindrucksvolles Bild voller Wünsche nach Offenheit, Toleranz und Zusammenhalt.
Auch die Sicherheitsberater für Senioren hatten alle Hände voll zu tun. Viele Menschen informierten sich über die neuesten Betrugsmaschen von Kriminellen. Jürgen Moog berichtete, dass gerade ältere und alleinlebende Menschen immer häufiger Ziel von Betrügern würden. „Wir müssen neue Wege finden, die Menschen zu erreichen – besonders diejenigen, die selten unterwegs sind“, erklärte er. Aufklärende Briefe könnten helfen, viele der Fälle zu verhindern, die immer wieder Schlagzeilen machen.
Musik, Genuss und ganz viel Lebensfreude
Vor den Bühnen wurde derweil ausgelassen getanzt und mitgesungen. Mal erklangen internationale Rhythmen, mal rockige Klassiker oder moderne Hits. Kinder saßen auf den Schultern ihrer Eltern, Freunde prosteten sich mit einem Glas Äbbelwoi zu und überall lag diese besondere Mischung aus Sommer, Musik und Leichtigkeit in der Luft.
Großer Andrang herrschte natürlich auch bei der traditionellen Äbbelwoi-Stadtmeisterschaft. Andreas Skrowonek verteidigte erfolgreich seinen Titel und wurde erneut Stadtmeister 2026. Platz zwei ging an Eric Bratz, den jüngsten Teilnehmer und hoffnungsvollen Nachwuchskelterer. Rudolf Ackerstaff und Andreas Schmidt sicherten sich – auch dank ihrer auffälligen Hüte kaum zu übersehen – den dritten Platz. Laudator Stefan Thalheimer führte charmant und humorvoll durch die Siegerehrung.
Und wer zwischendurch eine Pause brauchte, fand überall in der Stadt kulinarische Verlockungen: Internationale Spezialitäten, süße Leckereien, regionale Klassiker – das Stadtfest war auch ein Fest für Genießer. Dazu luden die geöffneten Geschäfte zum entspannten Bummeln und Shoppen ein.
Als am Abend langsam die Musik leiser wurde und die letzten Besucher zufrieden den Heimweg antraten, blieb ein Gefühl zurück, das sich schwer in Worte fassen lässt. Vielleicht war es Stolz. Vielleicht Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass sich Organisator Sascha Weiß und die Stadt zusammengetan haben und ein Fest auf die Beine gestellt haben, wie es die Kelkheimer lange nicht gesehen haben. Dankbarkeit dafür, dass Kelkheim trotz aller Nörgelei einiger weniger, immer wieder beweist, was ihn ihm steckt. Und Dankbarkeit dafür, dass die Kelkheimer, aber auch unsere Gäste, es verstehen, das Leben zu feiern. Vor allem aber die Gewissheit, dass dieses Stadtfest gezeigt hat, wie toll eine Stadt sein kann, wenn Menschen gemeinsam feiern, lachen und aufeinander zugehen.
Oder wie es eine ältere Besucherin beim Verlassen der Frankfurter Straße treffend sagte: „Heute hat sich Kelkheim ein bisschen wie die schönste kleine Welt überhaupt angefühlt.“
Liebe, Verständnis, mehr Herz – das waren die Wünsche der Besucher.Fotos: J. Ulbricht


