50 Jahre Stadtbibliothek: Der wichtige dritte Ort

Das „tolle Bibliotheksteam“ würdigte Bürgermeisterin Beatrice Schenk-Motzko (hinten r.) zum Jubiläum gerne (v.l.): Penny Gress, Regina Chudej, Leiterin Jana Beier und Christina Bräutigam. Foto: Schramm

Königstein (as) – Als das offizielle Eröffnungsdatum der Königsteiner Stadtbücherei gilt der 6. November 1976. Ganz so einfach ist es mit dem Datum nicht, denn zu diesem Zeitpunkt gab es bereits mehrere parallel laufende städtische und kirchliche Bibliotheken im Stadtgebiet, die nach und nach zusammengeschlossen und an einem Ort vereinigt wurden (mehr zur Historie unten).

Deshalb musste es die Stadt mit ihrer offiziellen Jubiläumsfeier zum 50. Geburtstag nicht ganz so genau nehmen. „Wir haben das Datum ein wenig verpasst, aber mit dem Tag der offenen Tür wäre es im November auch schwierig geworden“, sagte Jana Beier, die junge Leiterin der Stadtbibliothek zur Begrüßung am Samstagvormittag.

Da hatten sich zur frühen Stunde um 10.30 Uhr, das Programm sollte bis 16 Uhr dauern, bereits zahlreiche Königsteinerinnen und Königsteiner aller Altersklassen zusammengefunden, nutzten ihren „Dritten Ort“ neben dem Zuhause und Arbeit bzw. Schule zum Schmökern, Bücherleihen, an diesem Tag auch zum Bemalen von Tellern und Tassen sowie zum Gestalten und Pressen von Buttons. Leselust, der Förderverein der Stadtbibliothek, hatte bereits seine gut bestückte Kuchentheke aufgebaut, und es gab eine Tombola mit wertvollen Preisen sowie ein Bücher-Suchspiel mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Bis zum Nachmittag waren mehr als 300 Interessierte gekommen.

Es passte ins Bild des Wohlfühlorts Stadtbilbliothek, dass sich nicht jeder von dem kleinen offiziellen Teil ablenken ließ. Jana Beier und Bürgermeisterin Beatrice Schenk-Motzko dankten dem engagierten, „wunderbaren“ Bibliotheksteam mit Blumen und Worten. 50 Jahre Stadtbibliothek seien „50 Jahre Bücher, Geschichten, Begegnung“, so die Bürgermeisterin. Und „50 Jahre Menschen, die stöbern, lesen und sich inspirieren lassen“. Die Stadtbibliothek sei ein „fester Bestandteil der Stadtgesellschaft“ geworden. Nach dem Aufbau unter der jahrzehntelangen Leiterin durch Hildegard Berberich wurde die Bibliothek unter deren Nachfolgerin Simone Hesse zu einem kulturellen Treffpunkt, wozu auch die Unterstützung des Fördervereins Leselust beigetragen habe. Schenk-Motzko erinnerte auch an die schwere Phase der Corona-Jahre, wo Hesse „Bücher to go“ erfunden habe, in einer Zeit, in der viele Menschen im Lockdown festsaßen. Und unter der neuen Leiterin Jana Beier sei die Weiterentwicklung zu einem „Dritten Ort“ weitergetrieben worden – „zu einem Ort, an dem man nicht nur ein Buch abholt, sondern an dem man auch Freunde findet und an dem man bleiben darf“. Auch von Schülern wird die Bibliothek in Freistunden wie auch am Nachmittag gerne als Lernort und zum Recherchieren genutzt, eher Ältere treffen sich zum Spieleabend, die Jüngsten werden etwa beim Bilderbuchkino in die Welt der Bücher eingeführt.

