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Burg als Lernort für Geschichte deutscher Demokratie

Von links: Stadtverordnetenvorsteher Alexander Freiherr von Bethmann, Referent Dr. Alexander Jehn, Christoph Schlott und Bürgermeister Leonhard Helm freuten sich über den gelungenen Auftakt der neuen Veranstaltungsreihe „Königstein-Demokratie“. Foto: Krüger

Königstein (sk) – Braucht die Erinnerungskultur in Deutschland Denkmäler oder Gedenkstätten der deutschen Demokratiegeschichte? Kann die Festungsruine in Königstein überhaupt eine Gedenkstätte werden für deutsche Demokratiegeschichte? Funktioniert die Burg gar als Lernort? Wenn ja, welche Inhalte können dort in welcher Form vermittelt werden?

Mit diesen Fragen setzte sich der Direktor der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, Dr. Alexander Jehn, vergangenen Sonntag im Haus der Begegnung auseinander. Anlass war der Auftakt zur neuen Veranstaltungsreihe „Königstein-Demokratie“, die der Historiker Christoph Schlott, Leiter des gleichnamigen Projektes und Vorsitzender des Vereins Terra Incognita e.V., ins Leben gerufen hat.

Wer von den 30 Gästen, darunter Bürgermeister Leonhard Helm, Stadtverordnetenvorsteher Alexander von Bethmann und Stadtverordnete Dr. Bärbel von Römer-Seel, erwartete, dass Dr. Jehn mit seinem Vortrag zum Thema „Schule, Bildung, Erlebnis – Festung Königstein“ ein Konzept vorlegte zur Nutzung der Burg als Lernort für deutsche Demokratiegeschichte, der wurde zwangsläufig enttäuscht. Er stehe für die politische Bildung und die Vermittlung ihrer Inhalte, erklärte der Referent.

Festung gleichermaßen Denkmal und Ort für lebendigen Dialog

In diesem Sinne freue es ihn, dass in Königstein darüber diskutiert werde, die Festungsruine gleichermaßen als Denkmal wie als Ort zu begreifen, an dem junge und ältere Menschen an ihre demokratischen Wurzeln erinnert werden und wo ein lebendiger Dialog über die Geschichte der Demokratie entstehen kann. „Wir brauchen Denkmäler, um über sie in die Diskussion zu gelangen“, fasste Dr. Jehn zusammen. So könne sich eine Erinnerungskultur entwickeln und festigen. Und gerade in unserer Erinnerungskultur müsse es einen würdigen Platz für unsere Freiheits- und Demokratiegeschichte geben, so der Referent.

Fraglich sei, ob die Festungsruine in Königstein dieser Erinnerungskultur dienen könne. Immerhin sei sie für die ersten Demokraten in den Jahren 1793 bis 1795 ein Gefängnis gewesen. Und Gefängnisse seien für gewöhnlich keine Orte, an denen man empathisch glühend für die Demokratie schwärme, gab Dr. Jehn zu bedenken. Aber die Faszination, die von der Festungsruine ausgehe, dürfe man auf keinen Fall unterschätzen. Gerade für die jüngere Generation strahle die Burg einen Erlebnischarakter mit Abenteuer und Action aus, den man hervorragend nutzen könne als Plattform für die demokratische Bildung. „Schaubilder, Schaukästen und Ausstellungen zum Thema Demokratie gibt es viele. Die will aber keiner mehr sehen, da sie old school sind“, stellte Dr. Jehn provokant fest. Er plädiere für modernere Wege und Ideen, um insbesondere die jungen, digital hervorragend vernetzten Menschen zu motivieren, über Demokratie nachzudenken und darüber zu diskutieren.

„Demokratie ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr“, mahnte der Referent. „Demokratische Bildung ist unbedingt notwendig“. Vorstellbar sei für ihn die Burg als Kulisse für ein modernes „Demokratieerlebnis“, beispielsweise in Form einer freien Rede im Halbrund. Bürgermeister Leonhard Helm zog die Parallele zum „Speekers Corner“ und bezeichnete den Prozess, einen Ort zur öffentlichen Diskussion zu schaffen, als äußerst spannend. Vorstellen könne sich der Referent sogar eine Sommeruniversität für die freie Rede.

„Wir brauchen Orte, an denen wir Menschen zusammenbringen, die dort Demokratie lernen und üben können. An diesen Orten können wir Begeisterungsfähigkeit für Demokratie schaffen“, fasste Dr. Jehn seine Vision zusammen.

Ein Zuhörer wendete ein, dass man bei der Errichtung eines Erinnerungs- und Lernorts für die Demokratie auf der Burg nicht die „blutrünstigen Jakobiner“ vergessen dürfe, denn diese „seien allesamt Verbrecher gewesen“. Dr. Jehn und Christoph Schlott sprachen sich gemeinsam für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Geschichte aus, die vorrangig einem Aufklärungsauftrag folgen müsse.

Der Referent wies darauf hin, die Themen der Französischen Revolution seien auch heute noch aktuell und führte zahlreiche Belege dafür an, warum es durchaus Sinn mache, über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu sprechen, allerdings nicht mehr in Museen, in denen Artefakte gezeigt werden, sondern an authentischen Orten wie der Burg in Königstein.

„Was wäre, wenn man einen Poetry Slam zur freien demokratischen Rede auf der Burg veranstaltet?“, schlug Christoph Schlott vor. Oder man vermittele Schülern das Erlebnis eines Gefängnisses auf der Burg um das Jahr 1793, verbunden mit der Erkenntnis, dass die Menschen damals für ihren Freiheitsanspruch und für die Demokratie in den Knast gegangen sind. Wichtig ist nach Ansicht Dr. Jehns, dass wir die prägenden und hoffnungsvollen historischen Ereignisse unserer Freiheits- und Demokratiegeschichte positiv darstellen und dies als Chance begreifen, die Wehrhaftigkeit unserer Demokratie zu stärken.

Ein Zuhörer erinnerte daran, die Burg könne nicht isoliert betrachtet werden, sondern nur als ein Baustein auf dem Weg zur Demokratie. Daraus formten sich weitere Ideen nach der Einbindung der Villa Rothschild als „Haus der Länder“. Weiterführend stellte sich die Frage nach einer Vernetzung aller Orte deutscher Demokratiegeschichte.

Aus der Geschichte heraus über Geschichte sprechen

Hier räumte der Direktor der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung ein, es gebe leider (noch) keine Demokratielabore oder -werkstätten, wo Demokratie aus ihrem geschichtlichen Kontext herausgelöst und in ihrem aktuellen Bezug analysiert werde. Aber gerade deshalb schätze er die Festungsruine als „emotionale Empfindungsstätte“, die das Potenzial habe, Menschen zusammenzubringen, um Geschichte und Demokratie zu lernen und um zu begreifen, dass es früher anders war. Dafür bedarf es nicht einmal größerer Umbaumaßnahmen, so die Einschätzung des Referenten.

Eine junge Zuhörerin formulierte treffend den schön klingenden Satz „aus der Geschichte heraus über die Geschichte sprechen“ und traf damit den Kern des Anliegens des Projektes „Königstein-Demokratie“.

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