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Überfall auf Samt und Seide in Königstein

Hermann Groß offenbarte in seinem Vortrag dem Publikum im Dorfgemeindehaus Mammolshain verschiedene Kriminalfälle, die sich zur Zeit des Mittelalters auf der Reichsstraße durch den Taunus zutrugen. Foto: Fuchs

Mammolshain (efx) – Räuberische Überfälle, Mord und Tod auf Königsteins Straßen? Glücklicherweise sind diese kriminellen Taten nicht dem Hier und Heute zuzuordnen, sondern der Historie. Der Heimatverein Mammolshain fördert die Erhaltung heimatgeschichtlicher Vorgänge und Erlebnisse und so sammelte Königsteins Stadthistoriker Hermann Groß anhand alter Gerichtsakten und aus Quellen verschiedener Archive, geschichtliche Erlebnisse, die sich vor fast dreihundert Jahren auf der bedeutenden mittelalterlichen Reichsstraße, der „Hohe(n) Kölner Straße“, oder auch „Frankfurter Straß“ genannt, ereigneten, um diese im Mammolshainer Dorfgemeindehaus vorzutragen. Die „Fankfurter Straß“ führte von Frankfurt über Rödelheim, Schwalbach, Königstein, Mammolshain nach Köln und Aachen bis Flandern und in die Niederlande. Vielerorts passierten an der mittelalterlichen Reichsstraße, wie Hermann Groß es formulierte, „schlimme Sachen“. Die Vortragsgäste staunten während der Schilderungen nicht schlecht, wie rau die damaligen Zeiten für Reisende auf dem Weg nach oder durch Königstein waren. Sehr plastisch und in gewohnter Weise auflockernd amüsant, hatte der Stadthistoriker verschiedene, schriftlich noch heute nachzulesende Geschehnisse zusammengestellt, die die Zuhörer in die Zeit der Knechte, Mägde und Kaufleute zurückversetzte.