Selbstverständlich war auch die Politik Königsteins mit fast sämtlichen Fraktionen beim Jubiläum vertreten, aber nicht als Redner, nicht im Fokus, eher als Teile der Stadtgesellschaft. Michael-Klaus Otto, als Stadtverordnetenvorsteher Königsteins Erster Bürger, gab bereitwillig zu, ein „mittelbarer Leser“ zu sein, selbst noch nie ein Buch ausgeliehen zu haben. „Meine Frau bringt mir die Bücher mit, wir lesen fast jeden Abend vor dem Schlafengehen, wenn nicht gerade eine lange politische Sitzung ist.“ Aktuell lese er von Golo Mann „Der Nazistaat“. Das Werk sei so grauenhaft, dass er sich mit Krimis, „dagegen leichte Kost“, zwischendurch ablenken müsse. Wenn man dieses Werk vor Wahlentscheidungen lese würde, würden die Wahlergebnisse anders aussehen, ist Otto überzeugt. Und so kam das Thema einen Tag vor der Wahl in Sachsen-Anhalt wieder auf den absehbaren Erfolg der AfD im Kontext mit Bildung, Geschichtskenntnis, politischer Kultur und einem funktionierenden Wertesystemen zur Sprache. In diesem Sinne ist der Wert des Lesens und einer belebten Stadtbibliothek wie der in Königstein nicht hoch genug einzuschätzen.

Wie die heutige Bibliothek entstand

Seit 50 Jahren ist die Stadtbibliothek Königstein ein fester Bestandteil des kulturellen Lebens der Stadt. Sie ist heute weit mehr als ein Ort, an dem Bücher ausgeliehen werden: Sie ist Treffpunkt für Generationen, Lern- und Aufenthaltsort, Veranstaltungsraum und ein wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in Königstein. Ihre Geschichte reicht allerdings deutlich weiter zurück als bis zur offiziellen Gründung der Stadtbibliothek im Jahr 1976.

Die Anfänge nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Geschichte der heutigen Stadtbibliothek ist eng mit dem Namen Hermann Berberich verbunden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann sich auch in Königstein allmählich wieder ein geregeltes Büchereileben zu entwickeln. Im Jahr 1950 beauftragte der damalige katholische Pfarrer Geis Hermann Berberich mit der Betreuung der katholischen Pfarrbücherei.

Damit begann eine Entwicklung, die für das kulturelle Leben der Stadt von großer Bedeutung werden sollte. Aus der zunächst überschaubaren Pfarrbücherei entwickelte sich über die Jahre eine immer größere und vielfältigere Einrichtung.

Eine besondere Verbindung zur Bücherei hatte auch Hermann Berberichs Tochter Hildegard Berberich (sie verstarb 2025). Sie ist gewissermaßen mit den Büchern und der Bücherei Königsteins groß geworden. Sie war ab dem Alter von zehn Jahren zunächst Leserin, später Leiterin der Stadtbibliothek. Ihre persönliche Geschichte steht damit beispielhaft für die enge Verbindung vieler Königsteinerinnen und Königsteiner zu ihrer Bibliothek.

Vom Burgweg in die Georg-Pingler-Straße

Ein wichtiger Schritt erfolgte 1966. Die Bücherei zog aus dem ehemaligen katholischen Gemeindehaus im Burgweg in das neu errichtete Gemeindezentrum in der Georg-Pingler-Straße um. Mit den neuen Räumlichkeiten wuchs auch das Angebot. Immer mehr Bücher kamen hinzu, immer mehr Menschen nutzten die Bücherei. Bald zeigte sich jedoch, dass auch diese Räume irgendwann nicht mehr ausreichen würden.

Hermann Berberich suchte deshalb den Kontakt zum damaligen Königsteiner Bürgermeister Antonius Weber. Sein Anliegen war, die katholische öffentliche Bücherei mit der städtischen Kurbücherei zusammenzuführen. Denn es gab gleichzeitig nach 1945 eine Kurbibliothek im Kurhaus Villa Borgnis.

Die Idee dahinter war ebenso einfach wie zukunftsweisend: Durch eine Zusammenlegung konnten die Bestände gebündelt und den Bürgerinnen und Bürgern sowie den Gästen der Stadt an einem Ort ein deutlich breiteres Angebot zur Verfügung gestellt werden. Die unterschiedlichen Büchereien sollten sich nicht gegenseitig Konkurrenz machen, sondern sich ergänzen. Der Umzug der Bücher in die erste Etage des Luxemburger Schlosses erfolgte bereits im Jahr 1973.

Die Stadtbibliothek wird gegründet

Am 6. November 1976 war es schließlich so weit: Die Stadtbibliothek Königstein wurde offiziell aus der Taufe gehoben.

