„Burgmeeting“: Beim KLV läuft’s wieder

Auweia, schwitzend, ohne Mundschutz und Abstand ... aber anders geht es nicht. Für die wenigen Minuten oder Sekunden des Wettkampfes dürfen sich die Leistungssportler*innen nach den aktuellen Regeln selbstverantwortlich in diese Ansteckungsgefahr begeben, vor dem Startschuss und nach der Ziellinie gehen sie wieder getrennte Wege. Aufgereiht wie Perlen auf der Schnur – stets bereit, den Vordermann im günstigen Moment noch zu überholen und ihm die berühmte Zehntelsekunde voraus zu sein – messen sich hier (von vorne) Max Grabosch vom KLV, Yassin Mohumed (LG Olympia Dortmund) sowie der neue U18-Hessenrekordler Christoph Schrick (ASC Darmstadt), hinter ihm WM-Teilnehmer Marc Reuther (LG Eintracht Frankfurt) und weitere „Mitläufer“ in der Distanz 1.500 Meter auf der Sportanlage „Altkönigblick“. Fotos: KLV

Königstein (hhf) – „Ja wo laufen sie denn?“ – der bekannte Loriot-Spruch hat seit den Einschränkungen durch das Coronavirus die Spitzensportler der Leichtathletik-Szene und deren Verbände in leicht abgewandelter Form ernsthaft beschäftigt, die alles entscheidende Frage lautete nämlich „Ja wo sollen sie denn laufen?“

Selbst bei Otto und Ottilie Normalbürger*in hat sich im Verlauf der Krise zumindest das schlechte Gewissen etabliert, dass der Mensch Bewegung braucht, um die Gesundheit zu fördern und Krisenkilos wieder abzubauen. Hobbysportler entdeckten Wald und Wiesen als Ersatz für gesperrte Sport- und Spielplätze, und so hielten sich auch die Spitzensportler fit. Letztere haben allerdings zum einen das Problem, dass sie ihre Höchstleistungen unter genormten Sportplatz-Bedingungen eintrainieren müssen, zum anderen brauchen sie regelmäßige Wettkämpfe, in deren Verlauf sie sich unter den Augen spezieller Kampfrichter „qualifizieren“ können, also Leistungen erbringen, die sie auf Ranglisten für hessische, deutsche oder letztlich internationale olympische Wettkämpfe setzen.

Wo und wie qualifizieren?

Vor diesem Hintergrund erschließt sich schnell, welche zusätzlichen Probleme Vereine wie zum Beispiel den Königsteiner Leichtathletikverein (KLV) beschäftigten, die in ihren Reihen auch Spitzensportler fördern. Dazu zählen unter anderem die beiden amtierenden Vize-Hallenmeister im Weitsprung Maryse Luzolo (Bestweite 6,61 m) und Gianluca Puglisi (7,81 m), die letztjährige Deutsche Siebenkampfmeisterin U23 Vanessa Grimm oder die Königsteinerin Lara Kohlenbach, 2018 U18-EM-Teilnehmerin.

Immerhin konnten die Bundesathleten seit Mitte April am Frankfurter Olympia-Stützpunkt trainieren, berichtet KLV-Vorsitzender Markus Kohlenbach, und seit dem 8. Mai war den Sportvereinen unter strengen Auflagen der Sportbetrieb von Amts wegen wieder erlaubt. Zuvor musste allerdings ein Hygienekonzept ausgearbeitet und genehmigt werden.

Obwohl der KLV erst 2013 gegründet worden ist und damit gewiss als ein junger Verein bezeichnet werden darf, ist es den Mitgliedern nun gelungen, die Corona-Krise zum so oft beschworenen mutigen Schritt voran zu nutzen. Ähnlich der Lehrlingsausbildung im Handwerk ist die Ausrichtung eines Wettkampfes zwar mit Kosten und Arbeit verbunden, aber ohne sie kann die Branche nicht existieren. Also beschloss der Vorstand, sich in der Phase des Stillstandes mit den Bedingungen vertraut zu machen, die für die Veranstaltung eines offiziellen Wettkampfes einzuhalten sind, erstens allgemein und zweitens im Sonderfall Corona. Gut fünf Wochen dauerte die heiße Planungsphase, allein sieben Seiten Hygienekonzept wurden erstellt – ein günstiger Zufall war dabei, dass Ärztin Dr. Astrid Eichhorn dem Verein als Vorstandsmitglied angehört.