Die erwähnte „Hohe Kölner Straße“ war nicht ohne Grund sehr befahren, verband sie doch nicht nur Landschaften und Dörfer, sondern öffnete die Handelswege zwischen den bereits damals existierenden Wirtschaftsstandorten. Frankfurt war bereits im Mittelalter für seine Messe bekannt und über die Landesgrenzen beliebter Treffpunkt für Händler und Kaufleute, die auf diesen Messen ihre Waren zum Kauf anboten. Ob Samt, Seide, Schmuck, Besteck, Porzellan oder feine Herrenhemden mit Stickereien - jeder Kaufmann nahm den mitunter steilen und wirschen Weg durch den Taunus in Kauf, um in der Handelsstadt am Main Waren gegen Taler eintauschen zu können. Doch dies konnte, selbst bei Reisen im Konvoi und unter Geleit, mit dem Diebstahl der Waren oder sogar mit dem Tod enden. Mit den Worten „ich fange mal an“ hatte Hermann Groß denn auch gleich das passende Erlebnis parat, das sich hinter dem Städtchen Esch an den steilen Anstiegen durch die Wälder des Taunus zutrug. Ein Konvoi, beladen mit Kaufmannswaren vom Handelsplatz Antwerpen, war im Jahre 1575 mit zwei Packwagen, vier Karren und mehreren Knechten unterwegs, das Ziel Frankfurt vor Augen. Im kleinen Taunusstädtchen Esch befand sich die Grenze des Geleitbezirks und so musste der Leiter des Transports den ansässigen Schultheiß als Amtsperson aufsuchen und um neues Geleit bitten. Die Tiere wurden getränkt, er übernachtete im Gasthof und fuhr am nächsten Morgen gut gelaunt weiter. Doch kurz vor Glashütten ereignete sich dann das Unglück! „Achtzehn Leute, davon zwölf zu Pferde und sechs zu Fuß, versperrten den Weg“, berichtete der Stadthistoriker. Der Kutscher wurde kurzerhand vom Pferd gerissen, die Reisenden wurden übermannt und in Windeseile waren alle Güter geraubt. Auch wenn die Anwohner der angrenzenden kleinen Ortschaften sofort bei der Suche nach den Übeltätern halfen, blieben diese doch noch lange Zeit verschwunden. „Irgendwann hat man dann die Kerle dingfest gemacht“, hat Groß im Frankfurter Archive nachlesen können und erläuterte den Zuhörern, die den Räubern vom damaligen höchsten Gericht, dem sogenannten Reichskammergericht, zugewiesenen Strafen. „Alle wurden wegen Landfriedensbruch, Raub und Verstoß gegen das Geleit verurteilt, aber nicht zum Tode.“ Ein anderer Fall erhitzte die Gemüter des Publikums und der eine oder andere Kommentar aus den Reihen der Zuhörerschaft konnte durchaus vernommen werden. Ein Londoner Kaufmann mietete im Rheinhafen in Köln im Jahre 1651 mehrere Transportwagen, auf die er seine Kostbarkeiten des englischen Empires laden ließ. „Im Gepäck hatte er 2,5 Zentner Waren zum Verkauf auf der Frankfurter Messe bestimmt“, erklärte Hermann Groß, „darunter waren unter anderem Seidenstrümpfe, Frauenhandschuhe, bestickte Männerhemden und Silbermesser mit diversen Griffen.“ Zu Beginn der Reise war das Drama keineswegs vorhersehbar. Der Kaufmann und sein Fuhrmann nahmen jedoch – pikanterweise wieder in der Region zwischen Esch und Königstein – zwei Männer mit, die einige Zeit später über den englischen Kaufmann herfielen und ihn kurzerhand grausam töteten. Der Fuhrmann wurde kurze Zeit später in Frankfurt gesichtet und verhaftet, die beiden anderen Männer konnten auch dingfest gemacht werden. Während der Fuhrmann mit dem Leben davon kam, richtete man die Mörder mit der Guillotine. Der getötete Londoner Kaufmann wurde auf dem Königsteiner Friedhof beigesetzt. Groß erklärte authentisch und bezog sein Publikum auch schon während des Vortrags immer wieder mit in die Handlungsstränge ein. Zwischenfragen waren erwünscht und lockerten die Atmosphäre auch unter den Sitznachbarn, die sich den einen oder anderen Kommentar über die damaligen Zeiten zuweilen nicht verkneifen wollten. Allgemeines Schmunzeln im Publikum brachte die Anekdote, in der einem Käsehändler kurz vor Königstein die gesamte Wagenladung Käse gestohlen und diese kurz danach bereits nur einige Meter weiter verkauft werden sollte. Noch viele andere historisch fundierte Kriminalfälle in und um Königstein konnte man sich als Zuhörer im Mammolshainer Dorfgemeindehaus bildlich vorstellen.

Dabei half ganz besonders, dass Hermann Groß immer wieder genau erklären konnte, an welchen heutigen Örtlichkeiten die damaligen Ereignisse stattfanden. So hatte Königstein seit 1615 die Thurn und Taxis-Posthalterei in der Mitte der Fußgängerzone, gegenüber der heutigen Buchhandlung Millennium. Dort fanden sich nicht nur Postboten aus Mainz oder Hofheim ein, auch sogenannte Vorspanndienste der Königsteiner Bauern wurden hier gegen Geld angeboten. Darüber verdienten sich die Königsteiner ein kleines Zubrot und auch hier passierte so mach spannende Geschichte. Das Interesse an den damaligen Ereignissen ebbte auch nach Vortragsende nicht ab. Man diskutierte und tauschte sich aus. Nicht nur der geschichtlich Interessierte kam an diesem Nachmittag auf seine Kosten, jeder lernte die Historie seiner Heimat wieder ein Stück weit besser kennen.

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