Königstein (as) – Das Königsteiner Ritterturnier ist ein Riesenereignis für große und kleine Ritter und solche, die zumindest mal gerne in die romantisierte mittelalterliche Rolle schlüpfen wollen. Tausende stapften – teils standesgemäß gewandet, großteils aber als Zivilisten in den Kleidern einer noch fernen Zeit, wenn man es mal aus der Retrospektive betrachtet – am Samstag und Sonntag aus dem Lager im Park und der Stadt im Tal hinauf zur Burg. Sie alle, Groß wie Klein, wollten erleben, wie kühne Ritter mit ihren Knappen und Bodentruppen das 26. Ritterturnier zu Königstein ausfochten und was die Gaukler, Marktschreier, Musikanten und Köche aus früheren Zeiten feilzubieten hatten.
Eingeladen hatten wie immer am Wochenende nach Christi Himmelfahrt die stolzen Ritter von Königstein, nach Vereinsangehörigkeit noch immer gut 80 an der Zahl, um ihre Gäste aus nah und fern (auch einige fremdländische Sprachen waren zu vernehmen) mit einem „Seyd gegrüßt!“ zu empfangen. Offiziell tat das am Samstagnachmittag beim Einzug auf den Turnierplatz ihr Herold Christian (Bandy), der in der Neuzeit bei der Stadt zu Fuße der Burg eine Anstellung gefunden hat.
Und diesmal war auch der Wettergott, der im Mittelalter sicher noch ganz anders angebetet wurde als heute ein Satellitenfoto, im Bunde mit den Rittern und ihren Gästen. „Wir sind zufrieden“, sagte Ritter Holger Le Savant, bürgerlich Holger Hunkel, schon am Samstagnachmittag, als er einen Blick auf den voll besetzten Hang am Turnierplatz warf, der einer ausverkauften Stadiontribüne glich. Im Vorjahr hatte die Burg wegen einer Wetterwarnung zwischenzeitlich sogar geräumt werden müssen. Diesmal hatten der Regen und die Kälte der Vortage zwar drei Händler und eine Mittelaltergruppe davon abgehalten, den Weg nach Königstein anzutreten, aber das fiel nicht weiter ins Gewicht.
Holger schwärmte vom „tollen Entrée“ – den Blick aus dem Park über das Ritterlager hinauf zur Burg, die mit vielen gehissten Flaggen und über die Zinnen hinausragenden Zelten tatsächlich wieder aussah, als sei sie um einige hundert Jahre in der Zeit zurückversetzt worden.
Die Königsteiner Ritter hatten – wie ihre Ehrengäste, die Württemberger Ritter – ihr Lager wieder oben auf der Burg aufgeschlagen. 18 Mitglieder der Ritter von Königstein, die bereits eine Woche vor Beginn des „Turneys“ mit dem Aufbau begonnen hatten, nächtigten ab dem Mittwoch volle fünf Nächten in Zelten in ihrem Lager hinter dem Turnierplatz. Echte Ritter und Burgfräulein, Damen und Recken nehmen in ihrem Rollenspiel die Komfortdefizite des Mittelalters klaglos in Kauf. „Es ist das Abschalten vom Alltag, das Eintauchen in eine andere Walt“, erklärte Anna von Drachenfels (Anke Dyhringer, die 2. Vorsitzende), dass so ein Ausflug ins Mittelalter wirklich etwas mit einem mache. Auch warm unter Decken und Fellen: „Ich habe gut geschlafen“, so Anna. Tochter Jessica, vor zwei Jahren auch „offiziell“ Königsteiner Burgfräulein gewesen, teilt die Leidenschaft der Mutter, ist mit vollem Herzen dabei, wie viele andere auch: „Der Helferplan ist voll, manche haben gar keinen Dienst mehr bekommen“, erzählte sie. Ja, früher im Mittelalter (vielleicht auch noch etwas später), da war der Gemeinsinn doch noch ein anderer.
Da die schlauen Ritter aber wussten, dass ihre Gäste durchaus eine kleine Aufwärmung zwischendurch würden gebrauchen können, hatten sie an ihrem Marktstand im Burghof erstmals einen besonderen Trunk im Angebot: heißer Gewürzwein. „Der Name macht neugierig, er ging richtig gut“, so Schatzmeisterin Claudia Müller augenzwinkernd über das süße alkoholische Tröpfchen, das sich heutzutage Glühwein nennt.