Viel Unterstützung

Mit dem Konzept aus fachkundiger Feder fiel es schließlich relativ leicht, die Genehmigungen von Stadtverwaltung, Gesundheitsamt des Hochtaunuskreises und Hessischem Leichtathletikverband (HLV) einzuholen. Das ist übrigens kein einmaliger Vorgang, vielmehr werden von Ordnungsamt und Landespolizei regelmäßig Kontrollen durchgeführt, ob die Konzepte auch eingehalten werden, berichtet Jörg Pöschl, der als Erster Stadtrat und Vorsitzender der TSG Falkenstein umfassend informiert ist.

Für Unterstützung bedanken sich die Organisatoren noch einmal ausdrücklich bei der Stadtverwaltung, die von Genehmigungen bis zum Aufstellen von Absperrgittern dem Verein stets nach Kräften zur Seite gestanden hat. Eine besondere Leistung hat dabei Gerd Böhmig erbracht, der zwar vergeblich, dafür aber um so engagierter nach den Kabelkanälen gesucht hat, durch die eigentlich die Elektroleitungen verlegt werden sollten. Sie sind offenbar im Zuge von Umgestaltungsarbeiten verschüttet worden, aber Böhmig hat es sich zur persönlichen Aufgabe gemacht, die Rohre wieder aufzuspüren. Und das ist auch gut so, denn die Veranstaltung verlief derart zufriedenstellend, dass höchstwahrscheinlich weitere folgen werden.

Obergrenze 250 plus

In Zukunft sollen natürlich dann auch die Zuschauer rechtzeitig zum Wettkampf eingeladen werden, zum Beispiel per Ankündigung in der KöWo, denn auch Leichtathleten profitieren von anfeuerndem Publikum. Anlässlich einer Obergrenze von 250 Personen (nicht mitgerechnet Schiedsrichter und Organisatoren) machte der KLV zu seinem „1. Königsteiner Burgmeeting“ vorab keine große Werbung, da Zuschauer nur als Zaungäste teilnehmen konnten. Immerhin hatten die an der Abgrenzung einen guten „Altkönigblick“ auf den Platz, aber es sollte eben auch hier nicht zu Gedränge kommen.

Kampfrichter und Messtechniker

Auf dem Sportfeld tummelten sich am vergangenen Wochenende zur „Wettkampfpremiere“ knapp 150 Leichtathleten mit ihren Trainern, dazu zehn offizielle Kampfrichter des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) plus Assistenten und Messtechnik. Nebenbei bemerkt ist es gar nicht leicht, genug lizenzierte Kampfrichter einzuladen, da gerade hier auch ältere Semester ihren Dienst am Sport versehen – und die sind derzeit als „Risikogruppe“ gesperrt.

Interessant auch der technische Aufwand bei solch offiziellen Wettkämpfen: Windmesser, vollelektronische Zeitmessung und Zielfoto sind längst selbstverständlich. Tatsächlich hatten einige Sprinter etwas Pech mit Gegenwind, im Großen und Ganzen aber waren die Sportler hoch zufrieden, denn der „Altkönigblick“ verfügt – wie sich nun herausstellte – über einen „schnellen“ Laufbahnbelag. So fielen unter den 183 Zeiten, die die Ergebnislisten nach fünf Stunden füllten, einige persönliche Rekorde, ein hessischer U18-Rekord und etliche Qualifikationen für Meisterschaften. Das abschließende 1.500-Meter-Rennen war sogar das bislang schnellste in ganz Deutschland: Mit Zeiten zwischen 3:39,66 und 3:40,65 Minuten positionierten sich die drei schnellsten Läufer auf den Plätzen eins bis drei der aktuellen DLV-Jahresbestenliste.

Weitermachen!

Vom 100-Meter-Sprint über Hürdenlauf bis zum 1.500-Meter-Lauf maßen sich viele Sportler aus Hessen, aber auch aus Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg oder Bayern. Ein Teilnehmer kam vom Hamburger HSV, einer aus Dresden und eine elfköpfige Gruppe aus Dortmund, unter den Betreuern drei Landes- und zwei Bundestrainer.

Unisono herrschte große Zufriedenheit mit dem neuen Wettkampfangebot, wenn auch mangels Duschen und wegen der allgemeinen Ansteckungsgefahr die meisten Athleten spät anreisten, nach dem nötigen Aufwärmtraining ihren Lauf absolvierten und sich schnell wieder auf den Heimweg machten. Die Zeichen stehen aber auf eine Fortführung des „Burgmeetings“, sodass in den kommenden Jahren wohl auch der gesellschaftliche Teil nachgeholt werden kann.

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