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Hessisches Volkstheater mit „Der Anecker“ zu Gast

Trotz aller Irren und Wirren, die schließlich doch noch einen glimpflichen Ausgang nahmen, gab es letztlich noch ein „Happy End“. Foto: Schnurawa

Königstein (js) – Es ist schon immer wieder ein Theatererlebnis der ganz besonderen Art, wenn sich das hessische Volkstheater in der von Familie Haub zur Verfügung gestellten Werkstatt die Ehre gibt. Wer Theater einmal nicht im klassischen Sinne, sondern stattdessen mal in einem etwas anderen Ambiente erleben wollte, dürfte bei dieser Vorstellung jedenfalls goldrichtig gewesen sein. Einmal jährlich lässt die Kulturgesellschaft in der Dachdeckerwerkstatt von Familie Haub für drei Abende sprichwörtlich die Puppen tanzen, wobei es natürlich auch immer ordentlich was zu Schmunzeln gibt. „Hier sind Sie richtig“, wies ein Schild den Ankommenden bereits passender Weise den Weg. Es sei schon ein wichtiger Beitrag für die Städte und Kommunen, dass ehrenamtliche Arbeit geleistet werde, so Almut Boller, Vorsitzende der Kulturgesellschaft, die es auch nicht versäumte eine kurze Begrüßungsansprache zu halten. Dabei appellierte sie vor allem auch an die Besucher den Verein zu unterstützen. Man sei zwar nur ein kleiner Verein, aber es gebe dafür sehr viele aktive Helfer, die nach Leibeskräften mitanpackten und so zum Erhalt des Vereins beitrugen. Dennoch seien Spenden natürlich immer herzlich willkommen. Kaum jedoch war die Begrüßung beendet, da fiel denn auch schon der Vorhang für den „Anecker“ und auf der Bühne wurde für den Zuschauer ein kleiner, für die 1950er-Jahre typischer Schusterladen wahrnehmbar, der bei so manchem wohl ein leicht nostalgisches Gefühl aufkommen ließ. Im Mittelpunkt befand sich eine Theke mit einer alten Kassenmaschine, während links davon in beeindruckender Weise unzählige Schuhe und altes Handwerkszeug zu bestaunen waren. Ein wenig ungewöhnlich durfte für manch einen hingegen die kleine Essecke rechter Hand angemutet haben, die mit unserer heutigen Vorstellung von einem Schustereibetrieb so gar nicht mehr konformgehen, aber dennoch damals gar nicht allzu ungewöhnlich gewesen sein durften.

Alles andere als ungewöhnlich schien die heftige Auseinandersetzung zwischen dem Schusterehepaar zu sein, das aufgrund eines wichtigen Kunden, nämlich dem Bürgermeister, ordentlich aneinandergeraten ist. Grund hierfür ist, dass die forsche und definitiv toughe Hausfrau Lene Anecker, den Bürgermeister in Schutz nimmt, als ihr Mann Franz seinen Unmut über den nicht zufriedenzustellenden Kunden zum Ausdruck bringt. „Ich bin ja nur ein einfacher Schuster“, blafft er erzürnt seine Gattin an, von der er sich eigentlich mehr Beistand erhofft hatte. Doch das ist bei der so selbstbewussten und forschen Schustergattin mitnichten der Fall. Sie ist alles andere als eine unterwürfige und bloß treusorgende Ehefrau, sondern vielmehr eine listige und auch ein wenig durchtriebene Person, die gerne auch mal ihren Mann aufs Korn nimmt. Es gibt da allerdings noch eine ganz andere Sache, die der pfiffigen Frau mit dem losen Mundwerk Kopfzerbrechen bereitet. Ihre Schwester Lisbeth schwärmt nämlich allzu sehr von dem Bürgermeister, was der großen Schwester Lene so gar nicht in den Kram passt. Mit List und Tücke versucht sie dieser auf den Zahn zu fühlen und siehe das kleine Schwesterchen gibt auch freimütig zu, dass sie dem Bürgermeister sehr zugetan ist.

