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„Wenn Gott ein Schwarzer wäre...“

Königstein (aks) – „Ragtime sei die Musik, zu der Gott tanzt, wenn man ihn nicht sieht, die Musik, wenn Gott ein Schwarzer wäre“, so lautet das Schlusswort des großen Ragtime-Interpreten Marcus Schwarz, der ansonsten politisch korrekt selbstverständlich nur das Wort afroamerikanisch an diesem Abend gebrauchte. Sein Programm war höchst anspruchsvoll, er selbst wirkte hoch konzentriert und spielte ohne Noten diese vermeintlich locker leichte und vor allem beschwingte Musik vom Anfang des 20. Jahrhunderts: Ragtime, also wörtlich Lumpensammler-Musik, das war die ironische Bezeichnung der ersten afroamerikanischen Musiker selbst, die als Wegbereiter des Blues und Jazz diese Musik studierten und in der Lage waren, sie in Noten aufzuschreiben. Es handelte sich um die erste Generation der freien Afroamerikaner, deren Eltern noch Sklaven waren.

Schwarz und weiß

Bis zur Anerkennung und Wertschätzung als „Entertainer“ war es meist ein langer steiniger Weg. Mit bitterem Ernst bemerkt Schwarz, der am Mikrofon ein guter Erzähler der vielen Geschichten ist, dass nicht Scott Joplin den Oscar für seinen „The Entertainer“ bekam, sondern ein weißer Arrangeur. Das Thema Schwarz und Weiß zog sich durch den Abend. Alle Ragtime-Musiker waren Afroamerikaner und so war der Ragtime deutlich geprägt von afrikanischen Einflüssen, Spirituals und Blues sowie auch von Klezmer und klassischen Musikelementen.

Die „junkmen“, wie sie sich auch nannten, hielten der reichen Luxusklasse humorvoll den Spiegel vor. Viele „Weiße“ ließen sich ab 1910 in den großen Städten wie New York und Chicago vom Rag-Fieber anstecken. Den „armen Schluckern“ sollte diese Musik Mut machen und manchmal auch vergessen lassen, wer und wo man war. Ragtime wurde zur Tanzmusik für eine neue Welt – ohne Rassendiskriminierung. Tanzen war um die Jahrhundertwende in der Öffentlichkeit verpönt, doch mit der „swinging“ Musik des Ragtime dauerte es nicht lange, bis sich die Tanzsäle, die „Ballrooms“, mit tausenden von Gästen füllten. Das bekannteste Tanzpaar dieser Zeit waren Vernon und Irene Castle, für die James R. Europe mehrere Stücke komponierte, nicht nur den „Hawaiian Waltz“ sondern auch den „Lahmen Ententanz“, der damals sehr populär war. Verfilmt wurde ihre Geschichte mit Fred Astaire und Ginger Rogers – nur Weiße spielten in diesem Film eine Rolle.

Klavier und Geige

Der „King of Ragtime“, Scott Joplin, sei ein bescheidener Mensch gewesen, der auf Spaziergängen seine Inspiration fand. Er schuf eine Musik „mit großer Tiefe durch bittersüße Melancholie“ und gilt heute als einer der größten Komponisten der USA. Joplin, von dem man nicht genau weiß, wann er geboren wurde, wahrscheinlich 1868, durfte schon als kleiner Junge auf dem Klavier einer weißen Familie klimpern, spielte auch Geige und profitierte später während seiner Musikausbildung von deutschen Lehrern und wurde Komponist im europäischen Sinne.

Zwei Opern zählen zu seinen Werken, die erste wurde mitsamt Noten Opfer eines Finanzbetrügers – es gibt bis heute keine Spuren davon. Die zweite, „Treemonisha“, wurde 1915 im Lincoln Theater in Harlem mit Joplin am Klavier quasi konzertant aufgeführt und fand keine Anerkennung – angeblich waren nur 17 Zuschauer dabei. Erst ab 1972 wurde diese vergessene Oper wieder aufgeführt mit großem Erfolg. Als Zugabe am Ende gibt Schwarz eine kleine Kostprobe dieses interessanten Musikstücks.

Blues und Ragtime

Viel Tanzmusik gehörte zum Programm von Marcus Schwarz – was heiter und leicht klingt, ist doch künstlerisch eine Herausforderung. Einen Walzer „Pleasant Moments“ spielt er mit der linken Hand im typischen Dreivierteltakt, mit der rechten aber im Sechsachteltakt. Das Stück von William Christopher Handy erzählt von einer alten Dampflok „Ole Miss Rag“. „Das ist weder Blues noch Ragtime im klassischen Sinn – es ist ein heiterer Blues und ein melancholischer Ragtime“, so kommentiert es Schwarz. Das „Stop and Go“ der Eisenbahn, die Signalgeräusche, den „Shuffle“ konnte man heraushören. Das Thema „unterwegs sein“ habe auch eine religiös-geschichtliche Bedeutung für die meisten Afroamerikaner, so erläuterte es Schwarz und wieder ist man tiefer verbunden mit der Musik. „Solace“ ist ein Tango, der Trost spenden soll, mit einer märchenhaft anmutenden Stimmung, einfühlsam elegisch gespielt von Schwarz, der die Vielseitigkeit des Ragtime virtuos in Klänge umsetzt - zur großen Freude des Publikums, das ihm lautstark Begeisterung zollt. In atemberaubendem Tempo arbeitet sich der Pianist durch die Stücke, er beherrscht die ganze Klaviatur dieser Musikepoche perfekt – und präsentiert einen authentischen klangvollen „Melting pot“. Die Fröhlichkeit ist mitreißend und manch einer spürt ein leichtes Kribbeln in den Füßen.

Marcus Schwarz plaudert vom Leben der afroamerikanischen Musiker, die sich ihren Lebensunterhalt teils sauer verdienten und durch Bars und Vaudeville-Theater auch in Europa tingelten, teils mit 100 Musikern, und erweckt ihre Persönlichkeiten zu neuem Leben.

Rent-Partys und Swing

Um die Miete bezahlen zu können, veranstalteten viele Musiker „Rent-Partys“ in New York und anderen Großstädten. Man stellte einen Pianisten an und lud Freunde und Bekannte zu sich ein, die Eintritt zahlten. Mit dabei George Gershwin, dessen Vorbild Luckeyth Roberts war. Er, Eubie Blake, Charles Cooke und Europe, der im Ersten Weltkrieg abstürzte, prägten die Musik bis in die Zwanziger Jahre, Glenn Miller folgte ihnen in der Tradition des „Swing“.

Mit wippenden Füßen lauschte das HdB-Publikum andächtig dem virtuosen Piano-Vortrag von Marcus Schwarz, aufgelockert durch bunte Geschichten aus einer Zeit vor 100 Jahren, mit der er die überbordende Lebenslust des Ragtime quicklebendig werden ließ. Und als Zugabe ertönte dann doch noch der hinreißende Ohrwurm aus dem Film „Der Clou“ (Originaltitel „The Sting“), das Glanz- und Paradestück des Ragtime „The Entertainer“, den man am liebsten fröhlich mitgeträllert hätte.

Marcus Schwarz, der große Ragtime-Interpret, erweckte im HdB Scott Joplin zu neuem quirligen Leben am Steinway-Flügel und am Mikrofon.
Foto: Sura

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