Damit begann mit einem Buchbestand von zunächst 3.000 Büchern die Geschichte der heutigen Einrichtung. Der Zusammenschluss bedeutete nicht nur eine organisatorische Veränderung, sondern schuf die Grundlage für eine Bibliothek, die sich in den folgenden Jahrzehnten kontinuierlich weiterentwickeln sollte.

Zwei Jahre später folgte bereits der nächste wichtige Schritt: 1978 schloss sich auch die evangelische Gemeindebücherei der Stadtbibliothek an.

Damit waren die wesentlichen Königsteiner Büchereibestände an einem Ort, im Luxemburger Schloss, zusammengeführt. Für die Leserinnen und Leser bedeutete dies eine größere Auswahl und ein umfassenderes literarisches Angebot.

Die Stadtbibliothek wurde zunehmend zu einem Ort, an dem sich unterschiedliche Interessen, Generationen und gesellschaftliche Gruppen begegneten.

Wie vielfältig die Bedeutung der Bibliothek ist, wurde bereits beim 40. Jubiläum deutlich. Unter der damaligen Leitung von Simone Hesse wurde die Geschichte der Bibliothek mit verschiedenen Veranstaltungen und Vorträgen erzählt. In jenem Jahr 2016 gründete sich der Förderverein Leselust, der bereits im April sein zehnjähriges Bestehen feierte.

2004: Ein neues Zuhause im ehemaligen Kaufhaus Kolb

Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Stadtbibliothek war der Umzug im Jahr 2004 in das ehemalige Kaufhaus Kolb.

Für die damalige Leiterin Hildegard Berberich war die Freude über die neuen Räume groß. Sie bezeichnete den neuen Standort später als ihr „Traumdomizil“.

Die großzügigen und luftigen Räume boten der Bibliothek völlig neue Möglichkeiten. Die Medien konnten angemessen präsentiert werden, und die Stadtbibliothek erhielt den Platz, den sie für ihre weitere Entwicklung benötigte. Inzwischen umfasst das Angebot mehr als 30.000 Medien. Dazu gehören längst nicht mehr nur Bücher. Zum Bestand zählen unter anderem Spiele, DVDs, CDs, CD-ROMs, Zeitschriften und weitere Medienangebote. Der Wandel vom klassischen Bücherverleih hin zu einer modernen Bibliothek wird damit sichtbar.

Mit den Jahren veränderte sich auch das Selbstverständnis der Stadtbibliothek. Unter Simone Hesse begann der Prozess, den die jetzige Leiterin Jana Baier konsequent fortführt. Natürlich bleibt die Ausleihe von Büchern und anderen Medien eine zentrale Aufgabe. Gleichzeitig wurde die Bibliothek immer stärker zu einem Ort der Begegnung.

Leserinnen und Leser kommen zum Stöbern, Schmökern und Ausleihen. Schülerinnen und Schüler nutzen die Bibliothek als Lernort. Familien entdecken gemeinsam Bücher und Spiele. Veranstaltungen bringen Menschen zusammen, die sich sonst vielleicht nicht begegnen würden.

Lesungen, Vorträge, Spieleabende, Silent Reading und weitere Veranstaltungen erweitern das klassische Bibliotheksangebot. Damit ist die Stadtbibliothek heute ein Ort für alle Generationen.

Verbindung von Tradition und Moderne

50 Jahre nach ihrer offiziellen Gründung steht die Stadtbibliothek Königstein damit für eine bemerkenswerte Entwicklung.

Aus der kleinen katholischen Pfarrbücherei, die nach dem Krieg wieder ein geregeltes Büchereileben aufbaute, wurde über die Zusammenführung verschiedener Büchereien im Jahr 1976 eine städtische Einrichtung. Der Beitritt der evangelischen Gemeindebücherei 1978, der Umzug in das ehemalige Kaufhaus Kolb 2004 und die stetige Erweiterung des Medienangebots waren weitere wichtige Stationen.

Heute verbindet die Stadtbibliothek Tradition und Moderne. Sie bewahrt Bücher und Geschichten, ermöglicht den Zugang zu Wissen und Information, unterstützt Kinder und Jugendliche beim Lesen und Lernen und bietet gleichzeitig Raum für Begegnung und kulturelles Leben. Die Stadtbibliothek Königstein ist deshalb nach 50 Jahren nicht nur eine Einrichtung mit einer langen Geschichte. Sie ist ein lebendiger Teil der Stadtgesellschaft.

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