Kinderschlacht mit Schaumstoff
Die Ritter von Königstein hatten sich für dieses Jahr noch mehr Neues einfallen lassen. Nach den beiden frühen Ritterturnieren am Samstag und Sonntag fand jeweils eine „Kinderschlacht“ statt. Was martialisch klingt, war natürlich ein Riesenspaß für die Generation, die mit „Der kleine Ritter Trenk“ und „Ritter Rost“ aufgewachsen ist, vielleicht auch schon erste Bekanntschaft mit Robin Hood, König Artus und Lancelot gemacht hat. Die Geschichte geht in Kurzform so: Der Schurke Merlin von Waldeck hat Anna von Drachenfels ihren Schatz gestohlen. Die stellt sich tapfer allein mit einem alten Mann und ihrer Tochter der gegnerischen Truppe und verkündet, eine noch größere und stärkere Armee hinter sich zu versammeln. Und schon werden alle Kinder auf der Burg zum Turnierplatz gerufen, mit Schaumstoffschwertern (welche die Ritter angeschafft hatten, Holz wäre zu gefährlich gewesen) ausgerüstet, gehen zu mehr als Hundert auf die gegnerische Meute los und schlagen diese zu Boden. Der Schatz ist zurückerobert, die Kinder gewinnen.
So war das auch beim Kinderritterturnier, wo die Kleinen für einen Goldrandtaler (einen Euro) einige Geschicklichkeitsprüfungen zu bewältigen hatten. Urkunde und Gummibärchen waren ihnen auf jeden Fall sicher. Die Einnahmen fließen wie in jedem Jahr an einen guten Zweck zugunsten von Kindern. „Kinder für Kinder“ ist das Motto der Ritter, die mit dem Spielspaß jedes Mal einen schönen vierstelligen Betrag erlösen.
Prinzessin im Turney gerettet
Was die Massen auf der Burg aber vor allem erleben wollten, war das „große“ Ritterturnier, aufgeführt von den rund 60 Rittern von Württemberg – selbst wenn das jedes Jahr nach einem ganz ähnlichen Muster abläuft und natürlich ebenfalls ein gutes Ende nimmt. Hier ist Prinzessin Katharina, die Tochter des Herrn von Grafeneck, vom hinterlistigen Affric O’Brian entführt worden, um sie dem Drachen zu opfern und diesen damit aus seinem Verließ auf Burg Königstein herauszulocken. Der Vater ruft zum Turney, dessen Sieger seine Tochter erhalten soll. Und so treten der edle Wolfgang von Drachenfels und sein Ritter Justus von den Illerauen mit Affric O’Brian und dessen Adjutanten Johann von Schauroth hoch zu Ross in den Wettkampf. Bei acht Prüfungen – darunter beim „Hälseschlagen“, beim Rolandreiten, beim Ringeaufstechen und zum Abschluss bei der Königsdisziplin „Tjost“, dem Lanzenreiten – gibt es viel Gaudi, dazwischen einige Raufereien und Schwertkämpfe der Knappen, und am Ende sind Wolfgang und Justus knapp die gefeierten Sieger. Die Tochter ist vor dem Monster gerettet, die einst verfeindeten Truppen verbünden sich, um endlich den Drachen zu bändigen und kommen kurz darauf mit einem Gummivogel im Papageienkäfig siegreich aus dem Dunklen Bogen zurück.
Nach dieser Spannung wollten Durst und Hunger gestillt werden, vor allem auch bei den Zuschauern des Spektakels. Ob Hexenfladen, „Goldlocken“ aus Kartoffeln, Langos oder Gegrilltes von der Wurstbraterei, dazu Metbier, Kirschbier oder auch alkoholfreie Tropfen: Die Mischung aus mittelalterlich angehauchten und neuzeitlichen Angeboten war hervorragend, die Schlangen entsprechend lang.
Etwas ruhiger ging es oberhalb im Mittleren Rondell auf dem Markt zu. Tuchweber, Kerzenzieher, Seyfenmacher, ein Steinmetz und ein Schmied sind anzutreffen. Und eine junge Frau, die tatsächlich aus Budapest angereist war, spielte auf einer Ocarina, das ist eine Art Flöte aus Terracotta, schöne Töne, die allerdings gegen die allgegenwärtigen Dudelsäcke bestehen musste. Händler boten von Pfeil und Bogen über Silberschmuck und Mineralien bis hin zu Trinkhörnern ihre mittelalterlichen Waren an. Beim Werken für Kinder entstanden Speckstein-Ketten. Und bei Flechtwerkgestalterin (das ist allerdings die aktuelle Berufsbezeichnung) Kathrin Pfahl aus Merzig-Wadern im Saarland konnten sich fingerfertige Menschen anleiten lassen, aus Peddigrohr in 30 bis 45 Minuten selbst kleine Körbchen zu flechten. Die junge Frau, die im realen Leben vor allem Heißluftballonkörbe flechtet, war mit ihrer Mutter Daniela das erste Mal in Königstein beim Ritterturnier dabei. „Es wäre schön, wenn ich nochmal eingeladen würde“, sagte sie etwas bescheiden. Vielleicht wird sie erhört ob ihrer schönen Künste, wenn die Ritter von Königstein im Jahr 2027 wieder eine Einladung ins Mittelalter aussprechen und erneut einige Tausend auf die Burg Königstein strömen werden.