Als große Schwester sieht sich die Schusterfrau in der Pflicht, diese doch eigentlich nicht so standesgemäße Liebschaft unter Kontrolle zu behalten und bringt dabei auch ganz deutlich im Beisein des Bürgermeisters ihre Ansicht zum Ausdruck. „Schuster bleib bei deinen Leisten und Du bei deinen Kartoffeln“, ermahnt sie die flirtende Schwester.

Ein anderer ebenfalls wichtiger Beobachter ist Schustergeselle Martin, der im Grunde seines Herzens zwar recht gütig ist, allerdings auch ein loses Mundwerk besitzt, was ihm schon des Öfteren mal zum Verhängnis wird. Dabei hat er als Außenstehender auch einen guten Überblick über die gesamten Familienverhältnisse, was Schustermeister Franz natürlich alles andere als angenehm ist. Sobald er etwas mitbekommt oder eine vertrauliche Vermutung von Franz erhascht, hat der Geselle nichts Besseres zu tun als dies auszuplaudern. Frei nach dem Motto „Saufen ist ein Geburtsfehler aber Klatschen ist ein Laster“, was er auch wörtlich kund tut, versucht er immer wieder das Vertrauen des Meisters zu gewinnen, da er nun eben einmal recht neugierig ist. Kommt es zu heftigen Streitereien zwischen den Ehepartnern versucht er schon auch mal einzuschreiten, wenn es gar zu turbulent wird und die beiden Kampfhähne im Zaum zu halten.

Denn beide Eheleute sind sehr impulsiv und temperamentvoll, was des Öfteren eine Vermittlung erforderlich macht, auch zuletzt als die verzweifelte Ehefrau keinen anderen Ausweg mehr sieht und ihre sieben Sachen packt, wobei ihr auch kurzerhand das kleine, eher zurückhaltende Schwesterchen folgt. Der hocheifersüchtige Ehemann, der sich zunehmend als gekränkter und in seiner Eitelkeit verletzter Mann entpuppt, vermutet nämlich, dass nicht seine Schwägerin eine Liebschaft mit dem Bürgermeister hat, sondern seine Ehefrau. Somit entwickelt sich das Familienoberhaupt zu einem wahren Ekel, was allerdings auch kein Wunder ist, in Anbetracht des etwas stichelnden Verhaltens seiner Frau. Denn statt das Missverständnis aufzuklären, lässt sie ihn augenscheinlich nicht gerade ungern in dem Glauben, dass ihr der Bürgermeister Avancen macht. Damit will die sich nicht genug wertgeschätzt gefühlte Ehegattin ihrerseits ein Stück weit auch beweisen, dass sie auch in ihrem Alter durchaus noch reizvoll sein kann, was gerade ihr Mann bisweilen nicht wahrzunehmen scheint. So hält er ihr beispielsweise Alterserscheinungen wie Falten oder Krähenfüße vor.

Andererseits beweist der Hesse mit seiner etwas übertriebenen Eifersucht auch, dass ihm Lene überaus wichtig ist, auch wenn in seinem Übereifer schon mal das Temperament mit ihm durchgeht. Dabei schreckt der in seiner Ehre Verletzte auch nicht davor zurück den Bürgermeister mit einer Flasche zu bedrohen, was glücklicherweise noch durch das beherzte Eingreifen des Gesellen verhindert werden kann. Doch gerade diese Eigenschaften machen ihn aber auch bei seinem Publikum beliebt.

Und wenn es auch immer wieder Momente der Wutausbrüche in „ Der Anecker“ gibt, so sind da auch gleichzeitig Momente, in denen die losen Sprüch‘ der Schauspieler für eine ganz frappierende Auflockerung sorgen. So war es denn auch kein Wunder, dass man aus dem Publikum so dann und wann ein Kichern vernehmen konnte. Dass sich dann schließlich noch die so zugespitzte tragische Situation, die allein auf einem dummen Missverständnis beruht, in Wohlgefallen auflöst, dürfte für das Publikum zwar keine Überraschung gewesen sein, schafft aber mithin eine gewisse Abschlussharmonie nach einem längeren Spannungsbogen.

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